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Rendez-vous littéraire

Die Gewinner des Übersetzungsexperiments stehen fest!

Rendez-vous littéraire

Rendez-vous littéraire. Ein französisch-deutsches Literaturfest - 26/05/14

Emmanuelle Pagano und Terézia Mora

TANDEM: " Liebe und Verrat" aus der Sicht von Emmanuelle Pagano und Terézia Mora

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In Kooperation mit der Akademie der Künste in Berlin

Emmanuelle Pagano: Auf dem Baum

Mein Mann ist Akkordeonist. Er spielt auf Bällen, Hochzeitsfeiern, Geburtstagen und Pensionierungen und manchmal begleitet er Plaudereien auf Kulturabenden, Lesungen, Lyrik, Verkostungen von Spezialitäten.

Ich bin ihm auf der Hochzeit meiner besten Freundin begegnet. Mir war derart langweilig, dass ich anfing, die Leute zu betrachten. Zwar habe ich immer ein Buch dabei, aber aus Angst, unhöflich zu sein, holte ich es nicht aus der Tasche. Also betrachtete ich die Leute, sie waren alle steif und zugeschnürt. Nur einer breitete die Arme aus, und das war er. Zum Musizieren umarmte er die Luft, empfing einen unsichtbaren Frauenkörper, atmete mit großen Gebärden. Und ich fiel in die Öffnung seiner Arme, setzte alles auf sein Lächeln und wusste, ich würde ihn heiraten.

Diese Leere, dieses Schnaufen wollte ich buchstäblich ausfüllen, ich wollte mich in seine Brust kauern, dieser Körper sein, diese Harmonie, dieser Akkord. Meine Welt ist nicht die Musik, sondern im Gegenteil, das Geräusch. Das Geräusch der Bäume und der Werkzeug-Maschinen. Das Kreischen, Reißen, Krachen und Knirschen, das Gellen und Schwellen der Motoren. Nicht das Ausbreiten der Arme, sondern die Härte der Schenkel, die sich fest um die Äste pressen.

Ich bin selbständige Baumschneiderin. Ich sage nie Baumschneider. So heißen die Geräte und Werkzeuge, wie der TeleskopBaumschneider. Ich will nicht nach einem Gegenstand klingen. Ich bin eine Frau. Also Baumschneiderin, und zwar selbständig. Andererseits sagt man auch nicht Modeleuse sondern Model, Autorin zwar, aber nicht Romancière, oder selten. Umgekehrt heißt es ja auch nicht Wacher.
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Emmanuelle Pagano
Biographie und Bibliographie

Hoch auf den Bäumen, die zu brechen drohen, bin ich eine Wache. Und wär ich ein Mann, so bliebe ich doch eine Wache. Ich sehe in die Ferne. Sogar von unten, allerdings in die Ferne der Zeit. Ich beobachte. Plane. Betrachte das Laubwerk und kenne die Zukunft des Baums. Manchmal klettere ich so weit hinauf, dass mir scheint, als hockte ich im Morgen der Menschen und der Landschaft.

Mein Mann bleibt immer mit beiden Beinen auf der Erde, über sein Akkordeon gebeugt. Weiß nicht einmal, wie die Bäume heißen. Er hat nie recht verstanden, warum ich diesen Beruf ausübe, warum ich mich darauf versteife, behelmt, mit Schutz für Gesicht und Gehör, durch die Kronen und den Lärm zu krauchen, und das alles für bloß ein paar läppische Franc. Denn damals, als unsre Beziehung noch hielt, da waren es Franc. Jetzt, im Streit, rechnen wir in Euro ab. Früher sah er mir noch zu und hob dabei den Blick, dann seilte ich mich ab, entlang der Rinde, um mich an seine musikalische Brust zu lehnen. Ich hörte die Geräusche seines Herzens, den chaotischen Takt des Begehrens.

Jetzt möchte er, dass ich endgültig von den Buchen steige und mich an den Herd stelle. Dabei habe ich ihn nie einen einzigen Scheit spalten sehen, trotz der Weite seiner Arme. Anfangs kam er gern zu mir auf die Baustelle. Ich glaube, er fand mich sexy mit den Gurten und der Motorsäge auf dem Rücken, und wenn ich sie mit den Händen packte, die Schenkel fest um einen bruchsicheren Ast gepresst, wenn ich sie anließ und ihm im berstenden Krach des geopferten Astes zurief, aus dem Weg zu gehen, dann begehrte er mich.

Jetzt ist es vorbei, auch wenn ich noch immer den Flaschenteufel spiele, in den Eschen, nicht die Flaschenteuflin, denn die gibt es nicht. Dann steig ich wohl besser vom Baum.

Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer-Semlinger



Terézia Mora: Halldor Roses Ausflug aus der Hölle

(Ich war in deiner Wohnung, sagt Wanda Rose in Gedanken zu ihrem Bruder Halldor, während sie durch die Rushhour aus der Stadt hinausfahren. Ich habe dem Typen, von dem du die Wohnung mietest, solange zugesetzt, bis er achselzuckend kleinbei gab. Keine Sorge, ich habe nicht in deinem Wäschekorb gewühlt, damit habe ich in meinem eigenen Leben mehr zu tun, als mir lieb ist. Nein, ich habe keinerlei Zeit verloren, ich bin gleich dorthin gegangen, wohin man in
solchen Fällen gehen muss: zum Gewürzregal und an den Computer.

Du schaust dir also Pornos an, uninteressant, und du nimmst Drogen, und zwar nicht irgendwelche. Man hört von Leuten, die sich im Engelstrompetenrausch Körperteile abgetrennt haben. Konkret Zunge und Penis. Ich möchte nicht, dass du dir Zunge und Penis abtrennst. Dasselbe habe ich auch zu meinem Sohn gesagt. Er hat mich – nicht mit diesen Worten – darum gebeten, nicht über seinen Penis zu sprechen und auch nicht über seine Zunge, ich solle, gottverdammtnochmal, bei aller Liebe, einen gemessenen Abstand halten, schließlich sei ich seine Mutter und er ein Fünfzehnjähriger.

Du bist keine fünfzehn mehr und du bist mein Bruder, selbst wenn ich dich in der Stunde deiner Geburt bereits im Arm gehalten habe und behauptet, du seist mein Baby, bist du es nicht, also rede ich nicht von deinem Körper, dieser ist mir nicht so wichtig - übrigens irrt sich auch mein Sohn, auch seiner ist mir nicht so wichtig, wie er denkt; man kann mit dem Körper eines anderen in Wahrheit keine enge Beziehung haben - und ich sage auch nicht, wovor ich mich stattdessen so fürchte, ich würde, wenn ich überhaupt reden würde, es im Plauderton fragen: Wozu nimmst du eigentlich dieses Zeug? Ich würde diesen Plauderton anschlagen, um die Chance auf eine Antwort zu haben, denn wenn ich sagen würde, was ich denke, und wenn ich es so sagen würde, wie ich es fühle, wäre alles verloren, du würdest mich nur noch trösten wollen oder mich zum Teufel schicken oder sonst wohin, scher dich nur weg!, mit meiner Angst, die ich, ich weiß nicht, seit wann, seit geraumer Zeit habe: dass du dich eines Tages umbringen könntest.

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Terézia Mora
Biographie und Bibliographie
Die Möglichkeit, deine Fähigkeit dazu, spricht aus jedem Millimeter deiner Haut... (Erbarme dich. (Ich würde dich nicht wegschicken, ich würde anerkennend und mitleidig lächeln: Was ist meine Schwester nur für eine kluge Frau! Du weißt in der Tat vieles, von Natur aus, was ich niemals wissen werde, aber hier liegst du falsch. Ich bin alles andere, als der Typ für Selbstmord. Ich bin der Typ für Drogen. Ich kann dir sagen, warum ich sie nehme: aus der reinen Experimentierfreude heraus. Ich bin Wissenschaftler. Und außerdem: Ich kann doch machen, was ich will?

Erzähl mir nichts. Erzähl mir bitte vor allem nichts von Gottgefälligkeit. Ich wurde in diese religiöse Familie hineingeboren, dagegen kann man nichts machen, und wenn du die Tradition fortsetzt und mit Mann und Kindern regelmäßig Gottesdienste, Litaneien, Beichten und Umzüge mitmachst, ist das deine Sache. Aber ich... Warum ich dann behauptet habe, mit Gott gesprochen zu haben? Weil ich auf einem Trip war! Jetzt ist dieser vorbei, aber ich behaupte es noch ein wenig weiter, nicht zuletzt, um dich zu ärgern.) (Warum muss man mich ärgern?) Ich weiß auch nicht. Das hat sich so eingebürgert. Weil du so resolut fürsorglich bist. Oder fürsorglich resolut. Im Prinzip mag ich dich dafür. Ja, du hältst die Familie zusammen.

In der Praxis ist das nicht länger als eine Stunde oder zwei zu ertragen. Wenn ich es länger ertrage, wenn ich zum Beispiel hier in diesem Auto sitzen bleibe, um hinausgefahren zu werden aufs Land, wo wir beide herkommen, wo du immer noch wohnst, und wo ich nur solange gewohnt habe, wie es das Gesetz von mir verlangt hat, dann nur deswegen und so, wie ich alle in Wahrheit unerträglichen Situationen meines Lebens ertrage. Es ist mein Pech und Glück quasi permanent gelähmt zu sein. Wenn es mir gelingt, Tag für Tag die Dinge zu tun, die minimal erforderlich sind, um den Anschein zu erwecken, ein funktionierendes Mitglied dieser Gesellschaft zu sein – aufstehen, Körperhygiene, etwas anziehen, etwas essen, aus dem Haus gehen, Verkehrsmittel benutzen, bei der Arbeit erscheinen, sich an seinen Platz setzen, gelegentlich mit jemandem reden, gelegentlich sogar vor größerem Publikum etwas präsentieren, nach Ablauf der Zeit alles wieder rückwärts tun, bis man wieder in seinem Bett liegt, dessen Rahmen aus unbekannten Gründen neulich einfach auseinandergefallen ist – wenn ich all das schaffe, fühle ich mich schon wie ein Held.

Ihr alle wisst nicht, Wanda, was es mich für eine tapfere Anstrengung kostet, normal zu sein. Ich wünschte, ich könnte die Courage aufbringen, einfach zu verwahrlosen. Nichts mehr tun. Die Wohnung nicht mehr verlassen. Die Vorräte aufessen und dann einfach schön leise krepieren. Zum Schluss wären nur noch die Kräuterchen da, die nehmen, um sich den Schluss zu erleichtern. Hauptsächlich den Hunger. Dass ich Hunger habe, hält mich davon ab, zu sterben. Wenn ich ab und zu gedacht habe, ich werde jetzt hier liegen bleiben, bis ich sterbe, wurde ich am Ende vom Hunger hochgetrieben. Lach nicht.) (Ich lache nicht. Ich weine fast. Wenn ich eine wäre, die weint. Niemals. Schon sehr lange her. Als Kleinkind vielleicht. Bevor der erste von euch geboren wurde. Ich kann nur sagen: Mein Herz bricht.
Meine Liebe zu dir ist hilflos, wie Mutterliebe. Nein, nicht ganz so. Diese ist einmalig. Wenn mein Kind sterben wollen würde, wäre das mein schwärzester Moment. Du bist nicht mein Kind, dennoch ist diese Vorstellung: tief dunkel.)

Langes Schweigen in Gedanken. Dann, er: (Ich gehe immer dann auf einen Trip, wenn mich die Liebe verlässt. Damit meine ich: wenn ich feststelle, dass ich nicht liebe. Natürlich rede ich nicht von irgendwelchen amourösen Geschichten. Banalitäten. Nein, ich rede davon, dass mir von einem Augenblick zum nächsten klar wird: es ist keine Liebe in mir. Gegenüber niemandem. Lebenden, Toten, Realen, Vorgestellten, Menschen, Tieren, Pflanzen, Ideen, dem ganzen Rest der Schöpfung gegenüber, dem Schöpfer gegenüber – nichts. Mir selbst gegenüber: sowieso nicht. Diese Frage steht gar nicht im Raum, also komm mir auch nicht damit. Ich empfinde aber nicht nur keine Liebe nicht, da ist auch kein Hass, keine Verachtung, keine Furcht, kein liebloses Begehren, ja nicht einmal Gleichgültigkeit.

Ich bin, hör mal zu, ruft Halldor Rose seiner Schwester zu, während sie schweigend fahren, hör mal, ruft Halldor Rose seiner Schwester Wanda zu, nicht einmal gleichgültig! Kannst du dir so eine Leere vorstellen? Natürlich kannst du das nicht. Du kannst das nicht.) (Aber wenn da NICHTS ist, wie kommst du darauf, ausgerechnet das Fehlen der Liebe zu bemängeln?) (Weil sie mir am meisten fehlt, deswegen. Es geht mir gar nicht darum, geliebt zu werden. Mir scheint, ich komme ganz gut ohne das zurecht.

Deine Liebe zu mir ist eine Verpflichtung, die mich belastet. Aber ICH möchte lieben. Meine Mitmenschen. Ja, ich spreche von Nächstenliebe.) (Du hast Depressionen), würde die kluge Wanda sagen. (Kann sein), würde Halldor Rose sagen. (Vielleicht habe ich AUCH Depressionen. Ich wäre nicht bereit, eine Therapie zu machen, ich wäre bereit, Chemie zu nehmen, aber, süße Wanda, am Eigentlichen würde das nichts ändern.

Ich habe keine Liebe in mir. Ich lebe damit die meiste Zeit gerade auf dem Grat, der da heißt: Erträglichkeit. Wenn ich von dort herunterrutsche, werde ich wieder Drogen nehmen. Das ist, behaupte nichts anderes, eine saubere Sache. Ich sollte dir all das vielleicht doch wirklich erzählen, damit du, falls es mal schief geht, das heißt: gelingt, nicht so unnötig traurig bist.).

Erstellt: 15-04-10
Letzte Änderung: 26-05-14