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ARTE & Leipziger Buchmesse - 24/03/06

Eleonora Hummel: Der rote Teppich

Leseprobe

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Auszug aus "Der rote Teppich"

Das erste, was mir an diesem Zug auffiel, war der rote Teppich im Gang. Vor Jahren mochte er dick und flauschig gewesen sein, aber als ich ihn unter meine Füße bekam, war er ausgetreten und verblaßt. Dennoch hatte er etwas Märchenhaftes, dieser Teppich, von dem ich glaubte, er sei Zügen auf internationalen Strecken vorbehalten. Wie selbstverständlich standen die Namen großer Metropolen auf den Wagenschildern. Moskwa-Berlin.

Eleonora HummelIch schritt wie eine Diva über den roten Teppich zu unserem Abteil. Neben uns spielte eine Familie bis tief in die Nacht Schafskopf. Am Bahnhof in Brest hieß es, wer jetzt den Zug verlasse, dürfe ihn die nächsten zwei Stunden nicht wieder betreten, weil er in dieser Zeit auf europäische Breitspurgleise umgestellt werde. Wir blieben sitzen. Zwei Stunden Besichtigungszeit für den Bahnhof von Brest waren nach Meinung meiner Eltern eindeutig zuviel.

Ich merkte kaum, wie der Zug angehoben wurde. Es ruckelte ein paar Mal. Niemand sagte uns, daß der Speisewagen vor der polnischen Grenze abgehängt wird. Die Zollbeamten hielten sich lange mit dem Gepäck unserer kartenspielenden Mitreisenden auf, prüften jede Naht in der Unterwäsche. Ich hatte zuvor noch mit Mutter herumgealbert, ob sie etwas einzunähen hätte in ihren Kleidersaum wie die revolutionsflüchtigen Fürstentöchter auf dem Weg nach Paris. Warum ausgerechnet Paris, hatte Mutter gefragt und überhaupt nicht gelacht. Die Zöllner warfen nur einen Blick auf unsere drei Koffer und gingen weiter. Mutter verteilte die letzten Butterbrote aus ihrem Vorrat. Mit vollem Mund
ahnte ich nichts von der Größe Polens.

Um die Mittagszeit wollte Vater uns zum Essen ausführen. Einer nach dem anderen trotteten wir durch den Zug, der an den Wagenübergängen gefährlich wackelte und wo die Fahrgeräusche sich mit dem Wind zu einem tosenden Lärm vermischten. »So eine Zugfahrt hat doch etwas Abenteuerliches!«, rief Vater, und noch abenteuerlicher wurde es, als wir den Speisewagen nicht fanden und hungrig in unser Abteil zurückkehren mußten.

Eleonora Hummel zu Gast bei ARTE am 19. März 2006 auf der Leipziger Buchmesse»Hm, wer hätte das gedacht, daß die den Speisewagen abhängen! Aber wir haben sicher noch etwas Eßbares dabei, Hilda?«, fragte Vater unsere Mutter und machte nicht den Eindruck, als hätte er seine Freude an abenteuerlichen Zugfahrten. »Du hast gesagt, wir brauchen nichts, es gäbe hier einen Speisewagen.« »So, habe ich das?« Vater rieb sich am Kinn. »Na gut, dann laßt uns bis Warschau Tee trinken. Dort wird es am Bahnhof Händler geben.« Unter die Zuggeräusche mischte sich bald unser Magenknurren. Am lautesten knurrte der Magen von Vater, aber er sagte, es sei der von Mutter. Meiner knurrte nur ein bißchen. Ich hatte in meiner Tasche noch ein paar Lutschbonbons gefunden und teilte sie mir ein: pro Stunde eins. Noch bevor der Zug auf dem Warschauer Hauptbahnhof hielt, versuchte Vater einen Blick auf das gastronomische Angebot am Bahnsteig zu erhaschen. Er wurde nicht enttäuscht. Unser Wagen kam direkt vor einem Kiosk zum Stehen, der heiße gefüllte Teigtaschen anbot. »Hilda, schau dir das an, wenn das keine Vorsehung ist!« Vater schritt entschlossen zum Ausgang, machte aber plötzlich kehrt, die rechte Hand auf seiner Gesäßtasche, wo er die Geldbörse aufbewahrte. »Hilda, mir fällt ein, hier zahlen sie mit Zlotys. Haben wir Zlotys?«

Mutters Gesicht drückte aus, daß es sich um eine völlig ungehörige Frage handelte.
»Natürlich nicht. Woher sollten wir Zlotys haben, Albert Schmidt?« Wenn Mutter sich ärgerte, nannte sie Vater bei seinem vollen Namen. »Aber du hast sicherlich schon einmal von Wechselstuben gehört? Ich sehe da eine direkt am Eingang.
« Vater folgte ihrem Blick. »Die ist zu weit weg.«
»Wir bleiben ja lange genug stehen.«
Während meine Eltern über die Entfernung zur nächsten Wechselstube stritten, schlich ich mich zur Wagentür. Sie war verschlossen. Im Glauben, niemand beachte mich, zog ich vorsichtig am Griff.
»Die Türen bleiben zu! Niemandverläßt den Zug!«, blaffte die Schaffnerin, die plötzlich hinter mir stand. Widerspruchslos ging ich zurück zu unserem Abteil, wo Vater und Mutter sich immer noch nicht einig waren, wer daran schuld sei, daß wir keine Zlotys umgetauscht hatten und nun ohne Essen bleiben mußten. Andere Mitreisende hatten über das Zugfenster, das sich im Gang einen Spalt breit öffnen ließ, Proviant von polnischen Händlern erstanden.

Die Nase an die Glasscheibe gepreßt, sah ich hinaus auf das Treiben am Bahnsteig. Ich war zum ersten Mal in einem fremden Land. Aber den roten Teppich durfte ich nicht verlassen. Ich würde später nicht einmal behaupten können, ich sei in Polen gewesen.
Als unsere Schaffnerin zur Abfahrt pfiff, glaubte Vater immer noch, daß es gut war, nicht zur Wechselstube zu gehen. »Ich hätte den Zug verpassen können und dann wärt ihr jetzt ohne Geld und Pässe«, sagte er.
»Ach Albert«, sagte Mutter.
Eine zeitlang saßen wir uns schweigend gegenüber.
»Wir könnten noch einen Tee trinken«, schlug Vater vor. »Wasser ist ein wertvolles Nahrungsmittel.
« Niemand antwortete ihm. Willi kletterte nach oben, um Kreuzworträtsel zu lösen. Ich verließ das Abteil und zählte auf dem Gang die Schritte von dem einen bis zum anderen Ende des Wagens. Am späten Nachmittag half das alles nicht mehr gegen das Hungergefühl.
Hinter dem Fenster zog eine immer gleiche Landschaft vorbei. Meine Nase nahm von überall her Gerüche wahr, die Ohren hörten jedes Rascheln von Zeitungspapier, aus dem die Leute ihre Reiseverpflegung auspackten.
Vater trommelte mit den Fingern eine Melodie auf die Tischplatte, die Willi erraten sollte. Meine Augen fielen zu.
Als ich aufwachte, waren wir schon in Frankfurt an der Oder. Etwas versetzte meinen Vater in Aufregung. An der polnisch-deutschen Grenze hatte unser Zug einen Mitropa-Speisewagen bekommen.
»Das ist jetzt Deutschland«, sagte Vater und holte mit der Hand aus, um mir Deutschland zu zeigen, aber draußen war es bereits dunkel und ich sah nichts außer ein paar Lichtern in der Ferne. (Aus einem unveröffentlichten Roman)
(Bild: Markus Kirchgessner)

© Eleonora Hummel


Erstellt: 13-03-06
Letzte Änderung: 24-03-06