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Cannes 2006 - Offizieller Wettbewerb - 17/09/08

El labirinto del fauno

Ein Film von Guillermo Del Toro


Zwischen Märchen und blutigem Kriegsfilm erzählt El labirinto del fauno in ergreifenden Metaphern von verlorener Unschuld und politischem Gewissen.
Blicken Sie jetzt in die ARTE-Sterne!

mit Ivana Baquero, Sergi Lopez, Maribel Verdu, Doug Jones, Ariadna Gil…

Synopsis: Spanien im Jahr 1944. Der Bürgerkrieg ist seit fünf Jahren zu Ende. Carmen hat kürzlich erneut geheiratet und zieht mit ihrer Tochter Ofélia zu ihrem neuen Ehemann, dem autoritären Vidal, einem Hauptmann der Franco-Armee. Bei ihren Bemühungen, sich an das neue Umfeld zu gewöhnen, entdeckt das kleine Mädchen in der Nähe des Hauses ein geheimnisvolles Labyrinth. Pan, eine merkwürdige, magische Gestalt und der Wächter des Ortes, verkündet ihr, dass sie keine Geringere als die verschwundene Prinzessin eines verzauberten Königreiches sei. Um die Wahrheit herauszufinden, muss Ofélia drei gefährliche Prüfungen überstehen, auf die sie nicht vorbereitet ist.

Im Gespräch mit Guillermo Del Toro


Kritik: In direkter Nachfolge zu „The Devil’s Backbone“ vermischt Guillermo del Toro in seinem neuen Film einmal mehr härteste Realität (das Franco-Regime) mit einer Fantasiewelt. Angesiedelt zwischen Kriegs- und Märchenfilm für Erwachsene öffnet „El labirinto del fauno“ gewissermaßen Türen und knüpft Verbindungen zwischen zwei – sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne – dunklen Welten. Diese stehen sich in ihrer Unerbittlichkeit quasi wie Spiegel gegenüber. Die kleine Ofélia, die sich für Zaubergeschichten begeistert, zieht mit ihrer schwangeren Mutter zu ihrem Stiefvater, dem grausamen und herzlosen Hauptmann Vidal. Dort, in den tiefen Gebirgswäldern, tobt der Kampf zwischen den Truppen des Franco-Regimes und den Widerstandskämpfern. Als es die Ruinen eines heidnischen Labyrinthes entdeckt, begegnet das Mädchen dem Faun Pan, der ihr eröffnet, sie sei die Wiedergeburt einer Prinzessin und habe drei große Prüfungen zu bestehen, um ihren Vater und dessen Königreich wiederzufinden.

Guillermo del Toro bedient sich hier geschickt mehrerer Metaphern und Symbole, um eine Kindheit in einer Welt zu beschreiben, die zu schrecklich ist, als dass sie ungeschminkt dargestellt werden könnte. Der Film beginnt beim Ende: Blut fließt rückwärts in die Nase des kleinen Mädchens, und mit diesem Übergang vom Tod ins Leben beginnt ein Rückblick. Ofélia kommt auf einer Straße an einem toten Baum vorbei, der aussieht wie ein Körper ohne Kopf. Eine egoistische Kröte hat ihn getötet, um sich von ihm zu ernähren. Dieser Baum könnte als Symbol für das Land, und die Kröte für seinen Diktator stehen. Sergi Lopez spielt in der Figur des Vidal ein Monster des Franco-Regimes, das keine Seele mehr besitzt und wie in Dauerschleife gedankenlos tötet und quält: Seine Taten, seine Worte und auch seine Hilfsmittel sind immer dieselben. Doch die Uhr seines Vaters hält ihm ständig vor Augen, dass er nichts weiter als das Gegenteil eines Helden ist. Das Thema Vaterfigur zieht sich wie ein roter Faden durch den Film: sowohl für Ofélia, die ihren Vater, den König, wiederfinden möchte, als auch für ihren brutalen Stiefvater, dessen sehnlichster Wunsch nach einer Vaterschaft ihm verwehrt bleiben soll.

Das Schicksal der Protagonisten nimmt seinen Lauf. Im wundersamen Universum dieses Werkes verbirgt sich eine abgrundtiefe Traurigkeit, die an Filme von Tim Burton oder aber an die gruselig-melancholischen Gemälde von Mark Ryden erinnert. Geschöpfe des Waldes und insektenhafte Feen führen Ofélia in ihren Untergang. Der wunderbare Gott Pan, der ebenso beeindruckend wirkt wie der Teufel in „Legend“, fasziniert und verängstigt das kleine Mädchen zugleich. Es begegnet einem furchterregenden bleichen Mann, dessen Augen auf seinen Händen sitzen, die er neben seinen Kopf hält. Auf mittelalterlichen Fresken erkennt Ofélia ihn als kinderfressendes Ungeheuer. So ist auch diese Gestalt auf ihre Weise ein Symbol für den Krieg – genau wie die riesenhafte Kröte für den Individualismus steht und das Kind für die verlorene Unschuld. Ofélia sucht nach Pan wie nach dem weißen Hasen, fällt in den Baum, geht durch Mauern, flieht in das Labyrinth. Am Ende durchquert sie den Spiegel und kann nicht mehr zurück – wie Alice im kriegsverwüsteten Horrorland.

Delphine Valloire

Erstellt: 27-05-06
Letzte Änderung: 17-09-08