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Kino auf ARTE - 22/06/12

Eine schwedische Liebesgeschichte

(En Kärlekshistoria)
Spielfilm, Schweden, 1969, ZDF, 114 Min.
Regie: Roy Andersson, Drehbuch: Roy Andersson, Kamera: Jörgen Persson, Musik: Björn Isfält, Jan Bandel, Produktion: AB Europa Film, Produzent: Ejnar Gunnerholm
Mit: Ann-Sofie Kylin (Annika), Rolf Sohlman (Pär), Anita Lindblom (Eva), Bertil Norström (John Hellberg), Lennart Tellfelt (Lasse), Margreth Weivers (Elsa), Maud Backéus (Gunhild), Verner Edberg (Verner)

"Eine schwedische Liebesgeschichte" erzählt von Freude und Schmerz einer ersten jungen Liebe im Schweden des Jahres 1969. Roy Anderssons herausragendes Regiedebüt ist großes Kino, berührend und authentisch. Bei der Berlinale 1970 mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, war der Film ein Favorit auf den Goldenen Bären, der wegen des damaligen Eklats um Verhoevens "O. K." nicht vergeben wurde.



Ein Blick und die Liebe bricht aus. Es dauert nur einen Wimpernschlag. Etwa so lang, wie - gemessen an einem Leben - jener Augenblick der Unschuld zwischen Kindheit und Erwachsenenalter. Die 14-jährige Annika und der 15-jährige Pär lernen sich in einem Park kennen.
Während Pärs Familie den kranken Großvater zu einem Picknick im Grünen aus dem Krankenhaus geholt hat, feiert Annikas Familie den Geburtstag des Kindermädchens Eva. Durch einen Zufall finden sich die beiden gesellschaftlich in höchst unterschiedlichen Schichten angesiedelten Familien plötzlich an benachbarten Tischen.
Im warmen, flirrenden Licht eines kurzen schwedischen Sommers Ende der 60er Jahre nimmt das zarte Spiel der Annäherung zwischen den beiden Jugendlichen seinen Anfang. Pär und Annika verlieben sich. In ihrer aufblühenden Leidenschaft, ihrer Unbefangenheit und ihrer Ernsthaftigkeit bei der Suche nach Liebe und Glück sehen sie sich konfrontiert mit einer scheinbar freizügigen Welt der Erwachsenen, die dennoch geprägt ist von Starrheit, Frustrationen und Narreteien. In einer geradezu hypnotischen Schlusssequenz, in der sich betrunkene, mit Lätzchen und kleinen Narrenhüten geschmückte Erwachsene im Nebel verlieren, wird die bürgerliche Gesellschaft in ihrer Absurdität der Lächerlichkeit preisgegeben.

"Eine schwedische Liebesgeschichte" (En Kärlekshistoria) ist der erste Spielfilm des schwedischen Autors und Regisseurs Roy Andersson ("Songs from the Second Floor"; "You, the Living"). Mit diesem Film, der von einer ersten Liebe unter Jugendlichen im Schweden der ausklingenden 60er Jahren erzählt, ist dem bei den Dreharbeiten gerade mal 26-jährigen Ausnahmeregisseur gleich ein Meisterwerk gelungen. Inszenierung und Schauspielerführung sind von einer derartigen Reife und Vollendung und verleihen dem Film eine solche Authentizität, dass man zeitweise glaubt, das Alterswerk eines großen Regisseurs zu sehen. Vor allem ist es jedoch die souveräne Beherrschung des filmischen Raums, die ihn auf Augenhöhe mit Antonioni und Bergman bringt. Es ist geradezu atemberaubend, wie Andersson die erblühenden Liebe des Jugendalters mit der erloschenen Liebe des Erwachsenalters kontrastiert, wie er der Weite des Raums, die die Jugendlichen mit ihren Blicken und ihren Mopeds erforschen, die Enge der Ehe-Behausungen und bürgerlichen Gefängnisse gegenüberstellt. Der Kritiker der « Village Voice" sah in Anderssons Regiedebüt einen der besten Filme zum Thema Adoleszenz überhaupt.
"Roy Andersson ist einer der außergewöhnlichsten und eigenwilligsten Regisseure Europas mit einem ganz besonderen, skurrilen Humor", sagt Festivalchef Andreas Ströhl anlässlich der Retrospektive dessen Gesamtwerkes beim Filmfest München 2011. Der schwedische Regisseur, den J. Hoberman in "Village Voice" als "Slapstick Ingmar Bergman" und Roger Ebert als einen "tragischen Groucho Marx" bezeichnete, wurde am 31. März 1943 in Göteborg geboren. Nach einer Studium der Philosophie, Geschichte und Literatur auf Lehramt beginnt er ein Regiestudium am Schwedischen Filminstitut. Sein Regiedebüt "Eine schwedische Liebesgeschichte" wird von Publikum und Kritik gleichermaßen begeistert aufgenommen, während sein zweiter Film, die tiefschwarze Gesellschaftssatire "Giliap", zwar in Cannes läuft, aber ein totaler Flop wird. Danach fällt Roy Andersson in eine tiefe Depression und wird 25 Jahre keinen Spielfilm mehr drehen.
Stattdessen widmet er sich nun der Werbung. Er dreht kleine, unkonventionelle Spots, bei denen er seine Filmsprache weiterentwickelt und perfektioniert. Diese Werbefilme beeindrucken nicht nur durch die bemerkenswerte Ästhetik der Plansequenzen, sondern auch durch den außergewöhnlichen Sinn für Humor des Regisseurs, der Otto-Normalverbraucher-Charaktere in burlesken Szenen zu Helden macht. Spots von Roy Andersson werden nicht nur auf internationalen Werbefilmfestivals mit Preise überhäuft - allein acht Goldene Löwen erhält er in Cannes -, sondern entwickeln sich im Lauf der Jahre zu regelrechten Kultfilmen.
Der gigantische Erfolg seiner Werbefilme macht ihn finanziell unabhängig. Er gründet 1981 seine eigene Produktionsfirma Studio 24 und beginnt 1996 mit den Dreharbeiten zu seinem dritten Spielfilm "Songs from the Second Floor", der im Jahre 2000 bei den Filmfestspielen von Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wird und Anderssons triumphale Rückkehr in die erste Riege der europäischen Autorenfilmer markiert. Der Film bildet den Auftakt zu seiner "The Living Trilogy", die er 2007 mit "You, the Living" fortsetzt und im kommenden Jahr mit "A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence" abschließen wird. Alle drei Filme sind ARTE-Koproduktionen mit.

Eine schwedische Liebesgeschichte
Montag 9. Juli 2012 um 02.55 Uhr
Keine Wiederholungen
(Schweden, 1969, 100mn)
ZDF

Erstellt: 22-06-12
Letzte Änderung: 22-06-12