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ARTE Journal - 26/04/12

Ein Kriegsherr vor Gericht

Mord, Vergewaltigung, Rekrutierung von Kindersoldaten - an diesen Verbrechen hat sich Liberias Ex-Präsident Charles Taylor mitschuldig gemacht. Zu diesem Urteil kam am Donnerstagmorgen der UN-Sondergerichtshof für Sierra Leone im niederländischen Leidschendam bei Den Haag. Taylor habe "wesentlichen Einfluss" auf die besonders grausamen Rebellen in Sierra Leone gehabt. Für seine Unterstützung habe er sogenannte Blutdiamanten erhalten. Das Strafmaß soll am 30. Mai festgelegt werden. Taylor droht eine lebenslange Haftstrafe. In dem vier Jahre dauernden Prozess untersuchte das Gericht detailliert, welche Rolle Taylor in dem Bürgerkrieg spielte, der in den 90er Jahren ein Jahrzehnt lang in Sierra Leone wütete.

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Die Urteilsverkündung wurde live nach Freetown, der Hauptstadt Sierra Leones, übertragen. "Ich bin so glücklich! Die Justiz hat gesiegt!», freut sich Alhadji Jusu Jarka, ehemaliger Präsident eines Kriegsopfer-Vereins von Sierra Leone. In Liberia wurde die Entscheidung begrüßt: « Dieses Urteil wird andere afrikanische Führer davon abhalten, das Blut Unschuldiger zu vergießen", sagte Prozessbeobachter Mohamed Keita.
Charles Taylor's Prozess war nach Den Haag ausgelagert worden, weil in Freetown Unruhen befürchtet worden waren. Die Bevölkerung von Sierra Leone hätte allen Grund gehabt, selbst mit ihrem Peiniger abrechnen zu wollen. Mit Taylors Billigung terrorisierten Rebellen Dorfbewohner, hackten unzähligen Menschen Gliedmaße ab, machten junge Mädchen zu Sexsklavinnen und setzten Teenager zwangsweise und mit Hilfe von Drogen als Kämpfer ein. Zeugen sagen, Taylor selbst habe Kinderherzen gegessen.

Handel mit "Blutdiamanten"
Taylors politische Karriere ist eng mit Sierra Leone, einem Nachbarland Liberias, verbunden. Im März 1991 begann in Sierra Leone mit der Eroberung mehrerer Dörfer und Diamantenminen durch die Rebellengruppe RUF (Revolutionary United Front) ein Bürgerkrieg. Die sierra-leonischen Rebellen wurden vom Kriegsherrn und späteren Präsidenten Liberias Charles Taylor unterstützt. Mit dessen finanzieller und materieller Hilfe übernahmen die Rebellen die Kontrolle über die Diamantenminen und stiegen so zu einer Oppositionsmacht in Sierra Leone auf. Als Gegenleistung erhielt Charles Taylor einen Teil der Diamanten. Der Handel mit den so genannten Blutdiamanten ermöglichte es Charles Taylor seinen eigenen Krieg in Liberia um natürliche Ressourcen und politische Macht zu finanzieren. Eine Win-win-Situation für beide Parteien. Der Preis: Einer der blutigsten Kriege des afrikanischen Kontinents, ein Jahrzehnt des Schreckens (1991-2002) und zehntausende Tote - die Schätzungen reichen von 20.000 bis 200.000.

Zahlen des Grauens

Der Bürgerkrieg in Sierra Leone dauerte über zehn Jahre, von 1991 bis 2002. Zwischen 50.000 und 200.000 Sierra-Leoner kamen dabei um, weitere wurden zu Binnenvertriebenen oder flohen in die benachbarten Länder. Die RUF (Revolutionary United Front) machte es sich zum Markenzeichen, bei Überfällen auf Dörfer Zivilisten die Gliedmaßen abzutrennen. Das Ergebnis: Etwa 20.000 sogenannte Amputees, die nur mit Schwierigkeiten ihren Lebensunterhalt bestreiten können und oft vergeblich auf die versprochene Unterstützung durch Regierung und internationale Organisationen warten. Unzählige Opfer von Folter und Vergewaltigungen sind aufgrund ihrer Erlebnisse traumatisiert. Etwa 70.000 ehemalige Kämpfer, darunter viele Kindersoldaten, müssen wieder in die Gesellschaft integriert werden.
Charles Taylor und der Bürgerkrieg in Sierra Leone dienten als Vorlage für den Film Lord of War- Händler des Todes (2005) sowie Blood diamond (2006)

"Eine Sammlung teuflischer Lügen"
"Eine Sammlung teuflischer Lügen", mit diesen Worten wies der heute 64-Jährige stets alle Vorwürfe zurück und plädierte auf nicht schuldig. Er bestritt auch, dem Supermodel Naomi Campbell so genannte "Blutdiamanten" geschenkt zu haben. Diese Affäre hatte Taylors Machenschaften 2010 erneut ins Zentrum des öffentlichen Interesses gerückt. Die Britin gab an, nach einem Gala-Dinner in Kapstadt im Jahre 1997 von einem Boten ein Päckchen mit Rohdiamanten erhalten zu haben.
Nach Angaben des Außenministeriums in London soll Taylor seine Strafe in einem britischen Gefängnis verbüßen. Der Ort und die Art der Haftanstalt hänge von den Details des Urteils ab, sagte eine Ministeriumssprecherin. Das Angebot Großbritanniens aus dem Jahr 2007, Taylor im Falle eines Schuldspruches in Haft zu nehmen, sei Teil der Abmachung gewesen, ihn in den Niederlanden vor Gericht zu stellen. "Es ist auch Teil der Rolle, die Großbritannien dabei spielte, Frieden nach Sierra Leone zu bringen", sagte die Sprecherin. Der damalige britische Premierminister Tony Blair hatte auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs in Sierra Leone Truppen in das westafrikanische Land entsandt.

Sondergerichtshof für Sierra Leone
Der Sondergerichtshof für Sierra Leone versucht seit 2007 die begangenen Kriegsverbrechen aufzuarbeiten, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, in drei weiteren Prozessen wird es um die Rolle anderer Bürgerkriegsparteien gehen. Der Schuldspruch gegen Taylor war der erste eines internationalen Gerichts gegen einen ehemaligen Staatschef seit den Nürnberger Prozessen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Dorothée Haffner


Weitere Staats- und Regierungschefs, die von einem internationalen Gerichtshof angeklagt sind:
  • Laurent Gbagbo: Der frühere Präsident der Elfenbeinküste wurde im April 2011 festgenommen und nach Den Haag geführt, aufgrund eines Haftbefehls des Internationalen Strafgerichthofes. Er wird verdächtigt « indirekter Koautor » diverser Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu sein. Seine Streitkräfte sollen zwischen Dezember 2010 und April 2011 nach der Präsidentschaftswahl Kriegsverbrechen begangen haben. Er weigerte sich lange die Macht seinem Rivalen und aktuellen Präsidenten Alassane Ouattara zu übergeben. Daraus folgte ein blutiger Konflikt, der mindestens 3000 Menschen in der Elfenbeinküste das Leben kostete.
  • Khieu Samphan: Das ehemalige Oberhaupt des Demokratischen Kampuchea wurde 2007 verhaftet, angeklagt wegen Genozids und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Seit Ende 2011 steht er in Phnom Penh vor einem außerordentlichen kambodschanischen Gericht unter Leitung der UNO. Untersucht werden dabei die schlimmsten Verbrechen unter den roten Khmer (1975-1979).
  • Omar al-Beschir: Der sudanesische Präsident steht seit März 2009 unter Haftbefehl des internationalen Strafgerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen in Darfur. Er konnte aber bisher nicht festgenommen werden. Im Juli 2010 haben die Richter einen zweiten Haftbefehl wegen Völkermord ausgesprochen. Der Darfur-Konflikt dauert seit 2003 an und hat der UNO zufolge bereits 300 000 Menschenleben gekostet.

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Erstellt: 26-04-12
Letzte Änderung: 26-04-12