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> JUNI 2012 > RAINER WERNER FASSBINDER

TITELTHEMA - 05/06/12

ER HATTE EINEN RÖNTGENBLICK

Rainer Werner Fassbinder war Berserker, Buhmann, Bösewicht – und einer der genialsten deutschen Filmemacher. Zum 30. Todestag huldigt ARTE ihm mit einer großen Retrospektive. Das ARTE Magazin sprach mit seiner Muse: Hanna Schygulla.

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Ihr Name ist untrennbar mit ihm verbunden, auch heute noch. Dabei hat Hanna Schygulla mit vielen Regisseuren von Weltruhm gearbeitet, von Volker Schlöndorff bis Jean-Luc Godard. Aber Rainer Werner Fassbinder hat sie entdeckt, machte sie zum Star. Mit nur 37 Jahren starb das Enfant terrible des deutschen Films vor 30 Jahren. Zum Gedenken traf das ARTE Magazin seine legendärste Schauspielerin im Pariser Marais-Viertel, wo sie seit über 30 Jahren lebt. In ihrem Stadthaus aus dem 16. Jahrhundert sprach sie bei Butterbrezen und deutschem Kaffee über den Mann, der für die Franzosen wie Balzac, van Gogh und Kafka ist – und aktueller denn je.

ARTE Filmreihe
Zum 30. Todestag von Rainer Werner Fassbinder

Welt am Draht 1+2 Science-Fiction
Fr • 8.6. • ab 20.15

Händler der vier Jahreszeiten Melodram
Mo • 11.6. • 20.15

Die bitteren Tränen der Petra von Kant Melodram
Mo • 11.6. • 21.40

Das kleine Chaos Kurzfilm
Mo • 11.6. • 23.40

In einem Jahr mit
13 Monden
Drama
Mi • 13.6. • 22.55

Die Ehe der Maria Braun
Melodram
Mo • 18.6. • 20.15

Es war einmal … Die Ehe der Maria Braun • Kultur-doku
Montag • 18.6. • 22.10

Faustrecht der Freiheit
Melodram
Mo • 18.6. • 23.05

Angst essen Seele auf
Melodram
Mi • 20.6. • 21.45

Angst isst Seele auf Kurzfilm
Mi • 20.6. • 23.15

Ich will nicht nur, dass Ihr mich liebt: Der Filmemacher
Rainer W. Fassbinder Dokumentarfilm
Mi • 20.6. • 23.30

Fontane – Effi Briest • Literaturverfilmung
Mo • 25.6. • 20.15

Liebe ist kälter als
der Tod
Drama
Mo • 25.6. • 22.30

Der Stadtstreicher
Kurzfilm
Mo • 25.6. • 23.55
ARTE: Frau Schygulla, warum sind die Fassbinder-Filme heute noch so aktuell?
HANNA SCHYGULLA: Sind sie noch so aktuell? Wenn Sie das finden, kann ich das nur begrüßen. In vielem war Fassbinder seiner Zeit voraus. Ich habe mir neulich „Welt am Draht“ von 1973 angesehen. Es stimmt, das Thema ist jetzt erst richtig aktuell: Dass sich der Mensch in virtuellen Welten verliert, geht bis in unsere Wohnzimmer hinein. Der Regisseur Edgar Reitz hat einmal, auf Deutschland bezogen, gesagt, das Geschichtsbuch habe herausgerissene Seiten. Fassbinder hat die Themen auf den herausgerissenen Seiten behandelt.
ARTE: Fassbinder scheint im Ausland mehr geliebt worden zu sein als in Deutschland. Warum?
HANNA SCHYGULLA: Manchmal reagieren Familien am allergischsten auf die, die den Familienfrieden stören. Fassbinder war eben ein Tabu-brecher, der alles in die Sichtbarkeit gezerrt hat, einen Röntgenblick hatte. Bei der Fassbinder-Retrospektive 2005 im Centre Pompidou haben die Franzosen gesagt, er sei so gesellschaftsumfassend wie Balzac, er habe denselben schmerzhaften Bezug zur Existenz wie van Gogh und die Fähigkeit, aus Geschichten Fabeln zu machen wie Kafka. Die haben ihm drei Giganten zur Seite gegeben. Das hätten die Deutschen nie gemacht. Aber es ist gut, dass sie es erfahren.
ARTE: War es für ihn schwer, Deutscher zu sein?
HANNA SCHYGULLA: Ja. Einerseits war es ergiebiger Stoff, andererseits war es für uns alle, die nach dem Krieg, nach der Nazi-Katastrophe geboren sind, schwer, Deutsche zu sein. So schmerzhaft ihn manches getroffen hat, hat er es aber auch gebraucht, der Buhmann zu sein. Das hat ihn unheimlich in seiner Kreativität angefeuert.
ARTE: Deutschland den Spiegel vorzuhalten, war das sein Grundantrieb?
HANNA SCHYGULLA: Ja, aber auch, sich selbst den Spiegel vorzuhalten. Und vielleicht ... naja, wenn man etwas schon nicht auf die einfache Art lieben kann, dann irgendwie trotzdem etwas zurückgeben zu können. Seine Existenz trotzdem damit fruchtbar zu machen. Und ganz sicher ist sein Antrieb auch sein tragisches Verhältnis zur Liebe gewesen.
ARTE: Meinen Sie damit seine Homosexualität?
HANNA SCHYGULLA: Nein, das war für ihn einfach so. Er hat an der Schwulenwelt aufgezeigt, dass die Bürgerlichkeit dort eingedrungen ist. Dass jeder von gesellschaftlichen Zwängen geprägt ist, die in „Effi Briest“ thematisiert werden und die uns alle tyrannisieren. Das führt vielleicht bei uns allen dazu, dass wir die Bereitschaft zur Liebe oft mit Leistung ersetzen. Aber man muss unheimlich viel tun, um das Loch, das entsteht, irgendwie zu füllen.
ARTE: Ja, die Leichtigkeit und das Lachen sind in Fassbinders Werk nicht unbedingt präsent …
HANNA SCHYGULLA: Für ihn war hinter allem Verzweiflung sichtbar. Er hat einmal gesagt: „Wenn ich in meiner Umgebung etwas gesehen hätte, was mich dazu inspiriert hätte, einen erfüllten Liebesfilm zu machen, dann hätte ich vielleicht den Mut dazu gehabt. Aber so nicht.“ Er wollte Liebe, hat sie aber mit Hörigkeit verwechselt, schwankte immer zwischen Verehrung, Entzücken und Verachtung. Man wusste nie, wohin das Pendel ausschlägt. Es gibt Filme, die dadurch, dass sie so aggressiv entblößen, was nicht geht und warum es nicht geht, den Wunsch hochbringen, dass es auch anders geht. Heute ist wieder so eine Aggression in der Luft, weil Horizonte unheimlich weit sind und nicht sicher ist, dass jeder seinen Platz bekommt.
ARTE: Wie hat Sie die Zeit mit Fassbinder damals verändert?
HANNA SCHYGULLA: Ohne den Fassbinder hätte es die Schygulla nie gegeben. Er hat viele Menschen in ihren Lebensbahnen umgeleitet. Selbst solche, die in der Profession schon einen Weg hinter sich hatten, wie Brigitte Mira als Unterhaltungskünstlerin. Die ist plötzlich in einer ganz anderen Dimension im Film „Angst essen Seele auf“ neu erstanden, das war wie eine Wiedergeburt. Wie ein rasender Komet hat er viele in seine Bahn mitgerissen. Auch wenn es ein dunkles Licht war, war es Licht. Einerseits wollte ich mit diesem Menschen, der etwas Geniales hatte, das habe ich immer gespürt, zu tun haben. Andererseits war ich immer auf der Hut. Ich wollte auf keinen Fall zu denen gehören, die von ihm so abhängig sind, dass sie sich nicht auch auf der Ferse umdrehen und gehen können. Unser Verhältnis war fast telepathisch, wir mussten nicht groß reden, ich wusste, was er wollte; aber ich wusste auch, dass ich eigentlich etwas bringe, was mehr mit ihm als mit mir zu tun hat … und ich habe trotzdem immer das Meine dazugegeben.

"In der Kultur ist man entweder Hefe oder Teig. Fassbinder war für die Gärung zuständig."

ARTE: An welche Filme denken Sie dabei?
HANNA SCHYGULLA: An alle. Am wenigsten vielleicht an die allerersten. Die waren fast wie Negative – da spielte ich die Umkehrung von dem, was ich im Leben war. Ich war eine linke Studentin, Freiheit war die Luft, die ich atmen wollte. Heiraten wollte ich nicht, in keine dieser Fallen laufen. Und die, die ich gespielt habe, die wollten alle diesen einen Mann haben und haben alles getan, um ihn zu behalten – wenn sie auch das Schießeisen schon in der Hand hielten. Ich habe diese Rollen mehr als Warnschilder verstanden: „Effi Briest“ – ein Leben leben, das nicht das eigene ist; „Die Ehe der Maria Braun“ – dieses Doppelleben, einerseits jede Gelegenheit ergreifen und andererseits das wirkliche Leben auf morgen verschieben, zu einer zynischen Idealistin werden. Ich habe das alles immer betrachtet als etwas, das einem auch passieren könnte. Bei „Lili Marleen“ stellte sich mir die große Frage: Wie hättest du dich verhalten in der Nazizeit? Dieses Leben mit einem geschlossenen und einem offenen Auge, einerseits Widerstand in sich haben und auf der anderen Seite mitmachen …
ARTE: Gibt es heute in Deutschland einen Filmemacher, der so ein Wutpotenzial besitzt, wie Fassbinder es damals hatte?
HANNA SCHYGULLA: Ja, Fatih Akin ist auch ein Umgraber, der keine Ruhe gibt. Er hat auch Dinge aus der deutschen Geschichte mitgenommen, die aufgearbeitet werden müssen, deshalb gibt er auch keine Ruhe mit der Türkei. Wissen Sie, in der Kultur ist man entweder Hefe, und davon kann man nur ein kleines Stück in den Teig tun, oder man ist eben Teig.
ARTE: Und Fassbinder?
HANNA SCHYGULLA: Fassbinder war für den Gärungsprozess zuständig. So richtig teigige Sachen gibt es von ihm nicht. Es ist immer was dabei, was einen verstört. Aber natürlich auch etwas, was dadurch dehnt und öffnet. Das ist es, was das Aktuelle bringt.

INTERVIEW: SUNNA ALTNÖDER FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE PLUS

Zum Lesen
David Barnett: „Rainer Werner Fassbinder – Theater als Provokation“, mit einem Vorwort von Hanna Schygulla (Henschel Verlag 2012)
Jürgen Trimborn: „Ein Tag ist ein Jahr ist ein Leben“ (Propyläen 2012)
Rainer Werner Fassbinder: „Fassbinder über Fassbinder: Die ungekürzten Interviews“ (Verlag der Autoren 2004)
Lothar Schirmer/Anne Grefe (Hrsg.): „Du ... Augen wie Sterne. Das Hanna Schygulla Album“ (Schirmer/Mosel 2004)
Michael Töteberg: „Fassbinder, Rainer Werner“ (Rowohlt 2002)
Thomas Elsaesser „Rainer Werner Fassbinder“ (ARTE Edition/ Bertz Verlag 2000)

Erstellt: 22-08-11
Letzte Änderung: 05-06-12