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ARTE Journal - 15. September 2010 - 28/09/10

Drittes Interview mit Mylène Sauloy

Die Karawane „Babel Caucase“ setzt ihre Reise in Georgien fort. Auf dem Programm: Gemeinsames Kochen, Theater und das Wiedersehen von Freunden. Die Teilnehmer der Karawane fahren in das entlegene frankophile Bergdorf Kharagauli. Außerdem besuchen sie die Flüchtlingslager, in denen jene Georgier leben, die während des Kaukasuskonflikts im August 2008 aus Südossetien vertrieben wurden. Ein Gespräch mit Mylène Sauloy.

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Claire Stephan für ARTE Journal: Guten Tag, Mylène, wie geht es Ihnen? Wo sind Sie gerade mit ihrer Karawane „Babel Caucase“?

Mylene Sauloy von „Babel Caucase“: „Es geht uns sehr, sehr gut. Wir haben gerade eine großartige Station hinter uns. Viele Leute, auch viele junge Leute sind bis zum Ende bei uns geblieben. Es war wirklich sehr rührend. Wir sind gerade in Kharagauli, und davor waren wir wieder in Lanchkhuti, wo wir schon 2007 mit der ersten Karawane waren. Lanchkhuti ist ein Dorf im Guria-Tal, das für seine überaus komplexe und großartige Polyphonie bekannt ist. Georgien ist dafür bekannt, ein Volk der Sänger zu sein, und die Region Guria hat mit ihren polyphonen Gesängen großen Ruhm erlangt. Sinn dieser Station, die wir „Babel-Retour“ nennen, war es, die Menschen wiederzusehen, die wir vor 3 Jahren getroffen haben, ihnen die Bücher, die Filme bringen, die wir bei der ersten Karawane angefertigt haben. Wir haben vor allem einen ganzen Tag damit verbracht, mit ganz vielen Frauen aus dem Dorf zu kochen – es standen keine Männer am Herd, aber naja, c'est la vie! Wir haben viele Gerichte aus dem kaukasischen Kochbuch gekocht, das wir vor 3 Jahren zusammengestellt haben. Abends haben wir gesungen und getanzt. Und wir haben den Film über die erste Karawane gezeigt. Die Bewohner waren sehr gerührt und gleichzeitig lachten sie fast peinlich berührt darüber, sich in einem Film zu sehen, der auf Französisch und Georgisch synchronisiert ist. Wir wurden sehr herzlich aufgenommen, und es war auch sehr witzig, denn viele Kinder haben uns wiedererkannt, wir sie aber nicht unbedingt, denn sie sind in den 3 Jahren sehr gewachsen! Wir sind nur 3 Jahre älter geworden, und wir verändern uns nicht so sehr wie sie. Dieses Wiedersehen hat mich sehr berührt."

ARTE Journal: Dann ging es weiter in Richtung Kharagauli…

Mylène Saulay: „Ja, Kharagauli ist eine etwas besondere Station, da wir auf Bitten dieses georgischen Dorfes dorthin fuhren. Es ist ein sehr frankophiles Dorf, das aus welchen Gründen auch immer diese Tradition hat, mitten in den georgischen Bergen. In diesem Dorf sprechen die Menschen für ihr Leben gern Französisch, sie haben jede Menge Französischlehrer, viele junge Leute sprechen ein paar französische Worte und sie haben eine Bibliothek mit Büchern auf Französisch. Französisch ist in der Bevölkerung sehr präsent, für sie hat die französische Literatur einen großen Stellenwert. Sie sprechen natürlich viel über Dumas, die französische Literatur und Kultur. Sie sind voller Bewunderung. Gleichzeitig sind sie sehr besorgt, denn die Politik des georgischen Präsidenten sorgt für eine Amerikanisierung, mit dem Ziel, das Land aus den russischen Fängen zu befreien. Die USA schicken zig Englischlehrer in die Dörfer, damit die Menschen schnell Englisch lernen. Nun befürchten die Bewohner, die Lehrer und die jungen Leute, dass sie die französische Sprache verlieren. Aber nicht nur Französisch spielt hier eine Rolle, viele Bewohner sprechen auch Deutsch, da sie zur Zeit der Sowjetunion in Deutschland waren. Es ist komisch, es gibt diejenigen, die Französisch sprechen – das sind eher Frankophile als wirklich Frankophone – und diejenigen, die Deutsch sprechen. Präsident Saakaschwili war damit einverstanden, dass die USA 3000 Englischlehrer schicken, die ein Vermögen verdienen. Wir haben einige von ihnen getroffen, die zu dem Festessen kamen, das wir organisiert haben. Ihnen wird alles bezahlt, sie verdienen ungefähr 50-mal so viel, wie ein Lehrer für eine andere Sprache hier! Das ist unverschämt und nicht mit den Traditionen in diesem Dorf vereinbar. Sie freuten sich also, dass wir kamen, und gleichzeitig sind sie von dieser forcierten Amerikanisierung etwas schockiert. Wir blieben 4 Tage, wir organisierten Werkstätten mit den Jugendlichen und Kindern zu der Rückkehr der Nachfahren von Jason und den Argonauten. Zusammen bekämpften wir die Hydra wie ein großer Marabut! Es ist auch ein sehr umweltbewusstes Dorf, also nutzen wir die Gelegenheit, um den Fluss zu säubern. Außerdem haben wir große Figuren, große Plastikmonster angefertigt und viel Spaß gehabt!"

ARTE Journal: Was ist die nächste Etappe der Karawane?

Mylène Sauloy: „Die nächste Etappe ist Schaschwebi, ein Dorf, das nach dem russischen Einmarsch in Georgien im August 2008 entstanden ist, der ja den Verlust eines Teils von Georgien – Südossetiens und Abchasiens – zur Folge hatte. Das Dorf besteht aus kleinen, vollkommen identischen Hütten, in denen Flüchtlinge aus Ossetien wohnen. Es gibt Georgier, die vor dem Kaukasuskonflikt in Südossetien wohnten und auch Osseten, die mit Georgiern verheiratet sind und georgische Familien haben. Es ist komisch, so etwas zu sagen, denn Südossetien gehört weiterhin zu Georgien, auch wenn die Russen eine Art Abspaltung provoziert haben. Und all diese georgischen und ossetischen Flüchtlinge leben auf engem Raum zusammen in diesen eingemauerten Lagern, es ist traurig…“

ARTE Journal: Erhalten sie humanitäre Hilfe von den Nichtregierungsorganisationen vor Ort? Wer kümmert sich um diese Flüchtlinge?

Mylène Sauloy: „Die Amerikaner haben eine sehr große Summe für den humanitären Bereich bereitgestellt. Die USA haben während des Einmarsches der Russen nichts unternommen, um Georgien zu helfen, es gab keinerlei diplomatische Unterstützung. Es ist witzig, denn hier ist der französische Präsident Nicolas Sarkozy fast ein Held. In der Hafenstadt Batumi hängt ein riesiges Porträt von ihm, weil er in die Friedensverhandlungen eingegriffen hat! Die Bevölkerung grollt den Amerikanern, weil sie Georgien während des Konflikts eigentlich unter ihre Fitiche hätten nehmen sollen, sie es aber nicht viel getan haben. Dann allerdings haben die Amerikaner private Gelder geschickt. Nach der russischen Intervention haben sie enorme Summe für den „Wiederaufbau“ Georgiens geschickt und den Flüchtlingen geholfen. Es gibt also internationale Hilfe in den Lagern, das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen engagiert sich ebenso wie der georgische Minister für Flüchtlinge und Vertriebene. Aber die Atmosphäre dort ist traurig, denn die Menschen wissen nicht, was aus ihrem Leben wird, ob sie eines Tages nach Hause zurückkehren werden. Ihre Situation ähnelt den georgischen Flüchtlingen Abchasiens, die 1992 nach einer Art Säuberungsaktion der Russen massiv vertrieben wurden. Und es wird Politik mit ihnen gemacht. Sie werden nicht in die Gesellschaft integriert, sondern man will sie als Flüchtlinge behalten, damit man sie gut sichtbar sind. Und das im Namen eines Nationalismus, der genutzt werden könnte, um Territorien wie Abchasien zurückzugewinnen. Diese Leute wurden benutzt, um den Nationalismus zu stärken und diese Territorien zurückzugewinnen. Man spürt, dass die Vertriebenen Ossetiens eine Art politisches Instrument sind.“

ARTE Journal: Welchen Teil der kaukasischen Mythologie wollen Sie mit ihnen für Ihren Film interpretieren?


Mylène Sauloy: „Im Lager Schaschwedi wollen wir eine Begegnung zwischen der griechischen-römischen Mythologie und ihren Legenden, ihrer eigenen Mythologie schaffen. Als Grundlagen dienen uns die Narten (Die Helden der kaukasischen Mythologie, deren Legenden mündlich überliefert wurden, bevor sie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts schriftlich festgehalten wurden. Anm. d. Red.). Es ist witzig, denn die Narten sind indogermanische Helden und keine kaukasischen, denn die Osseten gehören zu den Indogermanen. Man entdeckt dort Geschichten mit Figuren, die sehr stark denen aus der griechischen und römischen Mythologie ähneln, allerdings mit einem ganz besonderen Blick, einer anderen Sichtweise. Zum Beispiel haben die Geschichten weder Anfang noch Ende. Manchmal ist man in der Mitte einer Erzählung, die dann abrupt aufhört, und man versteht nicht unbedingt, warum dies schon das Ende ist! Die Narten haben eine merkwürdige Art etwas zu erzählen, sie erinnert an die Figuren unserer Mythologien. Wir werden das gleiche Prinzip anwenden, wie bei unseren anderen Stationen: Menschen, die im realen Leben Opfer einer tragischen Geschichte sind, werden die Helden einer zeitgenössischen Mythologie. Ziel ist es, ihre Legenden, ihre Mythen und unsere Mythologien wiederzubeleben, unsere gemeinsamen Wurzeln aufzuspüren, damit diese Kinder und Jugendlichen die Helden ihrer Geschichte werden.“

Erstellt: 15-09-10
Letzte Änderung: 28-09-10