Ashabs Gastfreundschaft kennt keine Grenzen. Gestern hat er uns einen Fluss geschenkt. Den Andi-Koysu, der hoch oben in den Bergen Georgiens entspringt, dann seine reißenden weißen Wasser durch halb Dagestan wälzt. „So lange der Andi-Koysu an deiner Seite ist“, sagt Ashab, „kann dir nichts passieren“. Er beschützt dich und deine Träume“. Gute Gründe, dem Fluss zu opfern, kurz bevor er in einer Felsspalte verschwindet, um sich dann mit seinem schwarzen Bruder, dem Awar-Koysu zu vereinigen und in die Kaspi-See zu fließen. Aus mehr als hundert Meter Höhe werfe ich eine Fünf-Rubel-Münze – umgerechnet 20 Cent – in den Fluss. Sekunden später malt die Sonne einen Regenbogen auf seine Oberfläche. Jurij, der Kameramann, starrt wie gebannt in den Abgrund. „Immer dieser Geiz“, sagt er, als er endlich die Fassung wiedergewonnen hat und die Kamera einschaltet. „Hättest du nicht fünf Euro runter werfen können?“ Ja, hätte ich bloß! Für das menschliche Auge ist der Regenbogen gut zu erkennen. Ob die Kamera ihn auch erkennt, werden wir frühesten am Ende der Reise sehen. Wenn wir zurückkehren in die Zivilisation, wo es Hotels gibt und im Zimmer einen Fernseher, an den die Kamera per Kabel angeschlossen werden kann. Doch bis dahin ist es noch lange hin. Vor uns liegen strapaziöse Drehtage im höchsten Dorf Europas und auf dem Heiligen Berg.Ohne Klo und ohne Dusche. Grund genug, noch einmal in die Kaspi-See zu springen, bevor es in die Welt der Gletscher in Süd-Dagestan geht. Unseren Jeep parken wir direkt am Ufer. Mannshohes Schilf, dunkler Kiesstrand und gelbes Wasser: Lehm, den „unser“ Fluss aus den Bergen mit sich führt. Unsere Kleidung lassen wir im Auto. Tonmann Sascha, der keine Badehose mit hat, sogar die Unterwäsche. Das war mehr als unvorsichtig, wie wir eine halbe Stunde später feststellen. Als wir aus dem Wasser kommen, sind die Türen des Jeeps verriegelt, die Wegfahrsperre schaltet sich, wie wir später erfahren, nach fünf Minuten automatisch ein. Die Fenster sind hochgekurbelt, der Schlüssel liegt innen und unser Fahrer hat vier Stunden Urlaub bekommen, um Verwandte zu besuchen. Die ultimative Herausforderung für technikverliebte Männer. Kameramann Jurij gelingt es schließlich, eine Scheibe mit der dazwischen geschobenen Klinge ein wenig herunterzudrücken. Dann bastelt er aus einem Stück Draht, das Allah offenbar höchstpersönlich am Strand abgeworfen hat, um uns zu retten, eine Schlinge, lässt sie vorsichtig durch das geöffnete Fenster hinunter und nach mehr als zwanzig Versuchen, gelingt es ihm tatsächlich, die Tür damit zu öffnen. DAS Abenteuer unseres Drehs in Dagestan, denken wir.
Da ahnen wir noch nicht, dass wir nur eine Woche später fast im Kittchen gelandet wären. Im Dorf über den Wolken. Von dort sind es noch ganze sieben Kilometer bis zum Samur-Fluss, der die Grenze zwischen Russland und Aserbaidschan bildet. Und der junge blonde Leutnant, der uns darauf aufmerksam macht, hat keinen Humor, dafür aber sehr viel Ehrgeiz und will befördert werden und dann weg aus der gottverlassenen Gegend. Versuchter illegaler Grenzübertritt lautet die Anklage. Dabei stehen nicht einmal Schilder da, die auf einschlägige Gefahren verweisen. Grenzsicherung ist Bundesangelegenhit und somit das ferne Moskau zuständig. Doch wegen Ebbe in den Staatskassen hat der russische Finanzminister unseren Freund und Gastgeber, den Bürgermeister des Dorfes verdonnert, die Schilder auf Kosten seiner Gemeinde aufzustellen. Haydar indes denkt gar nicht daran. Seiner Meinung nach sind die paar Kröten, über die sein Kassenwart verfügt, besser in einer Satellitenschüssel angelegt, damit die Leute, die nicht einmal Telefon haben, wenigstens fernsehen können.Bürgermeister Haydar und der Leutnant befinden sich daher schon seit fast einem Jahr im Kalten Krieg, der beim Versuch unserer Verhaftung fast zum Heißen eskaliert wäre. Als wir uns weigern, ihm die Kassette, die wir gerade in der Kamera haben, zu geben, droht er, er werde wiederkommen. Und nicht allein.
Keineswegs leere Worte. Zwei Stunden später quietschen Bremsen, vor Haydars Haus hält ein Lastwagen und 15 Soldaten, schwer bewaffnet, springen ab. „Nur über meine Leiche“ ruft Haydar und stellt sich breitbeinig vor die Haustür. “Die Fernseh-Leute sind meine Gäste und Gäste sind im Kaukasus heilig. Das müsstest du eigentlich inzwischen gelernt haben“. Fast eine Stunde feilschen beide dann um den Preis für unseren Loskauf. Einen Kasten Wodka nimmt der Leutnant dann gleich mit, zwei Hammel wird Haydar morgen bei ihm persönlich abliefern. „Schlachten“, ruft er ihnen hinterher, „müsst ihr sie aber allein“.







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