Es war vor 28 Jahren, im Sommer 1977, als ich erstmals die BAM besuchte und die mich bis heute interessiert . Als einzige ausländischer Korrespondenten hatten wir, Kameramann Gerhard Gläser und ich die Chance beim Durchbruch des ersten Tunnels der BAM mit dabei zu sein, den Tunnel von Nagornja nördlich der Stadt Tynda. Für den Besuch des Tunnels hatten wir eine Genehmigung in Moskau erhalten, aber nicht für Tynda, der heutigen BAM-Hauptstadt, die damals noch ein unbedeutendes sibirisches Dorf war. Warum sollten wir aber trotzdem nicht einen Abstecher in das verbotene Tynda wagen, es fuhren doch regelmäßig Bauzüge dorthin und zurück?
Die Hinfahrt klappte, die Rückfahrt nicht, jedenfalls nicht so, wie wir uns das dachten. Wir waren pünktlich am Gleis, der Zug auch. Aber irgend etwas hinderte ihn daran abzufahren, genauer gesagt, den Lokomotiv-Führer hinderte etwas. Zwei resolute weibliche Wesen versuchten mit vereinten Anstrengung und derben Worten den laut und unanständig fluchenden Mann an Händen und Beinen aus seiner Lok zu zerren. Wie das und weshalb? Den Mann hinderte nämlich noch etwas: sein nicht zu überriechender Wodkapegel. Nach dem wir mit vereinten Kräften den „corpus alkokolicus“ aus der Gefahrenzone geborgen hatten, ergab sich die Frage, wann fährt der nächste Zug? Erst wenn der inzwischen ruhig eingeschlafene Lokführer wieder nüchtern ist, frühestens am nächsten Morgen, so erfuhren wir. Wo aber sollten wir schlafen? Die einzige Pritsche in der kleinen Stationshütte war ja nun belegt. Am besten, wir rufen die Miliz, meinten die Frauen. Das hatte uns ja gerade noch gefehlt. Was half es, ein Jeep brachte uns zur Polizeistation. Dort wies man uns zwei frisch bezogene Feldbetten zu, mit der Bemerkung: Morgen früh beim Chef! Wir hatten eine unruhige Nacht. Erste Frage des Polizeichefs von Tynda am nächsten Morgen: „Woher kommt ihr? Aus der DDR. Weiß ich, genauer! Aus Berlin. Noch genauer! Friedrichshain, Frankfurter Allee.“ Jetzt wurde die finstere Miene des Hauptmanns freundlicher. „Frankfurter Allee, die kenne ich doch. 1946 habe ich dort gewohnt. Dann sind wir ja alte Nachbarn, wir wussten es bloß bisher noch nicht. Darauf müssen wir unbedingt anstoßen.“ Weitere unangenehme Fragen waren nicht mehr zu erwarten. Im Anschluss an die Wiedersehensfeier ehemaliger und unbekannter Nachbarn brachte uns der Jeep Wolodjas, des Polizeichefs von Tynda, wohlbehalten wieder zum Tunnel zurück. Inzwischen, 28 Jahre später, haben sich nicht nur die Lokführer verändert, die sich übrigens vor und nach jeder Fahrt eine ärztliche Untersuchung nebst Alkoholtest unterziehen müssen, sondern auch die kleinen Dörfer und Siedlungen, aus denen heute moderne Städte geworden sind, wie z.B. Tynda mit 50.000 Einwohnern. Und unter den Polizeichefs fanden wir leider keine ehemaligen Nachbarn mehr aus Berlin. Die Zeiten des wilden Osten sind an der BAM lange vorbei. Jetzt regiert auch hier die Marktwirtschaft.
Die BAM heute oder vom Leben in einer rollenden Konservendose
Wer aus unserem Drehstab zuerst darauf kam, unseren Waggon, in dem wir 3 Wochen auf der BAM unterwegs waren, mit einer Konservendose zu vergleichen, kann ich nicht sagen, aber dass der Vergleich treffend war, kann ich bestätigen. Erstens, lässt sich in russischen Waggons kein einziges Fenster öffnen und jedes Mühen darum ist sowohl verboten als auch zwecklos. Zweitens hat jeder Waggon seine eigene, separate Zentralheizung mit Feuerofen, Kohle- und Aschekasten, was ja durchaus auch sehr vorteilhaft sein kann, wenn es Kohlen gibt. Da wir aber nicht ständig in einem Zugverband fuhren, dessen Waggons regelmäßig damit versorgt wurden, sondern unser Waggon oft Tage lang auf Abstellgleisen verschiedener kleiner Bahnhöfe herum stand, hatten wir mal Kohle oder mal auch keine. Im Falle fehlender Energieversorgung führte das bei minus 20 °C und der schlechten Isolierung der Waggons in ihrem Inneren schnell zu winterlichen Temperaturen, die dann bei der nächsten Kohleversorgung wiederum mit tropischen Hitzegraden kompensiert wurden, solange, bis uns die Kohlen wieder ausgingen. Schwieriger jedoch war die tägliche Lösung der Toilettenfrage. Da auch in Russland die Benutzung entsprechender beigeordneter Einrichtungen in den Waggons während des Aufenthalts auf Bahnhöfen verboten ist und sie sogar in dieser Zeit verschlossen bleiben, suchten wir die kleinen Häuschen für die Rangier – und Streckenarbeiter auf, die in der Dürftigkeit ihrer Ausstattung kaum noch zu unterbieten sind: Ein 50 mal 30 cm großes Loch in einem roh zusammengezimmerten Bretterboden zum hinkauern, nichts weiter. In dem einen Falle hatte man sogar auch noch auf die Tür verzichtet, vielleicht aber hatte sie auch jemand mitgenommen, als Andenken oder so. Jedenfalls verlangte der Besuch dieser leicht entblößten Einrichtung seinem Benutzer einen gewissen Grad von Heroismus ab, zumal nicht auszuschließen war, dass gerade in der Phase angestrebter Entspannung draußen vor der Hütte ein Personenzug gemächlich vorbei rollte. Die Streckenarbeiter befragt, ob sie das nicht störe, erklärten uns, dass sie sich in diesem speziellen Falle mit dem Rücken zum Eingang platzierten, denn von hinten, so fügten sie beruhigend hinzu, von hinten sehen doch alle Menschen gleich aus. Ganz konnte ich dem zwar nicht zustimmen, aber die Methode schien mir praktikabel. So hatte sich für mich, auf dieser nun schon 28. Russlandproduktion, der Schatz nützlicher Erfahrungen wieder um eine Erkenntnis bereichert.Wolfgang Mertin







per E-Mail verschicken
Facebook
Twitter
RSS

