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Schiller Schwerpunkt

Am 10. November 2009 jährte sich der Geburtstag von Friedrich Schiller zum 250. Mal. ARTE widmete dem deutschen Dichter einen ganzen Thementag

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Am 10. November 2009 jährte sich der Geburtstag von Friedrich Schiller zum 250. Mal. ARTE widmete dem deutschen Dichter einen ganzen Thementag

Schiller Schwerpunkt

04/11/09

Drang nach Rebellion

Interview mit Matthias Schweighöfer


Vor 250 Jahren kam Friedrich Schiller zur Welt. ARTE zeigt mit „Schiller“ einen Film über das turbulente Leben des Nationaldichters und Rebellen. Im Interview erklärt uns der talentierte, junge Schauspieler und Schiller-Darsteller Matthias Schweighöfer, warum der Dramaturg für ihn so Rock ’n’ Roll ist.

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ARTE: Sie haben mal gesagt, dass Sie Rollen bevorzugen, die Ihnen möglichst fremd sind, damit Sie „Urlaub von sich selbst“ nehmen können. Wie war der „Urlaub“ in Ludwigsburg bei den Dreharbeiten zu „Schiller“?

Matthias Schweighöfer: Sehr anstrengend. Sehr stürmisch! So eine Rolle zu spielen ist ja eine Ausnahmesituation. Es war physisch und psychisch eine große Herausforderung. Man trinkt dann auch mal mehr, raucht viel und schläft wenig, um zu sehen, welche Auswirkungen das hat. So begreift man annähernd, wie krank dieser Mann war und wie schwierig es für ihn war, normal zu leben. Wirklich fremd war mir die Figur im Grunde aber nicht, höchstens durch die zeitliche Distanz. In vielen Punkten war sie mir sogar sehr nahe.

Worin zum Beispiel?
Berührungspunkte gab es, was Einsamkeit angeht oder unerwiderte Liebe. Interessant war für mich, Schiller nicht nur als Schriftsteller der „Räuber“, des „Don Carlos“ und der „Maria Stuart“ zu sehen, sondern auch als ganz normalen Menschen, der versucht hat, sich eine Existenz aufzubauen.

Wie haben Sie es geschafft, sich eine solche Ikone vom Sockel zu holen?
Ich habe unheimlich viel gelesen, fast sechs Monate lang. Mit der Crew haben wir viel geprobt, uns sehr viel unterhalten und Informationen über Schiller und seine Zeit eingeholt. So haben wir versucht, uns dem Meister anzunähern.

Inwiefern hat diese intensive Beschäftigung Ihr Bild von Schiller verändert?
Ich habe begonnen, Schiller als Menschen zu sehen, habe verstanden, dass er – so wie wir alle – Probleme hatte. Dadurch ist er mir näher gekommen: durch die Art und Weise, wie er gelebt, geliebt und gelitten hat.

Könnten Sie sich auch vorstellen, den späten Schiller zu spielen, den Weimarer Klassiker?
Klar! Vielleicht wird es einen zweiten Teil des Films geben, das steht aber noch in den Sternen. Wenn es eine Fortsetzung gibt, würde ich die Weimarer Zeit natürlich auch sehr gerne übernehmen.

Obwohl das sicher noch schwieriger ist …
Ich verkörpere gerne Figuren, die älter sind, als ich es bin. Ich glaube, man kann Lebenserfahrung spielen, wenn man sich in eine Figur reindenkt. Deswegen würde es mich sehr reizen, mich auch mit dem älteren Schiller näher zu beschäftigen, zum Beispiel mit den dokumentarischen Schriften.

Was hat Schiller Ihrer Meinung nach zum Klassiker gemacht, zum deutschen Nationaldichter?
Seine große Moral. Weil er Gesellschaftswerte wie Freiheit und Geradlinigkeit anspricht. Wie in dem Vorzeigebeispiel „Die Räuber“: Hier sieht man, wie Leute aufbrechen, sich frei machen von Zwängen, ausbrechen aus einer Welt mit festen Richtlinien. Das, glaube ich, macht Schiller sehr aktuell: das Bestreben und das Bedürfnis der Jugend nach Rebellion.

Sie haben vor kurzem in einem Interview gesagt: „Schiller war Rock ’n’ Roll“…
Ja, „Schiller war Rock ’n’ Roll – Goethe war Pop“. Diesen Satz habe ich mir gut gemerkt. Schiller war Rock ’n’ Roll, weil er nicht nach Konventionen lebte. Goethe war eher der Konservative, wohl situiert, gesetzt, er hatte seine Knete. Schiller musste für alles kämpfen. Vielleicht kann man es auch so sagen: Goethe war das Glas Wasser, das richtig voll war und gut geschmeckt hat, und Schiller war eher das halbe Glas Whisky, das auch gut geschmeckt, aber nachgewirkt hat.

Wenn Sie Schiller in die heutige Zeit setzen würden, in welcher Rolle würden Sie ihn sehen? Mit welcher Person würden Sie ihn vergleichen? Wäre er auch Dichter?
Schiller heute wäre Schiller – genauso wie früher. Man kann ihn schlecht mit jemand anderem vergleichen. Am ehesten vielleicht mit dem „Nirvana“-Sänger Kurt Cobain – oder eher noch mit Jim Morrison von „The Doors“.

Kann ein Künstler heute überhaupt noch so kompromisslos sein, wie Schiller es war, und dabei trotzdem gesellschaftlich so anerkannt sein?
Heute erzeugt man Aufmerksamkeit durch das Überschreiten von Schamgrenzen, man fragt sich: Wie weit kann ich gehen? Die Leute sind abgebrühter als früher, die Zeit ist schnelllebiger. Die Menschen haben heute auch mehr gesehen als damals: Zu Schillers Zeiten war es ein Ereignis, wenn sich auf der Bühne durch bestimmte Techniken das Bühnenbild veränderte. Heute schockiert man mit anderen Dingen. Vielleicht kam es damals noch eher auf den intellektuellen Aspekt an.

Glauben Sie, dass der Schiller-Film dazu beitragen kann, dass sich die Leute wieder mehr mit Dichtern und Denkern auseinandersetzen?
Ja, vielleicht regt er dazu an, sich wieder mehr mit geistigen Dingen zu befassen. Vielleicht gar nicht unbedingt mit Schiller, sondern auch mit Dingen, die den Menschen selbst wichtig waren, als sie jung waren. Durch den Film kann man begreifen, was Menschen – egal in welcher Gruppe oder Schicht – durch Handeln gegen bestimmte Strukturen bewegen können.

Schiller sah es als Auftrag des Dichters und des Theaters, den Menschen zu verbessern. Worin besteht für Sie der Hauptzweck von Literatur, Theater und Film?
Max Frisch hat es auf den Punkt gebracht. Er hat gesagt: „Ich schreibe etwas auf und alle Menschen sagen: ‚Genau das hätte ich auch geschrieben, wenn ich es könnte.‘“ Das ist der Punkt. Ich glaube, Künstler, Schriftsteller und Theaterleute können Menschen zeigen, Geschichten erzählen, und darin sehen die Leute entweder einen Spiegel oder nicht. Das ist eine gute Aufgabe.

Haben Sie ein Lieblingszitat von Schiller?
Ja, und zwar: „Mein Glück ist heute gut gelaunt.“ Und: „Meine Freude ist so groß, dass sie sich vom Kummer Tränen borgt, um sich zu entladen.“ In Bezug auf die Liebe ist der absolute Knaller von Schiller: „Ich bin zu intellektuell für Liebeskummer.“


Das Gespräch führte Ariane Greiner für das ARTE Magazin (2005)

Erstellt: 02-11-09
Letzte Änderung: 04-11-09