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Stanley Kubrick

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Stanley Kubrick

Donnerstag, 15. November 2007 um 20.40 Uhr - 01/09/08

Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben

Stanley Kubrick - Reihe


Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges initiiert ein geistesgestörter US-General den Atomangriff gegen die UdSSR. Während der amerikanische Präsident Muffley verzweifelt versucht, die Katastrophe in letzter Minute abzuwenden, träumt der obskure Wissenschaftler Dr. Seltsam von der Erschaffung einer Herrenrasse, die den Atomkrieg überleben könnte.

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Im Jahr 1963, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, befiehlt der paranoide Brigadegeneral Jack D. Ripper seinem Fluggeschwader den Angriff auf die Sowjetunion. Damit der Befehl nicht widerrufen werden kann, lässt er seinen Stützpunkt abriegeln und die Bomberpiloten auf eine codierte Kommunikationsfrequenz wechseln. Im Pentagon diskutiert ein Krisenstab die Konsequenzen dieses nuklearen Ernstfalles. Für General "Buck" Turgidson steht fest, dass die Piloten ohnehin nicht mehr rechtzeitig aufgehalten werden können, so könne man gleich das gesamte amerikanische Atomwaffenarsenal hinterherschicken, um mit den "Russen ein für alle Mal Schluss zu machen". US-Präsident Merkin Muffley zieht es allerdings vor, mit dem russischen Botschafter Alexi de Sadesky zu verhandeln. Während sie gemeinsam versuchen, den Generalsekretär der KPdSU ans Telefon zu bekommen, bereitet man sich in den Cockpits der B-52-Bomber mit texanischem Patriotismus auf den Abwurf der Nuklearwaffen vor. Als man endlich den angetrunkenen Sowjet-Premier ans Telefon bekommt, erklärt dieser, dass kurz zuvor eine Weltvernichtungsmaschine installiert worden sei, die auf einen nuklearen Angriff mit einem automatischen Gegenschlag reagiert. Als der abgeriegelte Stützpunkt von Infanterietruppen gestürmt werden kann, hat sich General Ripper erschossen. Zuvor jedoch hat er Captain Mandrake einen verschlüsselten Hinweis gegeben, wie der Rückholcode der Flugzeuge lauten könnte. Allerdings fehlt das Kleingeld für einen Anruf und so erreicht die Nachricht das Pentagon zu spät. Inzwischen ist eine der B-52 von einer Rakete der russischen Luftabwehr getroffen worden und hat dabei ihre Kommunikationseinheit eingebüßt. Ihr Pilot, Major T.J. "King" Kong, öffnet per Hand den defekten Bombenschacht seiner Maschine und reitet auf einer Atombombe seinem sibirischen Ziel entgegen. Während der automatisierte nukleare Gegenschlag anrollt, erscheint der gelähmte deutsche Wissenschaftler Dr. Seltsam im Pentagon und unterbreitet den Politikern und Militärs seine Überlegungen für das Überleben einer handverlesenen Schar von Herrenmenschen. Zu den Klängen eines Trost spendenden Schlagers blitzt unterdessen draußen ein Atompilz nach dem anderen auf.


Drehbuch nach dem Roman "Red Alert" von Peter George

Politische Satiren sind in der Regel genauso kurzlebig wie die Politik, die sie persiflieren. Doch Stanley Kurbricks vor 40 Jahren entstandenes Meisterwerk wirkt mit seiner galligen Komik noch heute erschreckend zeitgemäß. Und das, obwohl der Kalte Krieg und mit ihm die Doktrin der nuklearen Abschreckung auch schon seit einem guten Jahrzehnt Geschichte sind. Die zeitlose Intelligenz des Filmes erklärt sich daraus, dass er sich nicht als Satire auf eine bestimmte Politik beschränkt, sondern vielmehr die Logik und die Archetypen zum Ziel seines beißenden Spotts macht, die Grundlagen fast aller Politik sind. Wer wollte, konnte hinter jeder Figur des Filmes ein reales Vorbild in der amerikanischen Politik der 50er und 60er Jahre sehen. So wurde zum Beispiel die Figur des Dr. Seltsam oft mit den einflussreichen deutschen Wissenschaftlern Wernher von Braun und Herman Kahn in Verbindung gebracht. Was die Figuren des Films jedoch zeitlos macht, ist die Schärfe, mit der sie einen gewissen Typus verkörpern. Gnadenlos macht sich der Film über den Männlichkeitswahn der Militärs lustig, über die ausgesuchte diplomatische Höflichkeit der Politiker im Angesicht der totalen Vernichtung und über den Wahn der Wissenschaft, alles unter Kontrolle haben zu müssen.

Das Drehbuch verfasste Stanley Kubrick gemeinsam mit dem ausgewiesenen Satiriker Terry Southern und einem ehemaligen Offizier der Royal Air Force, Peter George. So grotesk überzeichnet und absurd einzelne Details des Filmes sind, so präzise und realistisch ist zugleich die Beschreibung der militärischen Eskalationslogik. Der gesamte Film ist eine treffsichere Fiktion. So auch der berühmte, von Ken Adam gestaltete "war room" des Pentagons, der so glaubhaft wirkte, dass später viele Besucher des amerikanischen Verteidigungsministeriums in eben diesen, in Wirklichkeit nicht existenten, Raum geführt werden wollten.

Das "Lexikon des Internationalen Films" schreibt: "Kubricks böse Atomkriegs-Satire zeigt die militärischen und politischen Umtriebe konsequent als Pandämonium des Irrsinns. Die groteske Stilisierung der Figuren und Schauplätze entlarvt das 'Gleichgewicht des Schreckens' als labiles Konstrukt, das jederzeit durch banale Zufälle und menschliche Schwächen zum Albtraum werden kann. Einer der radikalsten, bittersten und treffsichersten Filme zum Thema."


Wiederholung: 16.11.2007 um 14:55 Uhr


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Donnerstag, 15. November 2007 um 20.40 Uhr
Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben
(Dr. Strangelove or How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb)
(Grossbritannien, 1964, 91mn)
ARTE F
Regie: Stanley Kubrick
Kamera: Gilbert Taylor
Musik: Laurie Johnson
Schnitt: Anthony Harvey
Mit: Tracy Reed, Frank Berry (Lt. H.R. Dietrich), George C. Scott (General Buck Turgidson), Glenn Beck (Lt. W.D. Kivel), Hal Galili (Burpelson ), Jack Creley (Mr. Staines), James Earl Jones (Lt. Lothar Zogg), Keenan Wynn (Colonel "Bat" Guano), Peter Bull (Botschafter Alexi de Sadesky), Peter Sellers (Captain Lionel Mandrake/ Merkin Muffley/ Dr.Strangelove), Robert O'Neil (Randolph), Roy Stephens (Frank), Shane Rimmer (Kapt. G.A. 'Ace' Owens), Slim Pickens (Major T.J. "King" Kong), Sterling Hayden (Brigade General Jack D. Ripper)
Autor: Peter George, Stanley Kubrick, Terry Southern
Vertreiber: Columbia Tristar Films
Produktion: Hawk Films Ltd.
Produzent: Leon Minoff, Stanley Kubrick, Victor Lyndon

Erstellt: 13-04-05
Letzte Änderung: 01-09-08