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Krimiautoren A-Z - 31/08/11

Dominique Manotti

wurde 1942 in Paris geboren. „Dominique Manotti“ ist das Pseudonym von Marie-Noëlle Thibault. Sie studierte und lehrte Geschichte. Politisiert durch den Algerienkrieg engagierte sie sich in der Gewerkschaftsarbeit und war als Organisatorin der CFDT entscheidend an einem Streik von Immigranten ohne Papiere beteiligt, die sich gegen die ausbeuterischen Bedingungen der Pariser Konfektionsindustrie zur Wehr setzten. Dieser Streik ist auch der historische Stoff ihre ersten Kriminalromans Sombre Sentier von 1995, der 2004 auf Deutsch unter dem Titel Hartes Pflaster erschien. Auch in Letzte Schicht, einem der zehn besten Krimis 2010 verknüpft Manotti geschickt das im Krimi seltene Fabrik-Milieu mit der großen, verbrecherischen Politik. Manotti ist mit ihren insgesamt sieben Kriminalromanen mit historisch-politischen Stoffen einer der bemerkenswerten europäischen Autorinnen von Kriminalliteratur.
Auszeichnungen: 1995 Prix Sang d'encre für Sombre sentier (Hartes Pflaster), 2008 Duncan Lawrie International Dagger für Lorraine connection (Letzte Schicht), 2011 Deutscher Krimi Preis für Letzte Schicht.

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Rezensionen zu "Einschlägig bekannt"


Ein "kleines Glossar zur Pariser Polizei" ist diesem Roman vorangestellt, das ist bei Krimis der Französin Dominique Manotti praktisch. Diese sind schmal, doch nie hat man das Gefühl, es würden Abstriche gemacht bei der Komplexität von Polizeiarbeit im Besonderen und den Verwicklungen des Lebens im Allgemeinen. Im Gegenteil: Am Ende bleibt stets eine Reihe kleiner und großer Verbrechen unaufgeklärt, die aufrechten Polizisten - und von denen gibt es nicht allzu viele - lösen einen Fall und müssen bei drei anderen aufgeben.
"Einschlägig bekannt", im Original 2010 erschienen, ist auch ein politischer Kommentar, zum Beispiel zu den letzten Sommer von der französischen Regierung veranlassten Roma-Abschiebungen. Nicht wenige der Manotti´schen Polizisten sind Rassisten, sie haben etwa ihren Spaß daran, Migranten zu filzen. Ein Junge kommt dabei ums Leben. Ein besetztes Haus geht in Flammen auf, ein Polizeieinsatz in einem Hochhaus-Viertel läuft völlig aus dem Ruder, eine Frau wird erstochen, deren Anzeige gegen ihren Mann der zuständige Beamte gar nicht erst aufnehmen wollte. Und nur wer ganz neu ist bei der Polizei, lässt sich davon noch erschüttern - und weint, dass ihm der Rotz aus der Nase läuft.
Die Räder der Macht, wie sie ineinandergreifen oder gegeneinander arbeiten, sind das andere große Thema. Jeder, der politischen Einfluss hat, taktiert und intrigiert - das Ziel heißt: Karriere. Manotti fasst in geradlinige, unprätentiöse, kühle Sätze, was scharf beobachtet und nah an den gesellschaftlichen Wahrheiten ist.

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  • Tobias Gohlis/DIE ZEIT 1.9.2011

KrimiZEIT-Bestenliste September 2011


Unter den Autoren der Welt ist Dominique Manotti einzigartig. Im Alltag der Arbeiter, zumal dem der ins reiche Frankreich Immigrierten, findet sie, was kein Romancier sonst darin erkennt: den sozialen Gärstoff des Verbrechens. In ihrem Debütroman „Hartes Pflaster“ von 1995 rekonstruierte sie den Streik illegal für die Pariser Modeindustrie arbeitender Türken als Manövrierfeld der Polizei- und Geheimdienste. Auch in „Letzte Schicht“ (2010) verdichtet sie die globalen Machenschaften bei der Privatisierung eines Staatskonzerns mit dem Kampf lothringischer Arbeiter gegen Schinderei am Arbeitsplatz. Man las es mit der gleichen Empörung wie seinerzeit Upton Sinclairs Romane über die Sklavenwelt der amerikanischen Bergbauindustrie. Manotti beobachtet, recherchiert und konstruiert fern aller Klassenkampfromantik: Unten ist unten und Oben oben, Glück gibt es nur momentweise, im Bett.
Wie das Kleine sich aus dem Großen ergibt und ihm doch in die Quere kommt, ist auch Thema ihres jüngsten Romans „Einschlägig bekannt“. Der Stoff dazu ist seit den Aufständen 2005 bekannt, als jugendliche Immigranten und Arbeitslose in den französischen „Problemvierteln“ ihre verzweifelte Wut gegen den Staat in brennenden Barrikaden ausdrückten. Der damalige Innenminister Sarkozy bramarbasierte damals, man solle „den Abschaum“ mit dem Hochdruckreiniger wegspritzen. Als „Ethnische Säuberung“ zitiert Manotti diese Strategie aus einem Behördenpapier. Im fiktiven Pariser Vorort Panteuil inszeniert und konglomeriert sie wie ein zeitgenössischer Shakespeare die Malaise der Banlieues. Verschärft wird der analytische Blick durch die Perspektive: Es ist die eines Kommissariats, das alle Widersprüche des Polizeiapparats auszutragen hat. Da sind die Hoffnungen der jungen Polizeianwärter, die hilflos in unübersichtliche Situationen gejagt werden. Da ist die Nachtschicht der Brigade Anticriminelle, die im Parkhaus ein Bordell organisiert. Da sind die rechtsradikalen Bullen, die schon mal Asylantenheime brennen lassen. Und da sind zwei intelligente, harte Polizistinnen, jede auf ihrer Seite des Rechts. Kommissarin Le Muir, kalt und gefährlich, dient sich dem Innenminister als Exekutorin seiner Eindämmungsstrategie an. Ihre Gegenspielerin ist die arabisch-stämmige Kriminalistin Noria Ghozali, die nachweisen will, dass der Tod eines jungen Berbers, der Brand eines seit Jahren tolerierten Einwandererheims, rechtsradikale Umtriebe und Immobilienspekulation in Panteuil miteinander zusammenhängen und durch die neue Politik protegiert werden. Der Kampf zweier Polizeikulturen zersplittert an der multipolaren Wirklichkeit Panteuils. Manotti gibt einem Jungen die letzte Szene. „Mörderbullen wir tötn euch“ sprayt er an eine Brücke. Man liest Seite um Seite mit wachsender Empörung, Verzweiflung und Bewunderung. Manotti ist singulär.

 

Rezensionen zu "Roter Glamour"




  • Sylvia Staude/Frankfurter Rundschau/21. April 2011

KrimiZEIT-Bestenliste Mai 2011


Zehn Jahre alt ist dieser Kriminalroman schon. Aber die augenblicklichen Ereignisse  in Nordafrika im Allgemeinen und ihr  wenig rühmlicher  Waffenlieferungen-an-Diktatoren-Vorlauf im Besonderen  machen ihn aktuell.
Ohnehin wirkt er in keinster Weise gealtert,  obwohl er in einem Frankreich spielt, in dem François Mitterrand Präsident ist. Ein Präsident übrigens, der manches lieber nicht so genau wissen will, nach dem Motto: Was ich nicht weiß, kann irgendwann nicht auf mich zurückfallen. Dominique Manotti, die in Paris unter anderem Wirtschaftsgeschichte der Neuzeit lehrte, weiß zweifellos, wovon sie schreibt, und als ehemalige hohe Gewerkschafterin  auch, wie in Politik und Wirtschaft gemauschelt und intrigiert  wird.
Der Argument-Verlag hat in seiner Ariadne-Krimi-Reihe  die Französin zwar zeitverzögert, aber immerhin entdeckt.  „Roter Glamour“ ist nach „Letzte Schicht“ der zweite übersetzte Roman. Die 1942 geborene Dominique Manotti kam aber  auch spät zum Schreiben, so dass man versucht ist, die Qualität, die Scharfäugigkeit  ihrer Krimis nicht zuletzt   auf die Anwendung ihrer geballten Lebens- und Berufserfahrung zurückzuführen.
In „Letzte Schicht“ ging es mehr um Wirtschaftskriminalität und fiese Bosse, in „Roter Glamour“ geht es um eine politische Gewissenlosigkeit, die über das normale Maß hinausgeht.
Es ist Vorwahlzeit in Frankreich,  die Sozialisten wollen wieder gewinnen, aber im  Libanon werden französische Geiseln festgehalten. Ein Waffengeschäft mit dem Iran könnte Bewegung bringen in die, selbstverständlich  diskreten,  Verhandlungen um die Geiseln. Allerdings unterstützt man im Mitte der 80er  Jahre grausamst tobenden Iran-Irak-Krieg eigentlich  den Irak. Auch die Waffenlieferung müsste also ganz diskret passieren. Präsidentenberater Bornand hat  bereits alles  eingefädelt und auch dafür gesorgt, dass das Waffengeschäft nicht zu seinem finanziellen Schaden ist. Da explodiert über der Türkei ein Flugzeug – das natürlich nicht auf dem Weg in den Iran war und natürlich auch nichts geladen hatte.
Wie  Schurkereien  – einige, gewiss nicht alle – dann doch ans Licht kommen, das entwickelt sich bei Dominique Manotti   scheinbar wie von selbst. Indem einer ein bisschen was weiß, was er nicht wissen sollte, der andere sich beim Intrigieren ein wenig verkalkuliert, und ein dritter, der unter Umständen sogar ein  tüchtiger und aufrechter Polizist ist,  eins und zwei zusammenzählt.
Erstaunlich ist,   dass die Französin trotz aller Komplexität der Handlung  weit unter Wälzer-Format bleibt. Erstaunlich auch, dass sie in ihrem sich zügig entwickelnden Krimi  den Raum findet, eine Figur wie Noria Ghozali  zu etablieren. Die junge Polizistin  hat es, als Migrantin und als Frau, doppelt schwer, Manotti skizziert die Schikanen in ihrem Leben   eindrücklich. Doch ihr Erzählton bleibt  lakonisch. Darum fühlt man sich von Manotti-Krimis aufgeklärt, aber nicht belehrt.

 

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  • Hendrik Werner/Weser-Kurier 20.4.2011

KrimiZEIT-Bestenliste Mai 2011


"Letzte Schicht" heißt der literarische Vorgänger von "Roter Glamour", Dominique Manottis  neuem Roman. Hatte die Französin sich ehedem, übrigens noch vor der Finanzkrise, couragiert an den verderbten Sitten der Wirtschaftskriminellen abgearbeitet, richtet sie ihr Augenmerk jetzt auf die verlotterte Moral der Politik. Ihre Hauptfigur, die Polizistin Noria Ghozali, kämpft gegen rassistische Anwürfe - und einen mächtigen Gegner namens François Bornand. Der macht als Berater seines präsidialen Vornamensvetters Mitterand mehr Gebrauch von seinem Einfluss, als es die Polizei erlauben sollte. Manotti schildert den historisch unterfütterten Fall über Intrigen und Geheimdienste, Amtsanmaßung und Gewalt mit einem unterkühlten stilistischen Aplomb, der an die Hoch-Zeit der hardboiled novel erinnert.


Rezensionen zu "Letzte Schicht"


  • Tobias Gohlis/Arte 30.7.10
KrimiWelt-Bestenliste August


Gute Wirtschaftsthriller sind so selten wie … bescheidene Hedgefondsmanager. Dominique Manotti, französische Wirtschaftshistorikerin und ehemalige Gewerkschaftsaktivistin, ist erstmals 2004 in Deutschland aufgefallen mit ihrem Roman über einen Streik in der französischen Textilindustrie: In Hartes Pflaster wehrten sich die ohne Papiere beschäftigten Illegalen gegen Ausbeutung. Noch besser, noch geschickter als in diesem Roman verknüpft Manotti Thriller, Schlüssel-Wirtschaftsroman und Lebenswirklichkeit der Arbeiter in Letzte Schicht (original 2006: Lorraine Connection) Hintergrund der bald eskalierenden Unfälle und Morde in einer am EU-Tropf vegetierenden Lothringer Fabrik für Bildröhren ist der Kampf zweier Global Player um den Besitz des 1996 unter dubiosen Bedingungen privatisierten Rüstungskonzerns Thomson. Manotti hat ein Lehrstück über die Skrupellosigkeit der white-collar-criminals vorgelegt, sinnlich, anschaulich auf allen Ebenen: vom Fließband über regionale Korruption bis zum globalen Raubzug samt gekaufter Regierung. Eine tolle Entdeckung!


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  • Ulrich Noller/Funkhaus Europa 6.8.10
KrimiWelt-Bestenliste September 2010


Ein Tal in Lothringen, eine Fabrik für Bildröhren. Viele Fran-zosen arbeiten hier, viele mit arabischer Abstammung, auf der Chefebene dagegen Koreaner. Ein Vorzeigeprojekt, aber die Stimmung ist schlecht: Unfälle haben sich ereignet, die Ar-beitsbedingungen sind miserabel, die Löhne mies, die Chefs unzugänglich. Dann macht das Gerücht die Runde, fest vereinbarte Prämienzahlungen würden nicht geleistet; außerdem wird eine Arbeiterin, die alle schätzen, wegen einer Lappalie entlassen. Die Reaktion: Ein wilder Streik bricht aus, die Chefs werden festgesetzt, die Wut der Arbeiter kocht hoch. Dann bricht plötzlich Feuer aus, Teile der Fabrik brennen nieder.
Wer ist verantwortlich? Die Streikenden? Oder haben ganz andere Interessen dazu geführt, dass da, wo eigentlich keiner zündelte, ein Feuer ausbrach? Ein Detektiv macht sich auf den Weg, offizielle Ermittlungen werden eingeleitet, Zeugen ver-nommen. Die zumindest, die vernommen werden können. Denn einige derer, die ganz nah dran waren, eine junge Araberin zum Beispiel und einer der Streikführer, verabschieden sich plötzlich auf merkwürdige Weise aus dem Leben ...
Ein Wirtschaftskrimi, der die komplexe ökonomische Ge-mengelage zwischen Umstrukturierung alter Industrien, Glo-balisierung, europäischem Zusammenwachsen sowie allen möglichen Spielarten der Korruption darstellt – und dabei aus seiner Sympathie für die kleinen Leute kein Hehl macht, auf deren Schultern das alles ausgetragen wird. Dominique Manotti, geboren 1942, ist eine engagierte Autorin, die sich vor einer einseitigen Sichtweise nicht scheut, diese aber aber komplex und kompetent in der Handlung begründet. Lesens-wert ist ihr Roman vor allem deshalb, weil er gut geplottet ist und mit seiner Mischung aus Reportage- und Literaturelemen-ten sehr nahe dran an seinen intelligent gestalteten Protagonisten.

Links:

 

 

Porträt bei Assoziation A

 

Wikipedia

Interview 1998 im französichen Magazin L’ours-polar (F)

 

Porträt und Interview in Crimemag/culturmag

 

Rezension zu „Hartes Pflaster“

Erstellt: 04-05-11
Letzte Änderung: 31-08-11


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