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09/03/05

Dimitri, Clown!

Ein Clown? Ist doch klar, der gehört in den Zirkus! – Nicht immer. Der Schweizer Clown Dimitri war drei Spielzeiten lang mit dem Circus Knie unterwegs. Aber es zog ihn auch immer wieder auf die Theaterbühne. Das ARTE Magazin traf den Künstler in Basel.


Da ist er: Ein kleiner, zierlicher Mann betritt eine Weinstube in Basel. Zielstrebig geht er auf die Bedienung zu, erklärt, er sei hier mit einer Journalistin verabredet. Fast könnte man ihn für einen Lehrer halten, mit seiner Umhängetasche aus Leder. Er dreht sich um, lächelt höflich, fast schüchtern. Sein Händedruck ist sanft, aber nicht kraftlos. Angenehm.

Dimitri, der Clown mit der Pilzkopf-Frisur, die er schon sein ganzes Leben lang trägt. Geändert hat sich nur die Farbe: Der schwarzbraune Schopf des jungen Tessiners ist über die Jahre weißgrau geworden. Längst kennt man ihn weit über die Grenzen seiner Schweizer Heimat hinaus, der kleine große Clown aus Ascona hat eine internationale Karriere hinter sich: Paris, New York, Tokyo; Australien, Südamerika, China; Circus Knie, Big Apple Circus und immer wieder solo auf der Bühne.

Und da sitzt er nun und erzählt und erzählt. Und manchmal muss er auch ein bisschen überlegen – sich "eine gute Antwort überlegen", wie er sagt. Ist er ein nachdenklicher Mensch? "Ja, schon", sagt Dimitri, der dennoch nichts vom Klischee des traurigen Clowns hält. Natürlich beschäftigen ihn die Probleme der Welt: "Man kann ja nicht sein ganzes Leben mit Lachen und Scherzen verbringen". Und doch stellte Dimitri schon früh fest, dass es für ihn das größte Glück ist, "eine schöne und charmante Frau zum Lachen zu bringen".

Dimitri ist mit Leib und Seele Clown – er war es immer und er wird es immer sein. Und anders gehe es auch nicht, sagt er: "Clown sein ist ein großes Engagement. Man verschreibt sich dem total. Das kann man nicht einfach so halb machen." Deshalb seien wohl auch immer weniger junge Menschen bereit, Clown zu werden. Umso mehr freut es Dimitri, wenn doch der eine oder andere Clown-Schüler seiner 1975 im Tessiner Verscio gegründeten Theaterschule sein Talent zum Beruf macht.

Dimitri, der im Alter von sieben Jahren mit Begeisterung erfuhr, dass die Clownerie ein Beruf ist, erarbeitete sich seinen Weg selbst. Er machte zunächst eine Töpferlehre und finanzierte sich mit der Töpferei seine Ausbildung: Ballett- und Akrobatikstunden, Schauspiel-, Musik- und Tanzunterricht. Denn Dimitri wusste, dass er eigentlich rein zufällig Töpfer war: Seine "Bestimmung" war es, Clown zu werden. 1954 lernte er in Paris den Mimen Marcel Marceau kennen, nahm Unterricht bei ihm und wurde 1958 Mitglied seiner Truppe. Marcel Marceau sei immer sein Idol gewesen, sagt Dimitri: "Und ich habe gedacht, so etwas möchte ich auch machen, aber als Clown. Die ganzen Clownwelten auf die Bühne bringen." Und so eroberte Dimitri, Ende der 50er Jahre ins Tessin zurückgekehrt, als Solokünstler die Theaterbühne.

Er sei wohl der erste Clown gewesen, der vom Theater zum Zirkus kam, sagt der bescheidene Dimitri, nun doch ein bisschen stolz. Das war 1970. Da sah Fredy Knie Senior den Clown auf der Bühne und wusste: Den musste er für seinen Zirkus haben. Drei Tourneen machte Dimitri mit dem Circus Knie, zwei Mal waren seine Frau Gunda und vier der fünf Kinder dabei. "Hochromantisch" sei es gewesen, das Zirkusleben, und dann doch wieder "fast bürgerlich". Schließlich sei auch der Zirkus nur ein Dorf – "ein Dorf, das eben herumreist". Dimitri fand in diesem Dorf ein Zuhause und auch seine Kinder wurden vom "Virus" Zirkus infiziert. Sohn David und Tochter Masha besuchten die Artistenschule in Budapest und reisten mit verschiedenen Zirkussen um die Welt. Doch wie ihren Vater zog es auch sie von der Manege auf die Bühne, hatten auch sie "am Theater genippt" und konnten dann nicht genug davon bekommen.
Metaphern wie diese behagen Dimitri, für den die Kunst etwas Essentielles ist: Er malt, liest, besucht Museen, zählt Schriftsteller wie Max Frisch und Günther Grass zu seinen Freunden und sagt von sich: "Ich trinke die Künste wie Nahrung". Denn Dimitri ist nicht nur ein Artist, der in jungen Jahren den Salto mortale im Schlaf beherrschte, der auf Seilen tanzte und auch jetzt noch, mit fast 70, auf Elefanten herumklettert. Nein, Dimitri ist auch ein Poet. Sein Lieblingssatz ist ein Zitat von Henry Miller: "Der Clown ist ein handelnder Dichter".

Wenn Dimitri auf der Bühne steht, verschmelzen Theater und Zirkus. Mal ist er der derbe Manegen-Clown, der über seine eigenen Füße stolpert und dann einen Zahn nach dem anderen ausspuckt, mal zeigt er subtilen Sprachwitz. Seine "Nonna", die mehrschichtig in Rüschen verpackte Ur-Mutter der "Theaterleute aller Zeiten", bezirzt ihr Publikum heute wie vor 20 Jahren.

Dimitri hat schon so viel erlebt, dass er es nicht in ein paar Stunden erzählen kann – geschweige denn in 80 Minuten. Denn 80 Minuten läuft das Band. Und 80 Minuten läuft auch der Dokumentarfilm des Filmemachers Friedrich Kappeler, der gerade in die Schweizer Kinos gekommen ist. Bei der Premierenfeier von "Dimitri – Clown" in Zürich sei er ein bisschen frustriert gewesen, sagt der Protagonist. Weil er so viel mehr von sich hätte erzählen wollen.
Und so ist Dimitris Traum noch lange nicht zu Ende geträumt: Einen eigenen Film will er noch machen. Einen tragikomischen Film über einen Bahnhofsvorsteher: einen poetischen Film, einen Stummfilm. Schließlich habe Kaurismäki das auch gemacht... "Und dann habe ich meinem Produzenten gesagt: Siehst du? Kaurismäki kommt, macht einen stummen Film und hat einen Riesenerfolg, also... überleg dir das."

Maike van Schwamen für das ARTE Magazin.

Erstellt: 08-12-04
Letzte Änderung: 09-03-05