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23/06/04

Die schlechte Erziehung

(La Mala educación)

von Pedro Almodóvar
(Spanien, 2004, 110 Min.)
Mit: Gael García Bernal, Fele Martínez, Javier Cámara, Daniel Giménez Cacho
 
Filmausschnitte (Real Video):
Teil 1Teil 2Teil 3Teil 4Teil 5
 
    

 Synopsis 1980, Madrid: Der lebenssprühende 27-jährige Regisseur Enrique Goded (Fele Martínez) sucht eine Geschichte für seinen neuen Film. Die findet er in dem Buch, das ein Zufallsgast geschrieben hat und ihm zeigt. Daraus will er ein Drehbuch machen. Der Mann gefällt ihm sehr und kommt ihm irgendwie bekannt vor. Es ist Ignacio Rodriguez (Gael García Bernal), sein Jugendfreund – und auch seine erste Liebe - aus der gemeinsamen Zeit auf der Klosterschule. Wie durch göttliche Vorsehung hat das Schicksal die beiden wieder zusammengeführt, doch Enrique erkennt Ignacio nicht wirklich wieder. Neugierig geworden, spürt er der Vergangenheit nach. Bei seinen Recherchen im Jesuitenmilieu kommt aber nicht das vermeintliche Jugendidyll, sondern eine schockierende Wahrheit ans Licht.
Kritik Die Movida, eine Klosterschule in der Provinz Mitte der 1960er-Jahre, ein Nachwuchsregisseur Anfang der 1980er-Jahre … All dies sind Anspielungen auf entscheidende Abschnitte aus Almodóvars Leben, auch wenn das Drehbuch von „Die schlechte Erziehung“ nicht im eigentlichen Sinne autobiografisch ist: Almodóvar besuchte eine konfessionelle Schule in La Mancha; und in den bewegten Jahren der Movida, als sein Land nach der langen Franco-Diktatur wieder zu Freiheit und Demokratie erwachte, drehte er seinen ersten Film, „Pepi, Luci, Bom und andere Mädchen aus dem Haufen“ (1980). Almodóvar nutzt die in seinen letzten beiden Filmen („Alles über meine Mutter“ und „Sprich mit ihr“) erreichte formale und thematische Meisterschaft in diesem neuen Film nicht, um wohlwollend in die Vergangenheit einzutauchen und ein nostalgisches, sanftes Bild seiner Jugend zu zeichnen.
 
Stattdessen hat er einen ausgesprochenen „Film noir“ gedreht, dessen kompliziertes Drehbuch weder vom Schnitt noch von der Regie her aufgelockert und transparent gemacht wird. Dieser iberische Ableger von Alfred Hitchcocks „Vertigo“ legt, wie für den „Film noir“ typisch, die Erinnerung Schicht um Schicht frei, konfrontiert einander widersprechende und ausschließende Aussagen und zieht den Zuschauer immer tiefer in eine Spirale hinein. Almodóvar bleibt auch hier seiner Liebe zum Melodram (der feinsten Sorte) treu und erfindet Situationen, die ebenso verzwickt und zwiespältig sind wie die Gefühle der Personen. Dabei stellt er deutlich heraus, wie seine Story „gestrickt“ ist: Ungeniert verwendet er erklärende Off-Kommentare und dick aufgetragene Rückblenden.
 
Seine Anleihen bei Hitchcock ähneln den ebenso manierierten von Brian de Palma. Dessen dekadente und spöttische Brillanz ersetzt er jedoch durch große Härte in den zwischenmenschlichen Beziehungen, was sicherlich daran liegt, dass in seinem Film fast nur Männer mitspielen. Der rohe Ton wirkt aber nicht gezwungen. Almodóvar bleibt weiterhin zu Späßen aufgelegt, nur lotet er hier eine dunklere, weniger gefällige Seite seines Filmschaffens aus. Er weiß, dass er sich eine solche Entgleisung inzwischen sehr wohl erlauben kann und durchaus einmal weniger konziliant sein darf. Zur Freude der Filmfans.
 
 Julien Welter
 
 
  Synopsis: Madrid, 1980: – der junge Regisseur Enrique Goded (Fele Martínez) bekommt unerwarteten Besuch von seinem verschollenen Schulfreund Ignacio (Gael García Bernal). Anfang der 60er Jahre lernen beide auf eine katholischen Ordensschule die Liebe, das Kino und die Unterdrückung durch die Kirche kennen. Ignacios Lehrer, Pater Manolo (Daniel Giménez-Cacho), in Ignacio verliebt und ihn sexuell missbrauchend, beendet die homoerotische Beziehung, indem er Enrique von der Schule verweist. Seine Erlebnisse inspirieren Ignacio, der inzwischen Schauspieler geworden ist, zu einer Kurzgeschichte, die er Enrique zur Verfilmung anbietet. Enrique ist fasziniert von der Idee, doch Ignacios daran geknüpfte Bedingung, die Hauptrolle eines drogensüchtigen Transvestiten spielen zu wollen, macht ihn skeptisch. Warum hat sich Ignacio so merkwürdig verändert?
 
Kritik:  Es ist ein langer, steiniger Weg gewesen, bis aus dem schüchternen, in der rückständigen spanischen Kernprovinz Extremadura in einer Klosterschule erzogenen und unter der repressiven Franco-Diktatur aufgewachsenen Internatsschüler der weltberühmte Filmregisseur Pedro Almodovar wurde.  Bereits ganz zu Beginn seiner Filmkarriere hatte Almodovar seine Prägung durch die repressiven Ordensbrüder in „Das Gesetz der Begierde“ verarbeitet – Carmen Marua spielt darin eine Transsexuelle, die in die Kirche ihrer Kindheit zurückkehrt, um einem Priester ihre Liebe zu gestehen. Die Idee entstammte einer frühen Kurzgeschichte Almodovars (der damals noch in einer Telefongesellschaft jobbte) und eben eine solche Kurzgeschichte steht auch im Zentrum seines jüngsten, in Cannes außer Konkurrenz gezeigten Film „La Mala Educcacion“.
 
Autor Ignacio ist kein Alter Ego, aber doch ein Seelenverwandter des Regisseurs. Wie ihn inspiriert auch Ignacio die „schlechte Erziehung“ zu einer literarischen Abrechnung mit den früheren Peinigern, die seine Jugendliebe Enrique verfilmen wird.
Mittels Flashbacks und Voice-Over und spärlich eingesetzten Spezialeffekten springt die Handlung mühelos zwischen den drei Zeiteben (Kindheit/Fiktion: 1977/filmische Jetzt-Zeit: 1980) hin und her. Feinmaschig verwebt Almodovar die bereits in „Sprich mit Ihr“ auftauchenden Film-im-Film-Sequenzen mit der filmischen Wirklichkeit, angesiedelt im schrillen Madrid der frühen Movida-Jahre, dass er in knallbunten Farben noch einmal neu erfindet. Die Freiheit wird gleichwohl von einer dunkel-lüsternen Stimmung überschattet. Wie in Wilders „Double Indemmnity“ und Hitchocks„Vertigo“ betreiben Almodovars Protagonisten ein doppeldeutiges Verwirrspiel, in dem Fiktion und Realität eine gefährliche, ruinöse Verbindung eingehen.
 
In seinem stilsicheren Film Noir ist die „Femme Fatale“ ein „Enfant Terrible“, ein Schauspieler, der seine Skrupel längst verloren hat und seinen Körper als Waffe einsetzt. Auch Enrique, der Ignaocios wahre Identität durchschaut, bleibt davon nicht unbeeindruckt. Fasziniert von der Idee,  Privatsphäre und Beruf zu vermischen, muss auch er seinen Preis bezahlen. Deutlich physischer, weniger diskret oder subtil  als bei seinen letzten Filmen über zwischengeschlechtliche Beziehungen geht Almodovar bei der Aufgabe vor, zum Kern der drei ineinander geschachtelten homoerotischen Beziehungsdreiecke vorzudringen.
 
Die Sexualität wird zur wirksamsten Waffe, seinen Gegner in die Knie zu zwingen. Mögen die Erzählerstimmen dabei gelegentlich etwas umständlich und gewollt melodramatisch ausholen, um das darum herum gestrickte kriminalistische Verwirrspiel logisch zu gestalten, so ist dem spanischem Starregisseur doch ein großer Genre-Film gelungen.

 Martin Rosefeldt

Erstellt: 07-05-04
Letzte Änderung: 23-06-04