Schriftgröße: + -
Home > Welt > US-Wahlen 2008

US-Wahlen 2008

Programmschwerpunkt. Entdecken Sie unsere New York Chroniken. Big Apple einmal anders. Und: Wie gut kennen Sie wirklich das US-amerikanische Wahlsystem?

> Medien, Politik und Öffentlichkeit

US-Wahlen 2008

Programmschwerpunkt. Entdecken Sie unsere New York Chroniken. Big Apple einmal anders. Und: Wie gut kennen Sie wirklich das US-amerikanische Wahlsystem?

US-Wahlen 2008

23/02/09

Die neuen Unbestechlichen

Wer würde heute einen Abhörskandal im Weißen Haus aufdecken? Der investigative Reporter in der Tradition der Watergate-Rechercheure Woodward und Bernstein findet sich nicht mehr in Amerikas größten Medienhäusern, sondern im Internet-getriebenen Bürgerjournalismus. Ein Besuch in der Hauptstadt der US-Mediendemokratie, Washington D.C.

Previous imageNext image
von Dr. Christoph Bieber

Journalismus ist kein Spaziergang, sondern harte Arbeit. Das zumindest dürfte die Meinung der zahlreichen Lehrbücher sein, die amerikanische Studierende durch ihr Journalistik-Studium begleiten. Ist man jedoch zufällig in Washington D.C. und nimmt sich einen Tag Zeit, dann ist es ein kleiner Spaziergang, auf dem man – gewissermaßen im Vorbeigehen – zahlreiche Schauplätze der US-amerikanischen Pressegeschichte besichtigen kann. Innerhalb eines für dortige Verhältnisse erstaunlich kleinen Dreiecks liegen in der Bundeshauptstadt symbolschwere Erinnerungsorte nebeneinander, die viel über das Verhältnis von Medien, Politik und Öffentlichkeit erzählen.

Spaziergang durch die Pressegeschichte

Dr. Christoph Bieber ist Politikwissenschaftler am Zentrum für Medien und Interaktivität der Uni Gießen und bloggt selbst: Internet und Politik
Die Tour beginnt an der Virginia Avenue, vis-à-vis von Theodore Roosevelt Island. Den Ansatzpunkt liefert jedoch nicht der Nationalpark im Andenken des 26. Präsidenten, sondern das Watergate Hotel, das sich derzeit im Umbau befindet. Es ist dieser klobige Betonkomplex, der den Ausgangspunkt der klassischen Geschichte des investigativen Journalismus markiert, weil er auch nach der Nobel-Restaurierung mit den Namen Carl Bernstein und Bob Woodward verbunden bleiben wird. Dabei waren es gar nicht diese beiden "Erfinder" des Enthüllungsjournalismus, die im Juni 1972 die Story vom Einbruch und der versuchten Installation von Abhörgeräten im Hauptquartier der demokratischen Partei aufdeckten. Vielmehr gründet sich der Ruhm der beiden Reporter auf ihre Recherchen zur Vertuschung der Aktion durch Nixon und seinen Regierungsapparat.

Wie maßgeblich diese prototypische Geschichte einer journalistischen Enthüllung bis heute ist, berichtet Alicia Shepard in ihrem kürzlich auf Deutsch erschienenen Buch „Woodward und Bernstein. Leben im Schatten von Watergate“. Sie illustriert damit das, was in der trockenen Sprache der Wissenschaft als die „Beobachtung des politischen Systems durch das Mediensystem“ bezeichnet wird. Die jungen Reporter waren nichts weniger als die „vierte Gewalt bei der Arbeit“. In detektivischer Kleinarbeit trugen sie Informationen und Hinweise zusammen, die einen wesentlichen Beitrag zum späteren Rücktritt von Präsident Nixon leisteten. Zugleich verfassten sie mit „Die Watergate-Affäre“ einen Klassiker des politischen Sachbuchs und erfanden damit ein Genre, das ihnen bis heute einen Platz im Olymp des Journalismus sichert.

Die vierte Gewalt bei der Arbeit

Buchtipps:

„Woodward und Bernstein. Leben im Schatten von Watergate“
Alicia C. Shepard
WILEY-VCH 2008

„Die Watergate-Affäre“
Carl Bernstein, Bob Woodward
Droemer Knaur 1982
Die Schreibtische von „Woodstein“, wie das heterogene Duo in Washington bald genannt wurde, befanden sich gerade einmal zwei Kilometer nordöstlich vom Skandalschauplatz. In einem nicht sonderlich attraktiven Gebäude an der 15. Straße befindet sich der Sitz der „Washington Post“, Dreh- und Angelpunkt der Watergate-Enthüllungen, die zu einer Zeit stattfanden, als die Schreibmaschinen an den Redaktionstischen festgeschraubt waren und man samstags aufgrund „struktureller Schwierigkeiten“ eigentlich nicht arbeiten konnte – es ging niemand ans Telefon, Unterlagen waren nicht greifbar, Bibliotheken und Archive geschlossen.

Reporter als Außendienstmitarbeiter

Bernstein und Woodward behaupteten sich damals gewissermaßen als Außendienstmitarbeiter einer Nachrichtenbehörde, indem sie ihre Geschichten und Berichte gegen die ranghöheren Redakteure verteidigten. Belohnt wurden ihre Bemühungen mit dem Pulitzer-Preis im Jahr 1973 – wohlgemerkt für die außerordentlichen Verdienste der „Washington Post“ in der Kategorie „Dienst an der Öffentlichkeit“, nicht für die individuellen Leistungen der beiden Reporter.

Weit mehr als nur ein Ausflugsziel für Recherche-Romantiker, ist der Sitz der „Washington Post“ heute jedoch vielmehr die Zentrale eines florierenden Medienkonzerns, der unter anderem das „Newsweek Magazine“, die Online-Publikation Slate.com sowie einige Kabel-TV-Stationen beherbergt. Als einziger Zeitungskonzern konnte die „Washington Post“-Gruppe im Jahr 2007 ihren Börsenwert erhöhen, wie der umfangreiche Bericht „State of the News Media“ zeigt. Darin versammelt das „Project for Excellence in Journalism“ jährlich die wichtigsten Kennzahlen zur Entwicklung der Medien in den USA. Getragen wird es unter anderem von der renommierten Journalistenschule der New Yorker Columbia-Universität. Das Fazit der jüngsten Untersuchung ist alarmierend, denn „der Zustand der US-amerikanischen Nachrichtenmedien ist im Jahr 2008 noch schwieriger als ein Jahr zuvor“. Sinkende Auflagen- und Beschäftigtenzahlen, ein heterogenes, nur noch schwer erreichbares Publikum sowie stagnierende oder zurückgehende Anzeigenverkäufe stellen die „vierte Gewalt“ vor große Probleme. Auch das journalistische Handwerk der Ahnherren Bob Woodward und Carl Bernstein ist davon betroffen: Es gehe immer mehr um das Weiterverarbeiten von Nachrichtenagentur-Informationen und viel weniger um das Anfertigen selbst recherchierter Original-Reportagen, ist in dem Bericht zu lesen.

Ein Fall fürs Museum?

Ein konkretes Bild davon, wie moderner Journalismus im Multimedia-Zeitalter funktionieren kann, ist in Washington nur zweieinhalb Kilometer weiter südöstlich in Richtung Kapitolshügel zu sehen. Dort eröffnete kürzlich das Newseum, nach eigenem Bekunden „das interaktivste Museum der Welt“. Der imposante Glasneubau erlaubt auf sechs Stockwerken Einblicke in die Geschichte des Journalismus. Genauer gesagt, in die Geschichte des Journalismus und seiner Kommerzialisierung. So sind hier zwar die größten Schlagzeilen, die Watergate- und die Lewinsky-Affäre, die Anschläge vom 11. September 2001, und auch die Gesichter dahinter präsent, doch vor allem entfaltet sich die Landschaft der Nachrichtenkonzerne vor den Augen des Betrachters, und die wird immer übersichtlicher. Getragen wird das Newseum übrigens von einer Stiftung Al Neuharts, des Gründers der reichweitenstarken Tageszeitung „USA Today“.


Der Hauptstadt-Spaziergang durch die US-Nachrichtenwelt endet schließlich nach einer letzten Etappe an der Pennsylvania Avenue. Etwas mehr als einen Kilometer nordwestlich befindet sich dort das natürliche Zentrum journalistischen Interesses, das Weiße Haus. Längst sind es nicht mehr die klassischen Reporter wie Woodward und Bernstein, die sich in den Dienst einer demokratischen Öffentlichkeitsarbeit stellen. Mit dem Aufkommen digitaler Medientechnologien hat sich die Zahl der Nachrichten- und Neuigkeitenjäger immens vervielfacht. Der undurchsichtige Online-Journalist Matt Drudge, der 1998 die Clinton-Lewinsky-Affäre öffentlich machte, gilt nur noch als Vorbote einer Entwicklung, die die Öffentlichkeit mit unüberschaubaren, schillernden, teils unseriösen individuellen Webseiten von Internetnutzern konfrontiert. Die neuen Stars der Weblog-Welt heißen Markos Moulitsas oder Arianna Huffington und betreiben respektable Nachrichten-Websites im Internet oder liefern im Kollektiv Online-Klatsch und Tratsch direkt vom Capitol Hill, zum Beispiel unter wonkette.com, einem Weblog zu Politik und Gesellschaft in Washington.

Vom Reporterhelden zum Öffentlichkeitsarbeiter

Politisch ist das Engagement dieser neuen Medien- und Nachrichtenunternehmer ganz sicher. Jedoch ist das klassische Ethos der Enthüllungsjournalisten aus der „Woodstein“-Ära nicht unbedingt das Leitbild dieser neuen Generation. Gleichwohl eint sie das Interesse an Stabilität und Integrität der politischen Institutionen, und bisweilen bricht sich der Geist der Tage von Watergate eine Bahn bis in die Gegenwart: Das wegweisende Online-Projekt „Off the Bus“, das unter der Ägide des Blog-Netzwerks der Online-Zeitung „Huffington Post“ entstanden ist, vereint inzwischen mehr als 6.000 Bürger-Journalisten, die aus der Wähler-Perspektive einen Blick auf das Treiben der Präsidentschaftskandidaten werfen. Den Namen holte sich das Projekt aus der Vergangenheit: Unter dem Titel „Boys on the Bus“ hatte der Journalist Timothy Crouse 1972 die Erlebnisse einiger wahlkampfbegleitender Reporter veröffentlicht.

Und so schließt sich der Kreis, oder eher das Dreieck im Spaziergang durch die Hauptstadt der US-Mediendemokratie von 2008: Die etablierten Institutionen des Nachrichtenjournalismus begleiten auch weiterhin Bewerber wie Bewohner des Weißen Hauses, doch sie haben eine starke Konkurrenz erhalten. Es ist nicht sonderlich gewagt zu behaupten, dass die nächsten Woodwards und Bernsteins aus dem Bürgerjournalismus stammen, einer zeitgemäßen, beteiligungsorientierten Form demokratischer Machtkontrolle.

Erstellt: 09-09-08
Letzte Änderung: 23-02-09