Journalismus ist kein Spaziergang, sondern harte Arbeit. Das zumindest dürfte die Meinung der zahlreichen Lehrbücher sein, die amerikanische Studierende durch ihr Journalistik-Studium begleiten. Ist man jedoch zufällig in Washington D.C. und nimmt sich einen Tag Zeit, dann ist es ein kleiner Spaziergang, auf dem man – gewissermaßen im Vorbeigehen – zahlreiche Schauplätze der US-amerikanischen Pressegeschichte besichtigen kann. Innerhalb eines für dortige Verhältnisse erstaunlich kleinen Dreiecks liegen in der Bundeshauptstadt symbolschwere Erinnerungsorte nebeneinander, die viel über das Verhältnis von Medien, Politik und Öffentlichkeit erzählen.
Spaziergang durch die Pressegeschichte


Wie maßgeblich diese prototypische Geschichte einer journalistischen Enthüllung bis heute ist, berichtet Alicia Shepard in ihrem kürzlich auf Deutsch erschienenen Buch „Woodward und Bernstein. Leben im Schatten von Watergate“. Sie illustriert damit das, was in der trockenen Sprache der Wissenschaft als die „Beobachtung des politischen Systems durch das Mediensystem“ bezeichnet wird. Die jungen Reporter waren nichts weniger als die „vierte Gewalt bei der Arbeit“. In detektivischer Kleinarbeit trugen sie Informationen und Hinweise zusammen, die einen wesentlichen Beitrag zum späteren Rücktritt von Präsident Nixon leisteten. Zugleich verfassten sie mit „Die Watergate-Affäre“ einen Klassiker des politischen Sachbuchs und erfanden damit ein Genre, das ihnen bis heute einen Platz im Olymp des Journalismus sichert.
Die vierte Gewalt bei der Arbeit

„Woodward und Bernstein. Leben im Schatten von Watergate“
Alicia C. Shepard
WILEY-VCH 2008
„Die Watergate-Affäre“
Carl Bernstein, Bob Woodward
Droemer Knaur 1982

Reporter als Außendienstmitarbeiter
Bernstein und Woodward behaupteten sich damals gewissermaßen als Außendienstmitarbeiter einer Nachrichtenbehörde, indem sie ihre Geschichten und Berichte gegen die ranghöheren Redakteure verteidigten. Belohnt wurden ihre Bemühungen mit dem Pulitzer-Preis im Jahr 1973 – wohlgemerkt für die außerordentlichen Verdienste der „Washington Post“ in der Kategorie „Dienst an der Öffentlichkeit“, nicht für die individuellen Leistungen der beiden Reporter.Weit mehr als nur ein Ausflugsziel für Recherche-Romantiker, ist der Sitz der „Washington Post“ heute jedoch vielmehr die Zentrale eines florierenden Medienkonzerns, der unter anderem das „Newsweek Magazine“, die Online-Publikation Slate.com sowie einige Kabel-TV-Stationen beherbergt. Als einziger Zeitungskonzern konnte die „Washington Post“-Gruppe im Jahr 2007 ihren Börsenwert erhöhen, wie der umfangreiche Bericht „State of the News Media“ zeigt. Darin versammelt das „Project for Excellence in Journalism“ jährlich die wichtigsten Kennzahlen zur Entwicklung der Medien in den USA. Getragen wird es unter anderem von der renommierten Journalistenschule der New Yorker Columbia-Universität. Das Fazit der jüngsten Untersuchung ist alarmierend, denn „der Zustand der US-amerikanischen Nachrichtenmedien ist im Jahr 2008 noch schwieriger als ein Jahr zuvor“. Sinkende Auflagen- und Beschäftigtenzahlen, ein heterogenes, nur noch schwer erreichbares Publikum sowie stagnierende oder zurückgehende Anzeigenverkäufe stellen die „vierte Gewalt“ vor große Probleme. Auch das journalistische Handwerk der Ahnherren Bob Woodward und Carl Bernstein ist davon betroffen: Es gehe immer mehr um das Weiterverarbeiten von Nachrichtenagentur-Informationen und viel weniger um das Anfertigen selbst recherchierter Original-Reportagen, ist in dem Bericht zu lesen.
Ein Fall fürs Museum?


Der Hauptstadt-Spaziergang durch die US-Nachrichtenwelt endet schließlich nach einer letzten Etappe an der Pennsylvania Avenue. Etwas mehr als einen Kilometer nordwestlich befindet sich dort das natürliche Zentrum journalistischen Interesses, das Weiße Haus. Längst sind es nicht mehr die klassischen Reporter wie Woodward und Bernstein, die sich in den Dienst einer demokratischen Öffentlichkeitsarbeit stellen. Mit dem Aufkommen digitaler Medientechnologien hat sich die Zahl der Nachrichten- und Neuigkeitenjäger immens vervielfacht. Der undurchsichtige Online-Journalist Matt Drudge, der 1998 die Clinton-Lewinsky-Affäre öffentlich machte, gilt nur noch als Vorbote einer Entwicklung, die die Öffentlichkeit mit unüberschaubaren, schillernden, teils unseriösen individuellen Webseiten von Internetnutzern konfrontiert. Die neuen Stars der Weblog-Welt heißen Markos Moulitsas oder Arianna Huffington und betreiben respektable Nachrichten-Websites im Internet oder liefern im Kollektiv Online-Klatsch und Tratsch direkt vom Capitol Hill, zum Beispiel unter wonkette.com, einem Weblog zu Politik und Gesellschaft in Washington.






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