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Evolution von 2. bis 30. April - 07/04/05

Die ersten Menschen

Abenteuer Arte


Der sensationelle Fund eines Schädels im Tschad datiert den menschlichen Ursprung jetzt sieben Millionen Jahre zurück. Mitte Juli 2002 alterte die Menschheit schlagartig um mehr als eine Million Jahre. Dazu kam, dass die Wiege der Menschheit, bisher ein Tal in Äthiopien, um 2500 Kilometer nach Westen verlagert wurde. Fort von den Trocken-Savannen Ostafrikas hin zum Tschad nach Zentralafrika.

Schuld daran war ein Bericht der britischen Zeitschrift "Nature" über einen Schädel, den französisch-tschadische Wissenschaftler zusammen mit einigen Kiefer-Fragmenten aus dem Sediment der Djourab-Wüste geschaufelt hatten. Es war der fossile Kopf der bisher mit Abstand ältesten bekannten menschenähnlichen Kreatur. Anhand weiterer versteinerter Funde an gleicher Stelle wurde das Alter des Schädels bestimmt. Er hatte fast sieben Millionen Jahre auf seine Entdeckung gewartet.

Der Fund von Michel Brunet von der Universität Poitiers dürfte nicht der letzte sein, der die immer wieder neu aufgebaute Weltordnung der Paläoanthropologen erschüttert. Nur die Evolutionstheorie von Charles Darwin geriet trotz aller Funde seit mehr als 100 Jahren nicht ins Wanken. Sein Erklärungsmodell, wonach sich genetische Veränderungen je nach Nutzen durchgesetzt haben, liegt auch den neuen Theorien zugrunde, die sich jeweils durchsetzen müssen gegen die Kritik konkurrierender Wissenschaftler.
So fehlt etwa im Fall des Tschad-Schädels, den die Forscher so nannten wie die Eingeborenen ihre vor Anbruch der Trockenperiode geborenen Babies, "Tourmaï" (Lebensmut), der Beleg, dass es sich bei diesem etwa 1,50 Meter großen, dicht behaarten Wesen mit einem pampelmusengroßen Gehirn um eine aufrecht gehende Kreatur gehandelt habe. Michel Brunet und Patrick Vignaud nannten ihren Fund dennoch "Sahelanthropus tchadensis" (anthropos = Mensch). Sie sahen ihn als eigenständige Art, die weit früher lebte als es die Wissenschaft bisher bei Hominiden vermutete.

Ob er wirklich der Älteste war? Phillip V. Tobias, 77-jähriger Gründervater der Hominidenforschung, glaubt heute, dass es noch viel früher menschenähnliche Kreaturen gegeben haben könnte. Gegenüber der "ZEIT" erwähnte er im Dezember den schwedischen Molekularbiologen Ulfur Arnason, dessen Forschungen die molekulare Uhr der Genetiker neu kalibrieren wollen. Alles sei um den Faktor zwei älter als bisher angenommen. Also müsse man statt mit fünf bis sieben Millionen Jahren jetzt mit zehn bis dreizehn Millionen Jahren rechnen. Tobias würde sich nicht wundern, wenn demnächst ein neun Millionen Jahre alter Hominide gefunden würde.

Lange hatte "Lucy", deren auf 3,6 Millionen Jahre zurückdatiertes Skelett 1974 in Äthiopien gefunden wurde (Australopithecus afarensis), als Ahnherrin der Menschheit gegolten und es war - auch nach Darwins Theorie - vermutet worden, dass es eine über Lucy und den 500.000 Jahre alten Homo erectus zum etwa 200.000 Jahre alten Homo sapiens verlaufende Entwicklung gegeben habe.

Doch der Fund aus dem Tschad und etliche weitere stützen die Theorie, dass man nicht von einem Stammbaum der Menschheit mit linearer Ahnenkette sprechen kann, sondern eher von einem "Stammbusch" mit zahlreichen, teils parallelen oder auseinanderstrebenden Ästen, die sich zum größten Teil auch nicht fortsetzen, sondern einfach enden. Darwins Lehre sieht auch diese Variante vor. Dennoch beschäftigt die Suche nach dem "missing link", nach dem letzten gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Menschenaffe, die Forschung seit 100 Jahren.


Es gebe leider nur sehr wenige Entdeckungen, aus denen die Entwicklungsgeschichte der Menschheit rekonstruiert werden könne, klagte der Frankfurter Wissenschaftler Friedemann Schrenk in einem Interview. Das sei, als wolle man "die Geschichte Mitteleuropas schreiben aufgrund einer halben Münze der Römer, einem Stück Elektrokabel und dem Taschentuch einer wilhelminischen Dienstmagd". Die Lücken seien viel zu groß. Dennoch hat sich durch die diversen Funde eine Theorie ausgebildet, der weitgehend alle zustimmen, wenngleich um Details heftig gerungen wird. Nicht diskutierte gemeinsame Überzeugung ist, womit Darwin einst die Kirche schockierte, nämlich dass Mensch und Affe verwandt sind. Zu 98,7 Prozent gleichen die Proteine des Menschen denen des Schimpansen. Diese Erkenntnis heutiger Biologen dürfte Darwin posthum
für alle Anfechtungen Satisfaktion geben.

Weitgehend unstrittig ist auch, dass die Menschheit in Afrika entstand und von dort aus den Planeten eroberte - in verschiedenen Wanderungswellen, wie ebenfalls etliche Funde vom Neandertal über Java bis Peking belegen. Ob die jeweils "modernere" Version Mensch die vorherigen dabei ausmerzte oder sich mit ihnen vermischte, ist strittig. Die Letzte jedenfalls, die entscheidende Wanderung des intelligenten, sprachbegabten Kulturmenschen begann wohl vor 100.000 Jahren. Vor 40.000 Jahren erreichten diese Vorfahren dann Australien.
Weltweit ist dieser moderne Mensch sich absolut ähnlich. Nach genetischen Untersuchungen der nur von der Mutter vererbten Informationen in den Mitochondrien fand der amerikanische Forscher Allan Wilson 1987 bei 6000 Menschen aus aller Welt so viele Gemeinsamkeiten, dass er den modernen Menschen auf eine gemeinsame afrikanische Urmutter zurückführt, die vor 200.000 Jahren lebte.

Steven Pinker, experimenteller Psychologe vom Department of Brain and Cognitive Sciences des renommierten "Massachusetts Institute of Technology" (MIT) in Boston stützt diese Theorie: "Nehmen Sie Neugeborene aus Asien, Australien, Europa und Afrika, würfeln Sie diese durcheinander und lassen Sie sie aufwachsen, wo immer Sie mögen: Jedes einzelne wird jede Sprache völlig problemlos als die seine annehmen, würde rechnen lernen und Computer benutzen," sagt Pinker. Nicht nur er schließt daraus, dass der moderne Mensch biologisch "fertig" gewesen ist, als er Afrika verließ. Die Größe des Gehirns hat sich seither ebenso wenig verändert wie andere physische Grundlagen.

Doch was machte den Menschen zum Menschen? War es der aufrechte Gang? Die Verwendung von Werkzeug, das Beherrschen des Feuers, die Entdeckung der Kunst - in Fels- und Höhlenzeichnungen etwa oder die Sprache? Für den Kognitionsforscher Pinker ist das eindeutig. Auch homo erectus und homo habilis hätten Werkzeuge eingesetzt, Feuer genutzt, doch: "Sprache konnte sich erst entwickeln, als die Menschen sich etwas mitzuteilen hatten. Könnten Hühner reden, worüber würden die schon sprechen?" Unser Gehirn sei zwar nicht größer geworden, aber es habe sich entwickelt. Heutzutage seien unsere mehr als 100 Milliarden Nervenzellen sicher mit weit mehr als 100 Trilliarden Verbindungen untereinander vernetzt. Natürlich habe auch das mit Darwins Prinzip der natürlichen Selektion zu tun: Es sei unwahrscheinlich, dass unser Gehirn sich quasi über Nacht oder über eine Mutation zur heutigen Leistung hin entwickelt habe.

Im Gegenteil, so Pinker, mögen es zehn, ja 100.000 Jahre gewesen sein. Genbedingt könnten Chemikalien im wachsenden Gehirn die Verbindungen zwischen einzelnen Zellen erst möglich gemacht haben, könnten bestimmte Moleküle an den Zellen Synapsen ermöglichen oder nicht, seien genbedingt Zellen in Teilen des Gehirns gewachsen und in anderen abgestorben. Nützliche Entwicklungen hätten sich dabei eben durchgesetzt.

Durch solche Selektion hat sich das System Mensch im Laufe der Jahrtausende so perfektioniert, dass es zu einer wunderbar abgestimmten Maschine geworden ist.

Und genau das lässt die so genannten Kreationisten nicht ruhen. Ihnen sind paläoanthropologische Thesen zu dünn, ist Darwins Theorie Teufelswerk. Sie sehen im Menschen das Werk von Gottes Hand, wollen in den USA ihre Schöpfungsidee in den Schulen unterrichten lassen. Dabei erfahren sie sogar Unterstützung durch Präsident George W. Bush. Über die Evolutionstheorie, so der Präsident, sei das letzte Wort noch nicht gesprochen.
Darwin dürfte das, bei aller Freude über die Bestätigung seines Lebenswerkes, auch nicht wundern.

Peter Heinlein, ARTE TV Magazin

Erstellt: 07-04-05
Letzte Änderung: 07-04-05