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Wir Europäer! (1/6)

Europa beginnt zu denken

15. Jahrhundert


„Wir Europäer“ erzählt die gemeinsame Geschichte zahlreicher Länder innerhalb Europas, die im Laufe von Jahrhunderten die in ihr lebenden Menschen nachhaltig geprägt hat - weit über Landesgrenzen hinaus. Dabei interessieren die wesentlichen Ideen und Entwicklungen, die Europa definieren und die Europäer bis heute charakterisieren und beschäftigen. Im Mittelpunkt jeder Folge steht eine zentrale Idee, die ihre Epoche grundlegend geprägt hat.
Die erste Folge - Europa beginnt zu denken - beschäftigt sich im 15. Jahrhundert mit dem Thema „Individualismus und Rationalität statt Kirche und Schicksal.“ Durch die exemplarischen Lebenswege der drei Persönlichkeiten Jan Hus, Nikolaus Kopernikus und Andreas Vesalius wird Geschichte personifiziert und damit spannend und erlebbar gemacht.

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Im 15. Jahrhundert, im ausgehenden Mittelalter, wankt die hierarchische mittelalterliche Ordnung. Die Antike wird neu entdeckt. Mit der Renaissance erschüttern humanistische Ideen die starren Glaubenssätze der allmächtigen Kirche. Sie verliert langsam das Meinungs- und Veröffentlichungsmonopol.

Jan Hus, geboren 1370, ergreift öffentlich Partei gegen den Klerus und fordert „christliche Verhältnisse“. Für ihn bedeutet dies, dass die Kirche ohne starke hierarchische Strukturen auskommt, biblische Texte sollten für alle verständlich sein. Obwohl er selbst Priester ist, stellt er sein persönliches Gewissen über das Kirchendogma. 1415 wird er deshalb als Ketzer verbrannt. Hus empört sich in der damaligen multilingualen Weltstadt Prag über den Widerspruch zwischen kirchlicher Lehre der Armut und dem Leben des Klerus in Reichtum. Die moralische Empörung führt bei Hus zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit der Bibel. Er begeistert sich für den englischen Philosophen und Kirchenreformer John Wycliff, übersetzt dessen Schriften und verbreitet sie in tschechischer Sprache. Durch neue Medien, wie der Buchdruck, werden sie massenwirksam.

Die in Europa – auch mit Unterstützung der Kirche – gegründeten Universitäten entwickeln sich zu Stätten freien Denkens. Die Theologie soll sich um Gott kümmern, weltliche Fragen dagegen sind Themen für die Wissenschaften, die in dieser Zeit entstehen. An die Stelle von Religion und Aberglaube (Astrologie) treten überprüfbare wissenschaftliche Theorien einzelner Denker, die der Vernunft verpflichtet sind.

Nikolaus Kopernikus, geboren 1573, ist ein solcher Vordenker und Akademiker, der den akademisch-philosophischen Disput liebt und sich die neue Öffnung gegenüber der Wissenschaft im 15. Jahrhundert zu nutzen macht: Er ersetzte das mittelalterliche Wunschdenken und den Glauben an die Erde als Mittelpunkt der Gestirne durch wissenschaftlich überprüfbare Beobachtungen und Berechnungen und greift dabei auf Theoretiker der griechischen Klassik zurück, deren Theorien über 1.000 Jahre unterdrückt wurden, weil sie nicht ins biblische Weltbild passten. Kopernikus stößt damit an die Grenzen der damaligen „Weltanschauung“, indem er statt der Erde die Sonne zum Mittelpunkt unseres Universums erklärt.

Plötzlich entsteht Erkenntnis aus Erfahrung, durch Handeln, Forschen und Experimentieren. Das geschlossene Weltbild der Kirche bekommt Risse. Die Europäer beginnen Grenzen zu überschreiten, wagen Schritte hin zu Mündigkeit, Aufklärung und Rationalität. Zahlreiche technische Erfindungen, wie der Kompass oder der Globus, werden gemacht und weisen den Europäern den Weg, den sie bis heute gehen. Die individuelle Gesellschaft unter der Vorherrschaft der Vernunft, die wir heute als Stück europäischer Identität empfinden, nimmt ihren Anfang.

Europa beginnt zu denken
(15. Jahrhundert)
Folge 1 der 6-teiligen Geschichtsreihe „Wir Europäer!“
WDR/ORF/MDR/arte
Produktion: TAG/TRAUM, Köln
in Co-Produktion mit Fischerfilm, Wien
Ein „Ich", ein Selbstbewusstsein entsteht. Bisher empfand sich der Mensch als Mitglied einer Gruppe, die Gesellschaft bindet ihn ein, das Schicksal hat sein Leben vorher bestimmt. Plötzlich ist mehr möglich. Der Mensch probt selbst die Verantwortung für sein Handeln. Bisher regelte das Kirchendogma, was gut und richtig war, jetzt wird das Gewissen des Einzelnen zur Instanz. Jeder kann nun seine eigene Wahrheit finden, am Wissen teilhaben und dieses überprüfen.

Andreas Vesalius, geboren 1514, ist ebenfalls auf der Suche nach Wahrheit - nämlich nach dem Wissen über die Anatomie des Menschen. Er ist Professor der Chirurgie und gilt heute als Begründer der neuzeitlichen Anatomie sowie des morphologischen Denkens in der Medizin. Der anatomische Atlas von Vesalius, zeitgleich veröffentlicht mit dem Schlüsselwerk von Kopernikus, setzt an die Stelle einer an Astrologie und Aberglaube orientierten Medizin die Erforschung des menschlichen Körpers und seiner Erkrankungen am verstorbenen Leichnam. Darüber hinaus entwickelt Vesalius – basierend auf seinen Studien – eine Theorie der Abstammung des Menschen vom Affen über Pygmäen hin zum Menschen. Eine Theorie, die später von Darwin nachgewiesen wird.

Im 15. Jahrhundert nimmt, sicherlich maßgeblich angeregt durch die oben genannten Figuren, das rationale, „vernünftige“ Denken seinen Anfang. Die Welt des Geistes gerät in Schwung: die Erkenntnis, dass die Erde sich um die Sonne dreht, und nicht das Zentrum des Weltalls ist, wie man der Bibel zu entnehmen meint, stellt einiges auf den Kopf - und manche verlieren ihn dadurch.

Wir Europäer!
Montag 8. Juni 2009 um 09.10 Uhr
Keine Wiederholungen
(Deutschland, 2008, 43mn)
WDR

Erstellt: 11-11-08
Letzte Änderung: 26-11-08


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