06/08/08
Hans Heisel
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Ausschnitte aus dem Interview mit Hans Heisel, Marinesoldat und seit 1941 im französischen Widerstand
Ich komme aus einer ganz einfachen Familie und als ich 1940 eingezogen wurde und dann nach der Ausbildung als Fernschreiber nach Paris kam, da war das für mich geradezu eine Offenbarung. Ich war bisher noch nie im Ausland gewesen. Paris war für mich wie ein Traum. Und der erste Eindruck von Paris, dieser wunderschönen und interessanten Stadt, so gut habe ich eigentlich noch nie gelebt, so gut habe ich noch nie gewohnt.
Ich bin so ein neuer Mensch geworden. Das hängt aber damit zusammen, dass ich mich inzwischen durch Zufall, von alleine wäre ich ja nie dahingekommen, durch Zufall mit einem französischen Frisör, dann mit einem französischen Schneider angefreundet habe. Das macht an sich ein deutscher Soldat nicht. Ein deutscher Soldat freundet sich nicht an mit dem Feind. ... So als Soldat hat man nicht zu denken. Man hat nur Befehle auszuführen. Und je besser man Befehle ausführt, umso wertvoller ist man als Soldat.
Dieser Schneider war so ein liebenswürdiger Mensch. Der sprach zum Glück deutsch. Ich hatte ja keine Ahnung. Ich sprach kein Wort. Ich hatte nur Volksschule absolviert. Der hat natürlich mächtig mit mir diskutiert. Und der hat mir Fragen gestellt, mit denen ich mich noch nie beschäftigt habe: Warum sind wir in Frankreich? Welche Rolle spielen Sie denn in diesem Krieg? Und er hat mir erzählt, wie die Franzosen leben und welche Probleme sie jetzt haben.
... Das war ein politischer Stratege, der alles verfolgte und auch den Krieg verfolgte. ... Der hat zum ersten Mal mit mir gesprochen, auch über Deportationen der Franzosen nach Deutschland, über Konzentrationslager, über Erschießungen.
(Hans Heisel beschreibt seinen Bewusstseinswandel)
Ich spiele objektiv die Rolle eines Komplizen für ein riesengroßes staatliches Verbrechen des Nazi-Regimes, und diese Rolle wollte ich nicht spielen, und so haben wir gesagt, da muss man etwas tun.
Ich hatte eine Position, da war ich fast nur noch politisch unterwegs, Flugblatt verteilen und alles mögliche.
Und dann kam alles noch dazu, meine Verbindungsfrau von der Résistance, von der Emigration, die sagte, Mensch, wir brauchen sofort eine Pistole. Ich hatte schon öfter mal Pistolen gestohlen bei verschiedenen Gelegenheiten. Ich sage, na, so schnell kann ich keine beschaffen. ... Aber die hat mich so bekniet, dass ich so naiv war und habe ihr meine Dienstpistole gegeben. Jetzt lief ich erst mal mit einer leeren Pistolentasche rum. Und habe ihr meine Dienstpistole gegeben .... Ein Franzose, der in der Führung der Résistance war, der hat dann bestätigt, dass mit dieser Pistole der Stellvertreter von Saukerl .... also sein Stellvertreter, der hieß Julius von Ridder, der hat Tausende und Hunderttausende von Franzosen deportiert nach Deutschland zum arbeiten, der hat dann geschrieben, mit dieser Pistole von dem Wehrmachtsgefreiten Hans Heisel ist der erschossen worden.
(Zu den Ereignissen vor dem 25. August 1944)
Und dann begann am 19. schon der Aufstand. Das war für mich eines der größten Erlebnisse, muss ich sagen. Denn als ich morgens aufstand und in die Stadt ging, da hingen überall Plakate mit dem Aufruf, auf zum Aufstand. Und dann ging es auch los. Und das war ganz unwahrscheinlich. Ein solcher Enthusiasmus der Bevölkerung, von Männern, von Frauen und Kindern, die dann Barrikaden bauten. Und da war wunderschönes Wetter, die Sonne schien. Eine Begeisterung. Die schleppten Bäume. Mobiliar und Steine und rissen die Straßen auf. Das wuchs nur so aus den Barrikaden. Und ich sah dann, wie ein deutscher Panzer in eine Straße reinfuhr. Und dann haben die schon wieder eine Barrikade gebaut. Und aus den Fenstern haben sie dann Molotowcocktails geschmissen, und der ging dann in Brand.
Das war eine ganz tolle Truppe. Und die haben mich dann sozusagen als Parlamentär benutzt, um Waffen zu beschaffen und zu erreichen, dass die deutschen eingeschlossenen Truppen in ihren Stützpunkten kapitulieren und in Gefangenschaft kamen. Ich konnte mich da natürlich nicht drücken.
Meine Hauptaufgabe war zu jener Zeit, mit der weißen Fahne die Leute zu überzeugen: Kapituliert, geht in Kriegsgefangenschaft. Wir garantieren Leben. Ich bin beauftragt, die Verhandlungen zu führen. Da habe ich drei, vier solcher Stützpunkte aufgesucht und versucht, mit denen zu diskutieren, unser Anliegen vorgebracht. Aber die waren alle so überzeugt, dass sie doch noch siegen.
Gegenüber dem Opernplatz war die Kommandantur. Und da war ein ziemlich großer Auflauf. Und die FFI und die Résistance wollten dieses Gebäude stürmen. Es waren viele Menschen ringsherum da. Und dann war da eine ziemliche Schießerei. Ich bin ein bisschen später gekommen und habe das nicht alles mitbekommen. Aber was ich mitbekommen habe, war dann: Von der Kommandantur aus haben sie die weiße Fahne gehisst, als Zeichen, wir ergeben uns. Und dann waren Jubelschreie von der Masse der Leute. Und dann strömten die auf dieses Gebäude zu und wollten die scheinbar in Empfang nehmen. Und während die da hinströmten, schossen die doch aus den Fenstern auf die Bevölkerung. Und da wälzten sich dann einige im Blut. Und da war dann eine Empörung da. Und dann in einer halben Stunde war die Sache erledigt. Da haben die die dann ausgeräuchert und dann gefangengenommen. Ich erinnere mich nur: ich stand da. Die Gefangenen, die geschossen haben, die kamen dann da vorbei. Die FFI-Leute, die hatten dann ihre Trikolore-Bändchen um und waren bewaffnet. Die haben die dann vorbeigeführt. Die hatten eine solche Disziplin. Da habe ich wirklich gestaunt. Die haben keinen rangelassen. Da war ein solcher Hass. Die Leute haben die angespuckt. Die wären gelyncht worden. Doch die haben die da beschützt und haben sie dann in Gefangenschaft genommen.
Erstellt: 06-08-08
Letzte Änderung: 06-08-08