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Das internationale Nachrichtenmagazin. Jeden Samstag um 18.15 Uhr. Im Wechsel moderiert von Nathalie Georges und Andrea Fies.

> Diese Woche > Bolivien: Morales mit den Indios an die Macht

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David Gormezano, Pablo Casal, Gaby Casal, Javier Setta

Zum Nachlesen: Mit den Indios an die Macht

Wahlen in Bolivien : Mit den Indios an die Macht


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Der Mann, der hier zu den Schamamen kommt, ist vielleicht ein künftiger Präsident. In seiner Heimat, dem bolivianischen Altiplano, bittet Evo Morales die „Mutter Erde“ um ihren Segen und um Unterstützung für seinen Sieg.
1968 starb hier, in diesen Bergen, der Guerillero Che Guevara. Auch er wollte Bolivien den Sozialismus bringen. Heute, 37 Jahre später, scheint seine Vision in greifbarer Nähe: Der Sozialist Evo Morales, ein Nachfahre der Inka, steht bei den Wählern hoch in der Gunst.
Ob Evo Morales nun Sozialist, Gewerkschaftler oder Kokapflanzer ist, das ist den Bauern im zentralen Hochland ziehmlich gleich. Für sie zählt einzig und allein, dass er einer von ihnen ist. Einer vom Stam der Aymara, der als Kind drei Mal pro Tag nichts anderes als Maissuppe zu essen bekam – und heute vor den Toren des Präsidentenpalastes steht.

Evo Morales:
„Ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages einmal für die Präsidentschaftswahlen kandidieren werde. Ich erinnere mich, dass ich schon einmal hier war, auf diesem Dorfplatz; das war 1978. Sie können sich sicher nicht daran erinnern; ich spielte damals am Fest des 14. September.
Ich war sehr jung, ich war Musiker; und ich spielte Trompete. Um ein bisschen dazu zu verdienen, habe ich Bier verkauft. Getrunken habe ich damals noch keins, so jung war ich. Unsere Musikgruppe hieß „Imperial“, Kameraden!
Aber jetzt höre ich besser auf, von mir zu erzählen, sonst sagen die Journalisten noch, ich sei „Ego“ und nicht „Evo“... aber ich bin es, ich bin Evo Morales.
Evo Morales, der Mann mit Charisma, wird allenthalben mit offenen Armen empfangen. Die Präsidentschaftswahlen scheinen nur noch von einer Frage bestimmt zu sein: Wird Evo Morales tatsächlich der erste indigene Staatspräsident Boliviens?
Vor 500 Jahren läuteten die spanischen Eroberer das Ende des Inka-Reiches ein. Mit seiner herrischen Art und seiner hellen Hautfarbe erinnert Jorge Quiroga, Kandidat der bolivianischen Rechten, ein bisschen an die ehemaligen Konquistadoren.

Quiroga und seine Mitkandidatin, eine ehemalige Fernsehmoderatorin, erwecken obendrein oft den Eindruck, ihr Land kaum zu kennen:
„Danke für den herzlichen Empfang, danke, dass Sie uns Ihre schöne Landschaft zeigen, Ihre Berge, Ihre Kühe… Wir können sehen, wie Sie hier leben und lernen Sie dadurch besser kennen.
Nächstes Jahr werden wir uns mit Ihnen in Aymara unterhalten können, versprochen... aber momentan müssen Sie bittesehr noch mit Spanisch Vorlieb nehmen.“

Tuto Quirogas Partei hat sich das Rot und den Stern der Revolution auf ihre Fahnen geschrieben. Seine Reden klingen zwar sozialistisch, doch Quiroga, ein in der USA ausgebildeter Technokrat, hat eher den Ruf eines Konservativen.
In den Umfragen wird er von Evo Morals weit überholt. Zudem wirkt er im Fernsehen um einiges steifer als dieser als Morales.
- Wäre der Sieg von Evo Morales eine Katastrophe für Sie?
Tuto Quiroga:
„Wir setzen uns für Fortschritt und Frieden in Bolivien ein; für ein Bolivien, das regierbar sein wird.“

Der 42 jährige Quiroga, ehemaliger Staatspräsident von Bolivien, wäre gerne das Symbol des politischen Wandels. Doch für die Bewohner dieses Dorfes am Titicacasee verkörpert er vielmehr ein politisches System, das längst in Misskredit gekommen ist:
„Tuto war schon einmal Präsident und er hat nichts für uns getan. Er hat bestimmt viel für die Oligarchen getan, aber um uns hat er sich kaum gekümmert. Hier in Tikina sind wir gegen Tuto und gegen die Rechten. Wir hoffen auf Evo. Mit ihm können wir hoffen, dass sich etwas ändert.“

65 Prozent der bolivianischen Bevölkerung verdient weniger als zwei Dollar pro Tag. Bolivien ist auch das Land mit den meisten indigenen Völkern Lateinamerikas – und diese wählen Evo Morales, denn er lebte, wie sie, in Armut. Um die Wahl zu gewinnen, braucht Morales aber auch die Stimmen der Mittelschicht.

Deswegen setzt er auf seinen Mitkandidaten Alvaro Garcia Linera. Der Soziologe ist sozusagen ein Medienliebling und kommt aus der entsprechend „richtigen“ Gesellschaftsschicht:
„Es mag vielleicht überraschend klingen, aber die bolivianische Gesellschaft ist zutiefst rassistisch. Es gibt zwar keine offiziellen rassistischen Gesetze, doch im Alltag herrscht eine wahre Apartheid. Ein Indigena gilt als minderwertig, die Leute assoziieren damit „Bauer“ oder „Bettler“. Niemand will zugestehen, dass die indigene Bevölkerung in der Mehrheit ist und das Land sehr wohl regieren kann..
Meine Kandidatur an der Seite von Evo Morales ist ein kultureller Kompromiss. Ich selbst empfinde mich als Vermittler zwischen den Indigenas, die jetzt nach der Macht streben und der Elite, den Mestizen, die bisher immer an der Macht waren und nun Angst haben, diese zu verlieren. Ich möchte ihnen klar machen, dass sie die Macht nicht verlieren werden, sondern dass sie sie teilen müssen.“
Auch in La Paz sind die Gesellschaftsschichten, so wie im Rest des Landes, klar getrennt. Unten, im Talkessel, die Institutionen und die Reichen, oben auf den Höhen, die Armen.
Die Partei von Evo Morales und Alvaro Garcia Linera organisiert jeden Tag einen Marsch von „oben nach unten“.
„Evo wird Präsident“ rufen die Leute auf der Straße. Bei der Mittelschicht ruft das Ängste hervor, aber auch eine gewisse Resignation.
Die Rechten nutzen diese Ängste als Argument ihrer Wahlkampagne. Ayda Acha, die als Abgeordnete kandidiert, wiederholt 1000 Mal pro Tag, dass Evo Morales keine politische Erfahrung habe und dass er die Reichtümer des Landes verstaatlichen und gleichmäßig verteilen wolle.

Das hat Evo Morales tatsächlich angekündigt. Für Frau Acha heißt das, dass die Bolivianer sich zwischen zwei Gesellschaftsformen entscheiden müssen:
„Diese Wahl ist von entscheidender Bedeutung, sie wird Folgen für die kommenden 20 Jahre haben. Das Land braucht weniger Streiks und mehr Dialog. Wir möchten friedliche Lösungen für die existierenden Probleme finden. Denn wir haben genug von Streiks, Chaos und Anarchie. »

Ruhe und Ordnung, das wüscht man sich auch in Santa Cruz de las Sierras, der größten und reichsten Stadt des Landes. Hier, 600 Kilometer von la Paz, sind wir in einer anderen Welt. Das Klima ist tropisch und die Wirtschaft boomt.
Innerhalb von 10 Jahren ist Santa Cruz zum neuen Eldorado geworden. Die Gegend birgt die zweitgrößten Gasvorkommen Lateinamerikas. Wer die Gasvorkommen kontrolliert – dies ist vielleicht sogar die Kernfrage dieser Präsidentschaftswahlen.
Vom Altiplano, revoltierenden Indigenas und ethnischen Forderungen möchten die wohlhabenden Bürger hier nichts wissen. Sie unterstützen eine autonome Liste, die sich dafür einsetzt, dass die Hauptstadt La Paz die Finger von den lokalen Reichtümern lässt.
Ruben Costa, Autonomist Kandidat:
„Wir sind mit den Forderungen einverstanden, dass das Gas aus unserer Region großräumig vertrieben wird. Wir sind bereit, mit den Gasvorkommen dazu beizutragen, die Armut im Land zu verringern.
Aber die Gasvorkommen dürfen nicht verstaatlicht werden, wie dies einige Extremisten und falsche Propheten einer archaischen Linken fordern, die die Unwissenheit der einfachen Leute ausnutzen.
Die Europäer und die Medien glauben, dass wir hier die gleiche Situation hätten wie in Südafrika unter der Apartheid. Dass eine Handvolle Weiße die Indigenas ausbeuten. Aber das stimmt absolut nicht.“
Ruben Costa wird höchstwahrscheinlich der neue Gouverneur von Santa Cruz. Seine Anhänger sehen das Land zweigeteilt: Im Osten, das Tiefland, dessen Bewohner massiv für die Rechten und die Autonomie stimmen. Im Westen das Hochland der Anden mit den Nachkommen der Inkas, die Evo Morales unterstützen.

Der Ruf nach Unabhängigkeit ist für viele nur ein erster Schritt...
- Sie verlangen die Unabhängigkeit?
Erick Fernandez:
„Ja, wir brauchen in diesem Land ein System der regionalen Autonomie. Wenn das nicht funktioniert, müssen wir einen anderen Weg gehen. Eines ist klar: wir haben eine ganz andere Kultur und eine andere Bildung als die Menschen im Westen. Wir gehören nicht dem gleichen Volk an, wir haben unterschiedliche Bräuche, wir haben mit ihnen nichts gemeinsam. Wir, die Bewohner von Santa Cruz, werden nicht als erste angreifen. Aber wenn Evo Morales gewählt wird, muss er sich darauf einstellen, dass wir uns wehren. Sollte Morales zum Präsidenten gewählt werden, muss er uns respektieren. Wenn er unsere Interessen mit Füßen tritt, wird es zur Konfrontation kommen, bis hin zum Bürgerkrieg.“

Die engagierten, disziplinierten Anhänger der Linken werden von der Elite als ständige Bedrohung empfunden:
„Ich schwöre alles zu tun, damit die MAS und das bolivianische Volk am 18. Dezember an die Macht kommen.
Im Namen von Mutter Erde und aller Märtyrer.
Immer aufrecht, nie gebeugt.“
Wir sind in El Alto, einer Stadt mit 800.000 Einwohnern. Aufruhr und Widerstand sind hier an der Tagesordnung. 2003 wurden 80 Menschen von der Armee getötet. Präsident Sanchez de Lozada, ein Konservativer, flüchtete damals ins Exil nach Miami.
Die Bewohner der „Rebellenstadt“, auf 4000 Meter Höhe gelegen, könnten den Zugang nach La Paz innerhalb weniger Stunden blockieren. Und die Geduld der Menschen hier geht so langsam zu Ende...

Miguel Machaca, Kandidat MAS El Alto :
„Wir haben schon im Oktober 2003 gekämpft – und einiges für das Volk erreicht. Im Mai und Juni haben wir uns wieder engagiert und haben durchgesetzt, dass ein neues Gesetz über unsere fossilen Brennstoffe verabschiedet wurde. Durch dieses Gesetz hat der Staat mehr finanzielle Mittel, die den Universitäten und den Gemeinden zugute kommen.
Wir kämpfen nicht nur zum Spaß, wir kämpfen, um an die Macht zu kommen. Wir möchten an die Macht, wir möchten den bolivianischen Staat regieren und selbst über die Wirtschaft bestimmen.“



Einige Tage vor der Wahl scheint Evo Morales Sieg so gut wie sicher. Dieser hat in seiner Wahlkampagne angekündigt, er werde die riesigen Gas- und Erdölvorkommen verstaatlichen, die bisher von Firmen wie Total, Repsol oder British Gas verwaltet werden.
Diese Verstaatlichung ist Thema Nummer eins der sozialen Bewegung. Seit 2003 ist diese Grundforderung das Fundament der Koalition um Evo Morales:
’’Die ausländischen Firmen werden sich den bolivianischen Gesetzen beugen müssen. Sie können nicht über unseren Grund und Boden bestimmen, die Vorkommen gehören uns. Und wir werden unsere Rechte geltend machen. Wir brauchen Partner, keine Bonzen.“
In seinem Wahlkampfbüro empfängt Evo Morales mit den traditionellen Kokablättern einen kalifornischen Bürgermeister lateinamerikanischer Herkunft.
In den USA ist Evo Morales, der auch Vorsitzender der Gewerkschaft der Kokapflanzer ist, nicht gern gesehen. Washington befürchtet, er würde Bolivien in einen Drogenstaat verwandeln.
Morales:
„Vor zwei Wochen hat der amerikanische Botschafter angekündigt, das bolivianische Parlament müsse amerikanischen Bürgern Immunität gewähren, sonst würden die USA die Wirtschaftshilfe für Bolivien reduzieren.
Außerdem sagte er, dass Bolivien es bitter zu spüren bekäme, wenn die Politik zur Ausrottung von Koka in Frage gestellt würde. Doch ich sage ganz klar: wir werden die Politik bezüglich des Kokaanbaus ändern.
Wir treten für die Beibehaltung des Kokaanbaus ein, aber wir kämpfen gegen den Handel mit Kokain. Koka ist Teil unserer Kultur, Kokain ist es nicht.“
Evo Morales will also den Kokaanbau legalisieren, ist er erst einmal zum ersten Indio-Präsident gewählt,..
Für die USA wäre Bolivien somit Teil der lateinamerikanischen „Achse des Bösen“, in Gesellschaft von Fidel Castro und Hugo Chavez. Doch Morales’ Wahl wäre in erster Linie eine kulturelle Revolution. Denn seit 1825 kamen die bolivianischen Präsidenten ausschließlich aus der „weißen Elite“.

Morales Moral:
’’Du sollst nicht stehlen, du sollst nicht lügen, du sollst arbeiten... Diese Werte haben uns unsere Vorfahren übermittelt. In der Kultur der Andenvölker, bei den Aymaras und den Quechuas, gibt es keine Diebe und keine Korruption.
In meinem Geburtshaus gab es keine Schlösser an den Türen. Ich komme aus einer Kultur, in der die Menschen solidarisch sind und sich gegenseitig unterstützen. Lüge und Betrug kommen aus der westlichen Kultur. Ich möchte das Land nach den moralischen Prinzipien der eingeborenen Völker regieren.“
Niemand kann heute sagen, ob die Verstaatlichung der Erdgasvorkommen tatsächlich die Armut lindern wird.
Doch die Wahl von Evo Morales – sie wäre eine kulturelle Revolution, ein flammendes Symbol für alle eingeborenen Völker der Anden.


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mittwochs gegen 21.45 Uhr

Erstellt: 15-12-05
Letzte Änderung: 20-02-06


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