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ARTE Journal - 24. Februar 2011 - 25/02/11

"Wir haben die Lage unter Kontrolle, die EU muss uns vertrauen."

Interview mit dem Generalsekretär des Roten Halbmonds in Tunis


Mehr als 30.000 Ägypter und Tunesier sind seit Beginn der Woche bereits aus Libyen geflohen – das zumindest schätzen Flüchtlingsorganisationen. Die Hilfsorganisation Roter Halbmond warnte vor einem Massenexodus.

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Insgesamt sollen etwa 1,5 Millionen Ägypter und rund 50.000 Tunesier in Libyen leben. Allein gestern sind etwa 5000 Menschen in Ras Dschesir angekommen, einem Ort an der tunesisch-libyschen Grenze, berichtet der Generalsekretär des Roten Halbmonds in Tunis, Dr. Tahar Cheniti. Die meisten seien tunesische, marokkanische oder algerische Arbeiter. Auch auf ägyptischer Seite erreichen jeden Tag tausende den Grenzort Salloum. ARTE Journal sprach mit Cheniti über die Situation im Flüchtlingslager in Ras Dschesir und die Erwartungen an Europa.


Claire Stephan, ARTE Journal: „Der Rote Halbmond koordiniert die humanitäre Hilfe an der libysch-tunesischen Grenze. Wie kommen Sie mit dem täglichen Ansturm von tausenden Menschen zurecht?“

Dr. Tahar Cheniti, Generalsekretär des Roten Halbmonds in Tunis:„Wir versuchen, das so gut wie möglich zu bewältigen. Auf alle Fälle kann ich feststellen, dass wir unsere Organisation verbessert und unsere Mittel gestärkt haben, und zwar in Absprache mit allen beteiligten Akteuren. Der Rote Halbmond arbeitet Hand in Hand mit dem Internationalen Roten Kreuz, mit dem UN-Flüchtlingskommissariat und der Internationalen Organisation für Migration. Wir haben auch die Unterstützung aller tunesischen Stellen, wie Gesundheitsministerium, Armee und Zivilschutz. Wir organisieren den Empfang und den Weitertransport der tunesischen Heimkehrer mit zusätzlichen Transportmitteln. Wir stellen auch psychologische Unterstützung und Nahrung bereit; die Menschen, die hier ankommen, haben ja oft seit langem nichts gegessen. Und wir haben Mittel zur medizinischen Versorgung vorgesehen, die für alle Eventualitäten ausreichen sollten. An der libyschen Grenze stehen medizinische Einsatz-Teams bereit, wir haben ein Feldlazarett eingerichtet und einen Erstversorgungsposten des Zivilschutzes.“


ARTE Journal: „Wie viele ausländische Flüchtlinge und tunesische Heimkehrer kommen derzeit über die Grenze zu Libyen?“
Dr. Cheniti: „Libysche Flüchtlinge gibt es Tunesien noch keine. Bis jetzt sind nur die Angehörigen von tunesisch-libyschen Familien bei uns eingetroffen und – das ist der Hauptanteil – Tunesier, die in Libyen arbeiten.“


ARTE Journal: „Wie viele sind es?“
Dr. Cheniti: „In den letzten drei Tagen waren es 15.000.“


ARTE Journal: „Das ist viel. Haben Sie ausreichende Mittel?“
Dr. Cheniti: „Wir haben alles aufgeboten, was wir haben, und die tunesische Regierung hilft uns, besonders mit Fahrzeugen und mit der Einrichtung von Bereitschaftsdiensten in den Krankenhäusern. Zusammen mit unserem Feldlazarett vor Ort sollte das eigentlich ausreichen.“


ARTE Journal: „Erschwert Ihnen die Tatsache, dass Tunesien eben eine Revolution erlebt hat und mitten in einer Übergangsphase steckt, die Arbeit?“
Dr. Cheniti: „Ja und nein; insgesamt würde ich eher sagen, nein. Die Tunesier haben nämlich eine neue Solidarität entwickelt. Ich kann Ihnen versichern, dass sie im Augenblick ihre internen Bedürfnisse zurückstellen gegenüber der Notsituation an der Grenze und in Libyen. Wir sehen laufend LKW-Kolonnen eintreffen mit Medikamenten und Nahrung für die Heimkehrer im Grenzgebiet und für eventuelle libysche Flüchtlinge. In puncto Solidarität haben wir absolut kein Problem.“


ARTE Journal: „In Tunesien gab es eine Revolution, in Ägypten auch, und jetzt herrscht in Libyen Chaos. Die EU befürchtet einen massiven Ansturm von Flüchtlingen. Was meinen Sie dazu?“
Dr. Cheniti: „Wir werden bis zum Wochenende mit Hilfe des UN-Flüchtlingskommissariats Zeltlager aufbauen. Aber im Augenblick ist das eher eine Präventivmaßnahme. Bisher sind nämlich nur Ägypter, Marokkaner und Algerier aus Libyen zu uns gekommen, und die wollen weiterreisen in ihre Herkunftsländer. Wir sind dabei, ihren Weitertransport zu organisieren, zusammen mit den jeweiligen Botschaften. So sind etwa 800 Ägypter bei uns durchgereist, teilweise mit einer Nacht Aufenthalt. Das ist logistisch zu schaffen. Mit einer massiven Flüchtlingswelle sind wir noch nicht konfrontiert, aber wir bereiten uns darauf vor. Bis heute haben wir nur mit Menschen zu tun, die regulär als Fremdarbeiter in Libyen waren und jetzt nach Hause zurück wollen. Die dafür nötige Logistik steht inzwischen bereit.“


ARTE Journal: „Ist die EU Ihrer Ansicht nach solidarisch genug?“
Dr. Cheniti: „Das ist eine heikle Frage. Ich denke, Europa ist seinen Prinzipien nach solidarisch, aber in der Praxis gibt es da noch einiges zu verbessern.“


ARTE Journal: „Was brauchen Sie jetzt besonders dringend?“
Dr. Cheniti: „Was wir am dringendsten brauchen ist, dass uns alle - und besonders die Europäer - vertrauen und unterstützen. Sie müssen wissen, dass wir in Tunesien Leute haben, die für solche Krisensituationen sehr gut ausgebildet sind. Das beweisen auch unsere derzeitigen Kontakte mit den internationalen Organisationen. Wenn die Dinge im derzeitigen Rahmen bleiben, brauchen wir keine besondere Hilfe von außen. Vielleicht werden wir in der Folge medizinische Unterstützung und Nahrungsmittel benötigen. Das wäre dann aber für den eventuellen Bedarf libyscher Flüchtlinge. Den Bedarf der Tunesier haben wir bereits gedeckt, insbesondere durch die Mobilisierung zusätzlicher medizinischer Kapazitäten.“


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Erstellt: 24-02-11
Letzte Änderung: 25-02-11