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ARTE Journal, 26. Mai 2010 - 26/05/10

Das effektivste Organspende-System Europas

Das Europa-Parlament hat eine bessere Zusammenarbeit im Bereich der Transplantationsmedizin beschlossen. Ebenso strenge Standards bei der Sicherheit und Qualität der Organspenden. Eine gute Nachricht für schwerkranke Menschen, die auf ein neues Herz, eine Niere oder eine neue Leber warten. Doch noch immer gibt es vor allem ein Problem: Den Mangel an Organen.


Am 19. Mai verabschiedete das Europäische Parlament eine Direktive, die langfristig 20 000 Leben jährlich retten könnte. Dabei folgte es weitgehend den Vorgaben Spaniens für die Transplantationsmedizin. Man muss sich nur die Zahlen anschauen, um festzustellen, dass Spanien weltweit die besten Ergebnisse in Sachen Organspende vorzuweisen hat. Mit einem Schnitt von 34 Spendern auf eine Million Einwohner liegt es weit vor Frankreich mit 23 Spendern pro Million Bewohner. Noch weiter abgeschlagen liegen die Briten (14,7) und die Deutschen (14,6).

„Die Spanier sind nicht unbedingt großzügiger, aber die spanische Organisation ist besser als anderswo," sagt Rafael Matesanz, Leiter der Organización Nacional de Trasplantes (ONT).

Zahlen und Daten zum Thema Organspende in Europa

- Spanien hat im Schnitt 34 Organspender pro 1 Million Einwohner, fast doppelt so viele wie der europäische Durchschnitt, der bei 18 Spendern pro Million Einwohnern liegt.

- Die iberische Halbinsel war nicht immer führend in Sachen Organspende. Zwischen 1989 und 2001 stieg die Zahl der Spender abrupt von 14,3 auf 32,5 pro 1 Million Einwohner.

- In Europa werden jährlich 40 000 Transplantationen vorgenommen, 56 000 Menschen warten auf eine Transplantation.

- Wenn das spanische Gesetz auch davon ausgeht, dass der Verstorbene einer Organentnahme zustimmt, wenn er zu Lebzeiten nichts anderes erklärt hat, so wird die Meinung der Familie doch immer eingeholt und respektiert.

Ziel: die Rettung von 20 000 Menschen pro Jahr

Europa, das nur einen Durchschnitt von 18 Spendern auf eine Million Einwohner vorweisen kann, entschied sich daher, das iberische Modell zum Vorbild zu nehmen. Die Anwendung dieses Modells in den 27 Mitgliederstaaten könnte 20 000 Menschenleben pro Jahr retten. Denn noch immer müssen jeden Tag 12 Europäer, sterben, weil für sie kein Spender-Organ gefunden wurde.

Aber wie funktioniert dieses Leben rettende Modell? Die Antwort findet man im Herzen des spanischen Transplantationssystems: in der ONT. Die 1989 geschaffene Organisation untersteht dem Gesundheitsministerium. Von Anfang an ging sie von einer einfachen These aus: Wenn es zu wenig Organe gibt, dann nicht aufgrund eines Mangels an Spendern, sondern aufgrund der Schwierigkeiten, sie zu identifizieren und das Einverständnis der Familien zu bekommen.


Der Koordinator – der Grundstein des spanischen Systems
Das spanische Modell setzt es sich somit zum Ziel, jeden Schritt im Verfahren der Organentnahme zu optimieren und keinen potentiellen Spender zu verlieren. Dafür hat es eine Schlüsselfigur: den Koordinator. In der Praxis ist das ein speziell ausgebildeter Arzt, dessen Aufgabe es ist, die Zahl der Organentnahmen in dem Krankenhaus, in dem er arbeitet, zu erhöhen.

Auf Augenhöhe mit anderen Ärzten
Der Koordinator ist präsent auf den Intensivstationen, um die Zusammenarbeit mit den Ärzten sicherzustellen. Sie dürfen nicht vergessen, ihn zu informieren, sobald der Hirntot eines Patienten festgestellt wird. Sein Vorteil in dieser Funktion liegt darin, dass sein Status als Arzt ihn befähigt, auf Augenhöhe mit den behandelnden Ärzten zu reden, und nicht als ein „einfacher“ Angestellter des Transplantationsdienstes.

Berater der Angehörigen
Die andere Aufgabe des Koordinators besteht darin, die Angehörigen des Verstorbenen taktvoll anzusprechen und ihr Einverständnis zur Organentnahme zu bekommen. Da die spanischen Koordinatoren eine besondere Fortbildung zu den psychologischen Aspekten dieses schwierigen Momentes absolviert haben, erzielen sie im Allgemeinen gute Ergebnisse: 84% der Familien stimmen zu - gegenüber 60% in Europa.


Theoretisch sind die nördlichen Länder großzügiger
Da das Modell auf einfachen Maßnahmen der Fortbildung beruht, kann es leicht auf andere Länder übertragen und ihren Besonderheiten angepasst werden. Frankreich, Italien, Portugal und Belgien haben ihre Modelle bereits dem von Spanien angepasst und weisen wesentlich bessere Ergebnisse vor, als ihre nördlichen Nachbarn wie England, Deutschland, Schweden oder Finnland. Und das obwohl verschiedene Untersuchungen zu Organspenden zufolge die Einwohner dieser Länder großzügiger sind und behaupten, bereit zu seien, ihre Organe zu spenden.


Sie haben jetzt bis 2015 Zeit, um die europäische Direktive umzusetzen. Das führt – so hoffen die Verfechter dieses Modells – dazu, dass „nur noch ein Europäer aufgrund eines fehlenden Organs sterben muss.“


ARTE Journal, Elodie Lestrade (Madrid), 26. Mai 2010

Erstellt: 26-05-10
Letzte Änderung: 26-05-10