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ARTE Journal - 27. Januar 2010 - 27/01/10

„Defamation“: Kontroverse um den Umgang mit der Shoah

Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus redet Israels Präsident Peres vor dem Bundestag, Ministerpräsident Netanjahu besucht das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. In Israel stellen unterdessen immer mehr Künstler und Intellektuelle die Frage, ob das Festhalten am Holocaust Israel nicht davon abhält, ein "normaler", souveräner Staat zu werden. Der Film "Defamation" des Filmemachers Yoav Shamir hat eine neue Kontroverse zu diesem Thema ausgelöst. Eine Reportage von Uri Schneider.

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„Defamation“, Verleumdung. Der Dokumentarfilm des israelischen Regisseurs Yoav Shamir schlägt Wellen weit über Israels Grenzen hinaus. Seine provozierende These: Der jüdische Staat ist gefangen in seiner Identifikation mit dem Holocaust, in seiner Fixierung auf den Antisemitismus gestern und heute. Eine der eindrucksvollsten Szenen des Films: Eine israelische Schülergruppe besucht die Stätten der Konzentrationslager in Polen. Monatelang wurden sie auf die Reise vorbereitet. Seit dem Holocaust, so erzählten ihnen ihre Lehrer immer wieder, seien die Juden auf sich allein gestellt. Die Welt sei gegen sie.


Philippa Kowarsky, Filmproduzentin von 'Defamation': "Es hat schrecklichen Antisemitismus gegeben. Sechs Millionen Juden wurden im Holocaust ermordet. Doch anstatt uns von der Vergangenheit zu verabschieden, lassen wir es zu, dass sie uns weiter verfolgt. Wir haben damals verloren, und jetzt verlieren wir wieder. Wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber wir können uns eine andere Gegenwart schaffen." Philippa Kowarsky und Yoav Shamir stehen nicht allein. Der Umgang mit der Shoah wird von immer mehr israelischen Künstlern und Intellektuellen in Frage gestellt, so auch von Avraham Burg. In seinem Buch 'Hitler besiegen' sagt er, Israel müsse sich endlich vom Holocaust lösen.


Avraham Burg: "Das jüdische Volk sollte seine Erinnerungskultur ändern: vom Trauma zum Vertrauen, vom Trauma zum Glauben an eine bessere Welt. Das wird Zeit brauchen." Doch Israel scheint nicht bereit, sich aus der Opferrolle zu befreien. Yad Vashem, die nationale Holocaust-Gedenkstätte, wird immer wieder zu politischen Zwecken missbraucht. Beispiel: die Eröffnung der Ausstellung mit den Architekturplänen von Auschwitz vor wenigen Tagen. Anlass für Ministerpräsident Netanyahu, Diplomaten aus aller Welt nach Yad Vashem zu bringen. Seine Botschaft: Wenn der Iran die Atombombe bekommt, droht ein neuer Holocaust.


Avraham Burg: „Hatten wir damals einen eigenen Staat? Nein. Eine der stärksten Luftwaffen der Welt? Nein. Wenn Du Ahmadinejad mit Hitler vergleichst, ist das nichts als eine Verharmlosung von Hitler. Hat er das verdient? Die israelische Taktik muss sein, sich vom Holocaust zu entfernen. Es reicht." Doch solange Israels Jugend eingeimpft bekommt, die Welt habe sich nach wie vor gegen die Juden verschworen, solange werden Stimmen wie die von Avraham Burg und Yoav Shamir die Minderheit bleiben.

Erstellt: 27-01-10
Letzte Änderung: 27-01-10