In Gallien gewährten die Franken den Juden zunächst weitgehende Rechte, die Karl der Große im 8. Jahrhundert erweiterte. Bei den Herrschenden waren ihre weitreichenden geschäftlichen Verbindungen gefragt. Im 9. und 10. Jahrhundert waren es auch Bischöfe, die in ihren Kathedralenstädten die Ansiedlung von jüdischen Kaufmannsfamilien begünstigen. So entstanden bedeutende jüdischen Zentren am Rhein, wie die drei Städte Worms, Speyer und Mainz.

Drei Bilder aus einem Gebetbuch von 1276 illustrieren das jüdische Alltagsleben in Worms, Speyer und Mainz

Als Kirche und Staat im 11. Jahrhundert zur Rückeroberung der heiligen Stätten in Palästina und zum Krieg gegen die Ungläubigen aufriefen, nahmen viele Kreuzfahrer den Kampf gegen die Juden - als den vermeintlichen Feinden des Christentums - bereits im eigenen Land auf. Der erste Kreuzzug 1096 begann mit Pogromen, denen allein im Rheinland Tausende von Juden zum Opfer fielen.

Jüdischer Alltag in den Schum-Städten
Die Folgen der Kreuzzüge
Jüdisches Leben im mittelalterlichen Straßburg
Verfolgung und Vertreibung im Pestrjahr 1349
Auszüge aus der Dokumentation
"Eine andere jüdische Geschichte" von Vincent Froehly

Neue Vorwürfe
Einen weiteren Höhepunkt erreichten die Judenverfolgungen in den Pestjahren 1348/49. Die Unterstellungen, Juden würden Hostien und Christenblut für geheime religiöse Rituale verwenden, gipfelten nun in dem Vorwurf, die Juden hätten die Brunnen vergiftet und dadurch die Epidemie verursacht. Man ignorierte, dass Juden ebenfalls an der Seuche starben. Sie waren in diesen Jahren grauenvollen Verfolgungen ausgesetzt. Die wenigen Überlebenden mussten sich auf dem Land eine neue Bleibe suchen oder flohen in den Osten, vornehmlich nach Polen. 400 jüdische Gemeinden in Zentraleuropa hörten auf zu existieren.
Verfolgung und Vertreibung
Im Königreich Frankreich verfügte Philipp II die Vertreibung der Juden aus seinem Herrschaftsgebiet 1181. Im Interesse der Staatskasse holte er sie aber 16 Jahre später wieder nach Paris zurück. 1306 wies Philipp IV. (der Schöne) erneut alle etwa 100.000 Juden aus Frankreich aus. Zwar durften sie nach neun Jahren zurückkehren, doch nach landesweiten Pogromen 1320/21 und im Pestjahr 1349 verbannte Karl VI. die französischen Juden im Jahre 1394 endgültig. Erst im 16. Jahrhundert nahm Frankreich wieder Juden auf. Die meisten jüdischen Siedlungen im Elsass, das zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation gehörte, entstanden zu Beginn des 14. Jahrhunderts: Höchstwahrscheinlich waren es französische Juden, die sich nach der Vertreibung aus Frankreich 1306 links des Rheins niederließen.
Aber auch die wenigen nach den Kreuzzügen im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation verbliebenen Juden sahen sich ständiger Verfolgung ausgesetzt. „Schließlich wurde es für einen Juden zur Ausnahme, in derselben Stadt oder dem selben Land geboren worden zu sein, zu leben und zu sterben. Tatsächlich lastete die Gefahr der Austreibung, immer begleitet von Gewalt, auf jedem jüdischen Leben“ (1).

Der Themenabend
"Geduldet, verdächtigt, verfolgt -
Juden im Mittelalter" am 8.2.2009 wirft einen Blick auf jüdisches Leben am Rhein und präsentiert den Spielfilmklassiker "Ivanhoe" mit Robert Taylor in der Hauptrolle.

Zwar wendeten sich die Päpste mit zahlreichen Bullen gegen das Blutvergießen, andererseits führten gerade die Maßnahmen der Kirche dazu, dass Juden zu minderwertigen Menschen degradiert wurden. Auf dem Laterankonzil von 1215 wurde die Einführung eines besonderen Kennzeichens für Juden - ein gelber Fleck oder ein gelber Ring - beschlossen, „damit die Gläubigen schon auf den ersten Blick Ungläubige zu erkennen vermögen“. Diese Anordnung wurde manchenorts bis ins 17. Jahrhundert befolgt und erlebte im Dritten Reich eine traurige Wiedergeburt.
Eine der verhängnisvollsten päpstlichen Anordnungen von 1215 war der Ausschluss der Juden von allen öffentlichen Ämtern sowie landwirtschaftlichen und fast allen handwerklichen, d. h. zünftischen, Berufen. Ausgenommen waren nur Bäcker und Metzger, die für die Existenz einer jüdischen Gemeinde lebensnotwendig waren. Der Handel hingegen war Juden weiterhin erlaubt. Gleichzeitig wurde den Christen das Zinsnehmen untersagt, so dass das Geldgeschäft bald erzwungenermaßen zu einem Gewerbe der Juden wurde. Damit wurden sie – ohnehin schon religiös und sozial isoliert – noch stärker in die Rolle des Sündenbocks und Ausbeuter des Volks gedrängt.

Allon Sander erzählt die Geschichte der Juden anhand von drei symbolträchtigen Gegenständen:
Die Menora
Der gelbe Ring
Der Koffer

Wegen der massiven Verfolgung der Juden während der Kreuzzüge stellte Friedrich II. sie 1236 unter kaiserlichen Schutz. Von diesem Zeitpunkt an waren die Juden des Reichs in ihrer Gesamtheit „Kammerknechte" des Kaisers, die für den ihnen gewährten Schutz erhebliche finanzielle Leistungen zu erbringen hatten. Dieser „Schutz" durch den Kaiser wertete die Stellung der Juden nicht etwa auf, sondern bedeutete de facto den Verlust der Freiheit. Indem die Juden wie Frauen und Geistliche den schutzbedürftigen und „befriedeten" Personen zugeordnet wurden, verloren sie das Waffenrecht und waren damit im mittelalterlichen Denken „Unfreie", d. h. in vollständiger Abhängigkeit ihres Herrn.
Häufig wurde das kaiserliche Recht, Juden gegen Geldleistungen in den Schutz aufzunehmen - das sogenannte Judenregal -, verpfändet und ging mit der Zeit in das Eigentum des Pfandinhabers über. 1356 sprach der Kaiser es den Kurfürsten in der Goldenen Bulle zu, und bald darauf wurde es weiteren Reichsfürsten und Städten erteilt. Die von den Juden geforderten Leistungen, die unter den Staufern noch erträglich gewesen waren, wurden aufgrund der Willkür der deutschen Territorialfürsten immer existenzgefährdender.
Abhängig von Schutzbriefen
Wollte sich ein Jude in einer Stadt oder einem Dorf niederlassen, musste er den betreffenden Landesherren um dessen Schutz bitten. In einem Schutzbrief wurde ihm gegen Zahlung eines jährlichen „Schutzgeldes" für einen bestimmten Zeitraum - im Durchschnitt 6-10 Jahre - das Niederlassungsrecht, Berufsausübung, Bewegungsfreiheit etc. garantiert. Nach Ablauf der im Schutzbrief gewährten Frist konnte der Jude seinen Schutz verlängern lassen, was oft mit einer Erhöhung des Schutzgeldes verbunden war. In den meisten Schutzbriefen sicherte sich der Landesherr das Recht zu, den Schutz jederzeit aufzukündigen. Nur reichere Juden waren in der Lage, einen Schutzbrief zu erwerben. Ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung war gezwungen, als fahrendes Volk und Bettler durch die Lande zu ziehen oder sich bestenfalls bei einem „Schutzjuden" zu verdingen.
Von Angelika Schindler, ARTE
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(1) Thérèse und Mendel Metzger: Jüdisches Leben im Mittelalter - 1983, Edition Popp Würzburg. Aus dem Französischen von Ilse Wirth
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