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Gesellschaftsdoku

Der blutige Zusammenhang zwischen Handys und dem Bürgerkrieg im Kongo

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Blood in the mobile - 16/02/11

Fakten

AUS DER MINE INS HANDY – DIE ZULIEFERKETTE IN 6 ETAPPEN

ETAPPE 1: DIE MINEN
Die Reise eines „Konfliktminerals“ beginnt in einer der zahlreichen Minen im Osten Kongos. In dieser Region gibt es 13 Hauptminen bei insgesamt schätzungsweise 200 Minen. Viele Geologen und Unternehmen vermuten im Osten des Landes noch weitaus größere Mineralienvorkommen. Ein jahrzehntelanger Krieg verhindert jedoch umfangreiche geologische Erkundungen.

12 der 13 wichtigsten Minen im Osten Kongos werden gegenwärtig durch bewaffnete Gruppierungen kontrolliert. Einige Minen unterliegen der Kontrolle durch die Demokratischen Kräfte zur Befreiung Ruandas FDLR, einer ruandischen Miliz, die von den Verantwortlichen des Völkermordes 1994 in Ruanda angeführt wird. Weitere Minen werden von der kongolesischen Armee zur persönlichen Bereicherung genutzt – ein eklatanter Verstoß gegen die gesetzlichen Bestimmungen für den Bergbau im Kongo, die eine Armeepräsenz in den Minen verbieten. Viele der Soldaten gehörten zuvor Milizen an und wurden erst vor Kurzem in die Armee integriert. Sie legen den Bergarbeitern rechtswidrige „Steuern” auf, misshandeln die Bevölkerung, vor allem Mädchen und Frauen, und zahlen miserable Löhne aus. Es heißt, dass mehr als die Hälfte der insgesamt 200 Minen im Osten Kongos durch bewaffnete Gruppierungen und Militäreinheiten kontrolliert werden.

Der Durchschnittslohn eines Bergarbeiters beträgt zwischen 1 und 5 Dollar pro Tag. Unzählige Kinder im Alter von 10 bis 16 Jahren arbeiten in den Minen und versäumen dadurch wertvolle Schuljahre.

ETAPPE 2: DIE HANDELSHÄUSER
Aus den Minen gelangen die Mineralien in Handelsstädte und anschließend in die beiden wichtigsten Städte der Region, Bukavu und Goma. Dort werden die Mineralien in Handelshäusern, sogenannten „maisons d’achat“, verarbeitet. Die Mehrzahl dieser Händler erhält Vorauszahlungen von den Exporteuren, an die sie liefern.

Gegenwärtig arbeiten die meisten Transportfirmen und Handelshäuser ohne ordnungsgemäße Lizenzen und Zulassungen und verstoßen somit gegen die gesetzlichen Bestimmungen für den Bergbau im Kongo. Dieses Problem rührt zum Teil daher, dass die Regierung 500 Dollar pro Lizenz verlangt: ein unerschwinglich hoher Preis. In Bukavu ist lediglich jede zehnte Transportfirma offiziell von der Regierung zugelassen. Das heißt, dass 90 Prozent der Unternehmen gesetzeswidrige Geschäfte tätigen. Geschätzte 100 Handelshäuser sind jeweils in Bukavu und Goma ansässig.

An und für sich lässt sich der Ursprung der Mineralien ziemlich eindeutig bestimmen, da in den Handelshäusern die Mineralien ihrer Herkunftsmine entsprechend nach Färbung und Beschaffenheit unterscheidbar sind.

Doch ist es ein gefährliches Unterfangen, für eine Transparenz der Handelswege zu sorgen. Bewaffnete Gruppierungen kontrollieren einen großen Teil des Transports aus den Minen in die Handelshäuser. Sie behalten einen Großteil der Gewinne der Transportfirmen ein (bis zu 40 Dollar pro Sack) oder übernehmen selbst den Transport der Mineralien. Schätzungen zufolge verdienten bewaffnete Gruppierungen im vergangenen Jahr etwa 75 Millionen Dollar allein durch den Mineralientransport. Der Gesamtgewinn der bewaffneten Gruppierungen aus dem Mineralienhandel beläuft sich auf 180 Millionen Dollar.

ETAPPE 3: DIE EXPORTEURE
Die Exportunternehmen kaufen nun den Handelshäusern und Transportfirmen die Mineralien ab, verarbeiten sie maschinell und veräußern sie an ausländische Käufer. Diese Unternehmen benötigen eine staatliche Zulassung. Gegenwärtig sind in Bukavu 17 Exportfirmen ansässig, in Goma sind es 24. Die Exporteure bezahlen ihre Zulieferer und erhalten ihrerseits größtenteils Vorauszahlungen für die Mineralien von internationalen Handelsunternehmen aus Belgien, Malaysia und anderen Ländern.

Im Jahr 2008 beauftragte die UNO eine Gruppe von Experten, den Zusammenhang zwischen Bodenschätzen und militärischen Konflikten im Osten Kongos zu untersuchen. Die Experten konnten diverse große Exportfirmen ausmachen, die bewusst Mineralien aus Bergwerken aufkaufen, welche durch die FDLR und andere bewaffnete Gruppierungen kontrolliert werden. Die Vereinigungen der Exporteure sowohl in Nord- als auch in Südkivu weisen diese Anschuldigungen zurück und behaupten, nur auf legalen Vertriebswegen Mineralien aufzukaufen. Nichtsdestotrotz gibt es eine Vielzahl von Schlupflöchern, durch die Konfliktmineralien auf dieser Etappe in die Zulieferkette gelangen.

Gegenwärtig berufen sich die Exporteure lediglich auf mündliche Zusicherungen, die sie vor dem Erwerb von Konfliktmineralien bewahren sollen. Man fragt einfach: „Kommt das aus einem Konfliktgebiet?“ Verneint der Händler, ohne auch nur irgendeinen Beweis für die Herkunft der Mineralien zu erbringen, so zögert der Exporteur nicht, den Kauf abzuwickeln.

ETAPPE 4: DIE TRANSITLÄNDER
Die Exporteure verschicken die Mineralien zumeist auf dem Land-, See- oder Luftweg in die Nachbarländer Ruanda, Uganda und Burundi. Ein Teil der Mineralien wird legal ausgeführt, wobei Ausfuhrsteuern an die kongolesische Regierung entrichtet werden. Der Rest wird über Kongos durchlässige Grenzen geschmuggelt. Auf jeden Fall bilden Konfliktmineralien einen Großteil der exportierten Ware.

Die in den Nachbarländern geführten Statistiken weisen enorme Ungereimtheiten auf und lassen somit auf das Ausmaß des Schmuggels schließen. Tatsächlich werden Mineralien aus dem Kongo als Produkte aus Uganda, Ruanda oder Burundi ausgegeben. So hat zum Beispiel Ruanda Zinnerz im Wert von 8 Millionen Dollar produziert, offiziell jedoch Zinn im Wert von 30 Millionen Dollar ausgeführt.

Kongolesische Händler arbeiten entweder selbstständig oder im Auftrag von Exportfirmen mit Handelshäusern und Unternehmen in Ruanda, Uganda und Burundi zusammen. In Uganda und Burundi benötigen diese Unternehmen keinerlei Eintragung. In Ruanda vermischen die Handelsfirmen kongolesische Mineralien mit jenen aus ruandischen Minen. In allen drei Ländern stellen die Firmeninhaber kaum Fragen zur Herkunft der Mineralien.
In Uganda und Burundi arbeiten die kaufenden Unternehmen eng mit den Beamten der Sicherheitsbehörden zusammen, mit der Armee und dem Polizeiapparat des Landes. Somit „sichern“ sie ihre Investitionen ab.
Militärangehörige verdienen an diesem Handel mit und garantieren durch ihre Beziehungen, dass die Geschäfte reibungslos verlaufen. Dieses feindselige Klima und das real vorhandene Gewaltrisiko halten viele davon ab, zur Aufklärung der Machenschaften beizutragen. Einige der Händler mit Konfliktmineralien sind auf der Sanktionsliste der Vereinten Nationen verzeichnet. Daher halten sie sich bedeckt, um Aufmerksamkeit und weitere Sanktionen zu vermeiden.

Es spricht grundsätzlich nichts dagegen, dass die Nachbarländer kongolesische Mineralien einführen und ausführen. Doch sind die örtlichen Behörden direkt am illegalen Mineralienhandel beteiligt und pflegen Verbindungen zu Unternehmen und der Führungsschicht der Armee, die den Handel beherrschen. Darüber hinaus besteht weiterhin mangelnde Transparenz und unzureichende Sorgfalt seitens der Regierungen. Eine effektivere Überwachung dieser Handelsetappe ist daher erforderlich. Diese Länder sollten darauf bestehen, dass die Handelswege der Mineralien verifizierbar dokumentiert werden. Eine solche Produktkettenzertifizierung gewährleistet, dass keine Konfliktmineralien gehandelt und ordnungsgemäß Ausfuhrsteuern an die kongolesischen Behörden gezahlt wurden. Zudem ist es erforderlich, die Schmuggler endlich zur Rechenschaft zu ziehen. Vor Kurzem initiierte die Regierung in Ruanda ein Programm zur Herkunftszertifizierung eines Großteils der inländischen Mineralienförderung. Dies ist ein Schritt in die richtige Richtung. Eine vollständige Umsetzung dieser Richtlinien durch alle Bergbaugesellschaften des Landes muss gefördert werden, auch in Uganda und Burundi.

ETAPPE 5: DIE RAFFINERIEN
Bevor die Mineralien auf den Weltmarkt gelangen, werden sie durch metallverarbeitende Unternehmen zu Metallen veredelt. Diese Unternehmen sind größtenteils im östlichen Asien ansässig. Dort werden die kongolesischen Mineralien zusammen mit Metallen aus anderen Ländern in großen Hochöfen eingeschmolzen oder chemisch aufbereitet.

Kassiterit (Zinnerz) erwies sich im letzten Jahr als einträglichstes Konfliktmineral im Osten Kongos. Dabei werden 80 Prozent des Zinns weltweit durch 10 bedeutende Schmelzbetriebe verarbeitet, die fast alle im östlichen Asien angesiedelt sind.

Will man Zulieferketten bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgen, erweisen sich die Raffinerien als kritisches Bindeglied. Ist das Erz erst zu Metall veredelt, lässt sich im Kongo gefördertes Zinn oder Tantal nicht mehr von Metallen anderer Ursprungsorte unterscheiden. Auf dieser Etappe der Zulieferkette vermischen sich Lieferungen aus allen Teilen der Welt. Es ist daher unerlässlich, dass diese Unternehmen die Herkunft der Lieferungen sorgfältig dokumentieren und ihre Aufzeichnungen unabhängigen Überprüfungen unterziehen.

ETAPPE 6: DIE ELEKTRONIKUNTERNEHMEN
Die Raffinerien verkaufen schließlich die kongolesischen Mineralien an Elektronikunternehmen weiter. Die Elektronikindustrie ist der größte Abnehmer von Mineralien aus dem Osten Kongos. Hier durchlaufen die bereits veredelten Metalle in der Regel mehrere Unteretappen: von den Produzenten von Leiterplatten und Computerchips zu den Herstellern von Mobiltelefonen und anderen elektronischen Erzeugnissen und schließlich zu etablierten Elektronikunternehmen wie Nokia, Intel, Apple, Hewlett Packard, Nintendo usw. Diese Unternehmen stellen damit jene Produkte her, die alle kennen und kaufen: Handys, tragbare Abspielgeräte, Spielkonsolen und Laptops. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt verwenden die Unternehmen keinerlei Verfahren, um die Herkunft der von ihnen verarbeiteten Materialen nachzuverfolgen, zu prüfen und zu zertifizieren. Daher könnte jedes Handy und jeder Laptop Konfliktmineralien aus dem Kongo enthalten.
(Quelle: Raise Hope for Congo)


Erstellt: 07-02-11
Letzte Änderung: 16-02-11