Kinderehen in Indien
(Indien, ARTE Info, 26.09.2009) Gegen Kinderheiraten wurde in Indien 1929 das erste Mal ein Gesetz erlassen. Kinder mussten mindestens zwölf sein, um zu heiraten, 1978 wurde das Mindestalter auf achtzehn angehoben. Trotzdem sind Kinderheiraten nach wie vor an der Tagesordnung. In der Gegend von Purulia hat die elfjährige Rekha für Aufregung gesorgt: Sie hat sich geweigert, zu heiraten. Charlotte Lasalle hat die junge Kämpferin gegen Kinderheirat besucht.
Vor einem Jahr hat Rekha Kalindi in Bengalen für einen Skandal gesorgt. Sie war gerade erst elf und hatte sich geweigert, den von ihrer Familie ausgesuchten Mann zu heiraten. Ihr Vater war außer sich, bestrafte sie mit tagelangem Essensentzug. Doch Rekha blieb bei ihrem Beschluss. Sie wollte auf keinen Fall das gleiche Schicksal wie ihre große Schwester erleiden: "Ich war sehr traurig, als meine Schwester alle ihre vier Kinder verlor. Es waren zwei Jungen und zwei Mädchen. Sie war mit 12 Jahren verheiratet worden. Ich habe mir gesagt: "Das ist zu jung, und jetzt wollen mich meine Eltern im gleichen Alter verheiraten." Da habe ich beschlossen, das nicht zu tun. "
Rekhas Familie gehört zum Stamm der Kalindi, bei dem es Tradition ist, junge Mädchen so früh wie möglich zu verheiraten. Ihr Vater besitzt kein Land, das er bewirtschaften kann. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich mit dem Rollen von Zigaretten. Gerademal 9 Euro bringt ihm das im Monat: "Ich habe eine große Familie, ich habe sechs Kinder. Es ist sehr schwierig für mich, sie alle zu versorgen. Ich habe Schulden. Je weniger Münder ich zu stopfen habe, desto besser."
Bevor es eine Schule gab, musste Rekha jeden Tag im Haushalt schuften. In den letzten Jahren wurden in der Region 90 Schulen eröffnet. Sie sollten die Kinder vor Zwangsarbeit schützen. Doch sie hatten auch noch eine andere, unerwartete Nebenwirkung: 35 Mädchen haben seither wie Rekha Kalindi die Ehe verweigert: "Als ich in die Schule kam, haben sie uns erklärt, dass Kinder auch Rechte haben, dass sie ein Recht auf Schutz, auf Leben, auf Entfaltung haben. Unser Lehrer hat uns auch gesagt, dass man nicht zu jung heiraten sollte, denn wenn man schwanger wird, können die Mutter und das Baby sterben."
Obwohl seit 2006 gesetzlich verboten, sind Kinderehen in Indien immer noch weit verbreitet. Nach den Erkenntnissen von UNICEF wird die Hälfte der Mädchen verheiratet, bevor sie volljährig sind. Die Macht der Familien und der Gemeinschaft über die jungen Mädchen ist immer noch groß, vor allem über die ungebildeten jungen Mädchen. Die Mitgift spielt ebenfalls eine Rolle, da sie geringer ausfällt, je jünger die Mädchen sind.
Mit einer Handvoll junger Mädchen, die genauso couragiert sind wie sie, zieht Rekha von einem Dorf zum nächsten und erzählt ihre Geschichte. Dafür wurden sie sogar von der Staatspräsidentin empfangen. Die Mädchen sind zu Vorbildern geworden in einem Land, das einen traurigen Rekord hält: 40% der Kinderehen weltweit werden in Indien geschlossen.
Erstellt: 28-09-09
Letzte Änderung: 28-09-09