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Tschernobyl, 25 Jahre danach

Die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe sind immer noch nicht ausgestanden und die Diskussion um den Umgang mit Atommüll und den Atomausstieg wird überhaupt europaweit vehement weitergeführt.

> Die Atomindustrie in Frankreich

Tschernobyl, 25 Jahre danach

Die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe sind immer noch nicht ausgestanden und die Diskussion um den Umgang mit Atommüll und den Atomausstieg wird überhaupt (...)

Tschernobyl, 25 Jahre danach

25 Jahre Tschernobyl - 09/05/11

Die Atomindustrie in Frankreich

von Stéphane Horel


In Frankreich gibt es 19 Kernkraftwerke. Und insgesamt 58 Reaktoren. Die Sicherheit der Bevölkerung beruht heute im Wesentlichen auf der Wachsamkeit der Subunternehmer der Atomindustrie. Sie bilden ein 20 000 Mann starkes Heer, das unter äußerst prekären Bedingungen arbeitet.

Dies entspricht der Hälfte aller in Frankreich im Produktionsbereich Beschäftigten. Die andere Hälfte arbeitet für die französische Elektrizitätsgesellschaft EDF. Sie führen ein nomadenhaftes Leben, das vom Abschalten der Blöcke bestimmt wird und sie zu Reisenden macht, die auf Parkplätzen in Wohnwägen übernachten müssen. Sie sind den radioaktiven Strahlungen in besonderem Maße ausgesetzt.

Sechs Konzerne teilen sich den Markt der Nuklearindustrie: AREVA, Derichebourg, ENDEL GDF-Suez, ONET, SPIE und Vinci, die ebenfalls die Tätigkeiten von 500 Subunternehmern einschließen (siehe dazu die Dokumentation "Alles im Griff?" von Alain de Halleux).

Darauf folgen die Lager und Zwischenlager für radioaktive Abfälle. Nach einem halben Jahrhundert der Kernkraftnutzung durch den Menschen entsprang der wirren Fantasie der Ingenieure kein besserer Gedanke, als diese Abfälle über hundert, tausend, ja hunderttausend Jahre hinweg zu lagern. Das 1969 in Betrieb genommene Atommülllager Centre de la Manche (CSM) ist voll. Es wurde 1994 stillgelegt. Insgesamt 527 225 m3 radioaktive Abfälle wurden dort oberflächennah eingelagert. Es ist undicht und bis in alle Ewigkeit (oder fast) zu einem No Man’s Land geworden.

Die Dreiecke mit dem Atom-Symbol, die das Zentrum Frankreichs bedecken, markieren ehemalige Uranlagerstätten. Mehr als 230 Uranbergwerke, die aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht zu sein scheinen. Und auch bei ihrem ehemaligen Besitzer, der COGEMA, sind sie in Vergessenheit geraten. Das entspricht circa 52 Millionen Tonnen an radioaktiven Abfällen aus dem Uranbergbau, zu deren Katalogisierung sich die Behörden erst spät entschlossen haben. In der Bretagne, im Elsass und vor allem im Limousin kommt es jedoch ab und an vor, dass aufmerksame Schafzüchter oder Aktivisten beim Spaziergang auf einen Schacht oder eine alte Urangrube stoßen. Doch die ehemaligen Uranaufbereitungsanlagen, deren Anzahl sich auf ein bescheidenes Dutzend beläuft, sind gefährlicher als die Bergwerke (siehe dazu die detaillierten Arbeiten der Kommission für unabhängige Forschung und Information zur Radioaktivität - CRIIRAD, sowie die Reportage „Le scandale de la France contaminée“ (Der Skandal um das verseuchte Frankreich) der Sendung Pièces à conviction, die erstmals am 11. Februar 2009 ausgestrahlt wurde und bald wieder online verfügbar sein wird).

Jedes Jahr misst die französische Behörde für atomare Sicherheit (ASN) ungefähr tausend „nukleare Vorfälle“. Auf einer Skala von 0 bis 7 wird die Stufe 2 in Frankreich nur in Ausnahmefällen erreicht. Die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima wurden mit Stufe 7 bewertet. Laut Roland Desbordes, Präsident der CRIIRAD, seien einige Standorte bei normalem Betrieb ohne Unfall verseucht und setzten Radioaktivität frei. Ihm zufolge treffe dies auf die ehemaligen Uranlagerstätten, die Wiederaufbereitungsanlage von La Hague, das stillgelegte Kernkraftwerk Marcoule, die Atommüllendlager Centre de la Manche und Centre de l’Aube (Soulaines), die Uranaufbereitungsanlage von Malvési bei Narbonne und das Kernkraftwerk Tricastin zu. Diese Standorte belasten die Umwelt – Luft, Wasser oder Boden - mit Radioaktivität, manchmal sogar alle drei Elemente zugleich. Doch diese radioaktive Verseuchung ist zulässig, legal. Die Behörden und Atomkonzerne versichern, dass die radioaktiven Emissionen äußerst geringfügig seien. Roland Debordes hält dagegen, dass legal nicht gleichbedeutend mit legitim sei.

Der Transport radioaktiver Stoffe ist ein weiteres heikles Thema, fast ein Tabu. Das ständige Hin und Her wird geheim gehalten, um mutwillige Umleitungen und Überfälle zu vermeiden. Doch dabei wird außer Acht gelassen, dass es bei Eintreten eines Unfalls schwierig wäre, eine völlig ahnungslose Bevölkerung zu evakuieren. Und wenn es Atomkraftgegnern gelingt, die Verkehrszeiten der Züge und die Routen der Konvois zu ermitteln oder sogar eine Liste der LKW-Kennzeichen zu erstellen, kann das Sicherheitsargument nicht länger gelten. Im Februar 2011 hatte das Netzwerk „Sortir du nucléaire“, das für den Ausstieg aus der Atomenergie kämpft, Fernsehteams bestellt, um einen Atommüll transportierenden italienischen Zug zu filmen, der auf den Gleisen der Vorortlinie RER C im Bahnhof von Versailles-Chantier zum Stillstand gebracht worden war. Um acht Uhr morgens, zur Hauptverkehrszeit. Die entgeisterten Gesichter der Fahrgäste waren den Anblick wert. Gut informierten Gewerkschaftern der französischen Bahn (SNCF) zufolge würden Züge mit radioaktiven Stoffen an Bord einmal täglich, die Wochenenden ausgenommen, verkehren.

Und das ist noch nicht alles. Das Uranerzkonzentrat Yellow Cake kommt per Schiff aus dem Niger oder von anderswo im Hafen von Le Havre (oder seltener im Hafen von Sète) an. Anschließend geht es mit dem Zug nach Südfrankreich, wo es in der Uranaufbereitungsanlage von Malvési (Narbonne) der Areva-Filiale Comhurex in UF4 (Urantetrafluorid) umgewandelt wird. Das entstandene UF4 wird dann in LKWs nach Pierrelatte (Drôme) befördert. Der Weg über die Autobahn ist für sämtliche Transporte radioaktiver Stoffe unvermeidlich. In Pierrelatte wird das UF4 zu UF6 (Uranhexafluorid) umgewandelt. Unweit davon wird das UF6 am gleichen Standort in der von George Besse gegründeten und von Eurodif betriebenen Anlage angereichert. Während das unbrauchbare abgereicherte Uran per LKW zur Endlagerung nach Bessines (Limousin) transportiert wird, beginnt für das angereicherte Uran die Reise über die Autobahn zur Atomanlage von Romans-sur-Isère, wo die Brennstoffe zusammengesetzt werden. Von dort rücken die LKWs in Richtung der 18 aktiven Kernkraftwerke innerhalb Frankreichs sowie ins Ausland aus. Dieser Brennstoff dient der Energieerzeugung in den Reaktoren. So viel zur ersten Etappe der weiten Reise der Atomenergie.

Nachdem sie verbraucht und abgekühlt wurden, werden die Brennstoffe drei Jahre später über den Schienenweg von sämtlichen Kernkraftwerken zur Wiederaufbereitungsanlage in La Hague gebracht. Im Anschluss an ihre Wiederaufbereitung verlassen jede Woche zwei bis drei getarnte LKWs mit 150 kg Plutonium an Bord La Hague. Wenn sie an Paris vorbeifahren, machen die Fahrer in Saclay (Île-de-France) Rast. Dort befindet sich eines der Forschungszentren der französischen Behörde für Atomenergie (CEA). Dann geht es wieder gen Süden, nach Marcoule, wo das Plutonium in das Mischoxid MOX umgewandelt wird. Lediglich sechs der französischen Kernkraftwerke (Gravelines, Dampierre, Saint-Laurent, Chinon, Le Blayais und Tricastin) können MOX-Brennelemente einsetzen. Der Transport erfolgt per LKW. Ein anderer Teil der MOX-Brennstoffe wird von Marcoule nach Cherbourg befördert, von wo aus sie nach Australien oder, bevor es zu der Katastrophe in Fukushima kam, nach Japan verschifft werden. Ebenfalls von Marcoule aus fahren LKWs wieder gen Norden, nach La Hague. Sie befördern „nicht konforme“ MOX-Pellets, die dort in radioaktiven Abfall verwandelt werden. Hier endet der Wiederaufbereitungskreislauf.

La Hague ist die letzte Etappe vor der Endlagerung. Fünf- bis sechsmal pro Woche befördern LKWs „kurzlebigen schwach- und mittelradioaktiven“ Atommüll nach Soulaines zum Centre de l’Aube. Hinzu kommen noch die Konvois, die auf dem Schienenweg von Deutschland und Belgien nach La Hague rollen. Hin und zurück.

Wer möchte spaßeshalber die CO2-Bilanz dieser „sauberen“ Energie berechnen?

Erstellt: 20-04-11
Letzte Änderung: 09-05-11