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Gespräch mit Volker Heise, Künstlerischer Leiter 24h Berlin

Volker Heise ist Regisseur, Autor und Dramaturg für Doku-Serien und Dokumentationen. Mit seiner ersten Regie-Arbeit Schwarzwaldhaus 1902 gewann er 2003 den Grimme-Preis. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet er zusammen mit dem Produzenten Thomas Kufus an der Entwicklung neuer Doku-Formate. Regie führte Volker Heise in den vergangenen Jahren bei Die kulinarischen Abenteuer der Sarah Wiener (30 x 26min für ARTE), Matusseks Reisen (3 x 45min für den SWR), Abenteuer 1927 (16 x 25min für die ARD), Abenteuer 1900 (16 x 25min. für die ARD) sowie Schwarzwaldhaus 1902 (4 x 45min für den SWRund die ARD).
Herr Heise, wie sind Sie auf die Idee zu 24h Berlin gekommen?
Das ist nicht so einfach zu erklären. Es gibt den einen Punkt und den einen Ort, an dem es ‚Aha’ gemacht hat. Aber eine Idee reift natürlich über einen längeren Zeitraum. Zuerst gab es die Grundidee von einem soziokulturellen Abbild der Stadt – die Milieus, die Schichten, die Gruppen und Interessen – aber dann ist über die Zeit etwas ganz anderes daraus geworden.

Wie hat sich Ihre Idee entwickelt? Gab es Vorbilder dafür?
Es gab einige Punkte, über die ich immer wieder nachgedacht habe, zum Beispiel: Wie erzählt man heute eine Großstadt? Es gibt ja Vorbilder in der Literatur: Döblin, James Joyce, vor allem John dos Passos’ Roman Manhattan Transfer. Und solche Filme wie Menschen am Sonntag von Wilder und den Brüdern Siodmak, der so wunderbar entspannt ist, und mir immer näher war als Ruttman’s Symphonie einer Großstadt. Aber heute leben andere Menschen mit anderen Medien. Wie erzählt man mit diesen neuen Medien? Wie erzählt man Großstadt adäquat im Fernsehen? Indem man wieder einen 90-Minuten-Film, also wieder Kino macht? Das konnte es nicht sein.
Dann las ich einen Artikel von einem Britischen Historiker, der seine Landsleute aufrief, in einer kurzen E-Mail einen bestimmten Tag in ihrem Leben zu protokollieren. Ich dachte: Warum E-Mail? Jeder hat doch ein Handy mit Videofunktion, jeder kann Filme machen. Ist doch viel besser. Und dann dachte ich: Wir machen ein Fernsehprogramm daraus. Wir drehen einen Tag, wir senden einen Tag; jeder kann mitmachen, aber wir geben eine Grundstruktur vor. Es klickte noch einmal und ich wusste: Ja. So könnte man die Stadt im Fernsehen erzählen: Als einen Tag in ihrem Leben.

Warum gleich 24 Stunden?
Die Stadt ist nicht in einem Satz zu erzählen, sie entzieht sich der Beschreibung. Schon von ihrem Grundwesen her ist sie maximale Verschiedenheit auf engstem Raum. Darum fand ich die Idee, die Stadt nicht in Form eines Films zu erzählen, sondern in Form eines Fernsehprogramms, die adäquate Lösung. Programme erlauben Verschiedenheit, während Filme geschlossene Erzählungen sind. Programme dauern aber auch ihre Zeit. Mich hat Fernsehen auch immer mehr interessiert als Film. Aber die großen Künstler im Fernsehen sind ja die Programmmacher. Die Leute, die die ganze Fläche des Tages bespielen. Und da habe ich mich gefragt, was passiert, wenn ich, ein Dokumentarfilmer, ein Fernsehprogramm mache, was passiert, wenn ich nicht im Raster spiele, sondern mit dem Raster.
Darum ist das Programm auch ein Spiel mit dem Medium Fernsehen. Wir greifen Elemente auf, die es schon gibt, drehen sie hin und her und setzen sie neu ein. Es gibt Elemente der Serie, Elemente von Nachrichten. Die Grundstruktur des Programms habe ich bei CNN geklaut: Regelmäßig Nachrichten - nur sind es bei uns keine Weltnachrichten, sondern Frau Bullack geht einkaufen, und statt Werbung gibt es bei uns die Videos der Zuschauer.
Ich wollte auch der Ursprungsidee treu bleiben: Die Vielschichtigkeit erzählen, die Milieus und Interessengruppen. Es sollte nur keine dröge Vorlesung werden, darum haben wir uns früh entschlossen, die Stadt über Menschen zu erzählen. Wir folgen ihnen den ganzen Tag, vom Aufstehen bis sie ins Bett gehen, und wir verzahnen ihre Geschichten miteinander. Sie kommentieren sich gegenseitig, sie reiben sich aneinander, widersprechen sich oder harmonieren; sie erzeugen Echos und gemeinsam einen neuen Klang. Das geht nur im Medium Fernsehen, wo man einen ganzen Tag lang senden kann, und das geht nur, wenn man sich auch an die Gesetze des Fernsehens hält.

Was wird in den 24 Stunden erzählt, was das Fernsehformat bedingt?
Die Form des Programms erlaubt es, den Alltag der Menschen zu erzählen; all das, was wir jeden Tag machen, was 99 Prozent unseres Lebens ausmacht, was uns aber aus dem Blick gerät, weil es selbstverständlich ist, oder wir glauben, es sei selbstverständlich. Wie stehen wir auf? Was essen wir zum Frühstück? Wie sind wir eingerichtet, was ziehen wir an, wie kommen wir zur Arbeit oder in die Schule? Solche Fragen klingen ganz banal, aber wenn man länger darüber nachdenkt, entdeckt man, dass Städte Wunder sind, weil sie diese Fragen auf unterschiedlichste Art und Weise zu klären vermögen. Dann verlangt das Format, diese Geschichten auf Augenhöhe zu erzählen. Wir erzählen nicht über, sondern von Menschen. Es ist nicht unsere Aufgabe, ein Urteil über sie abzugeben, egal, ob sie Bürgermeister sind oder Junkie, Chefredakteur oder Schornsteinfeger. Wir führen sie nicht vor, sondern versuchen, sie aus ihrem Lebensentwurf heraus zu verstehen. Wir zeigen auch nicht, wie das Leben sein sollte oder wir es gerne gehabt hätten, sondern wie wir es am 5. September 2008 vorgefunden haben.
Schließlich mussten wir uns an die Zeitleiste halten: Was gegen neun Uhr passierte, wird auch gegen neun Uhr gesendet. Wir hatten nie den Ehrgeiz, auf die Minute genau zu sein, aber wir hatten doch den Ehrgeiz, im Zeitrahmen zu bleiben, um die Stadt am Sendetag spiegeln zu können. Natürlich mussten wir uns im Schnitt immer wieder für oder gegen eine Geschichte und damit für oder gegen einen Protagonisten entscheiden – entweder, um der Erzählung einen Fluss zu geben, oder um die Vielschichtigkeit des Programms zu wahren. Wir durften einem Protagonisten oder einer Geschichte nicht zuviel Gewicht geben, weil sonst die Stadt verloren ging. Wir durften aber auch nicht zu lange abstrakte Stadt zeigen, weil es dann sehr schnell blutleer wurde. Das war der eigentliche Balanceakt: Nähe und Totale, der einzelne Mensch und die Stadt.

Wer entscheidet darüber, was ins Programm kommt und was nicht?
Als künstlerischer Leiter entscheide letztlich ich darüber. Ich bin dafür verantwortlich, dass das Endprodukt so aussieht, wie es aussieht. Aber ich bin mir bewusst, dass es das Programm nur gibt, weil viele, viele Menschen ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihr Können eingebracht haben, ob Rechercheure, Regisseure, Cutter oder andere.

Wie hat sich die Zusammenarbeit mit den Regisseuren gestaltet? Kann man ihre individuelle Handschrift in der Endfassung wieder erkennen?
Den meisten Regisseuren war klar, dass es nicht darum geht, einen Autorenfilm zu machen. Wir haben sie eingeladen, bei diesem Projekt mitzuwirken und die Dreharbeiten als Experiment oder Happening zu sehen. Alle kannten die Spielregeln: Wir recherchieren, sie drehen, wir schneiden. Die meisten haben sofort ja gesagt und hatten Lust auf das Experiment, mit einigen mussten wir länger reden und Überzeugungsarbeit leisten. Bei so vielen Regisseuren war mir auch klar, dass ich die unterschiedlichsten Handschriften bekommen werde. Auf den ersten Blick mag das Endprodukt wie aus einem Guss aussehen, aber bei genauem Hinsehen kann man die individuelle Handschrift sehr gut erkennen.

Was erwarten Sie vom Sendetag?
Ich erwarte nichts, aber ich hoffe, dass sich die Zuschauer im Programm wieder erkennen werden. Es ist uns unter der Hand zu einer menschlichen Komödie geworden, die davon erzählt, wie die Menschen in Berlin auf die Welt kommen, wie sie diese Welt wieder verlassen und wie sie zwischen diesen beiden Ereignissen versuchen, ihr Glück zu finden, einen Sinn oder einen Menschen, mit dem man das Leben teilen kann. Und ich würde mir wünschen, dass sie die 24 Stunden wie ein Fernsehprogramm nutzen: Niemand muss das ganze Programm sehen. Man kann es auch an- und ausschalten, morgens eine halbe Stunde, mittags eine halbe Stunde, abends etwas länger. Man wird immer einen Ausschnitt der Stadt sehen, aber nie die ganze Stadt, weil die ganze Stadt zu sehen unmöglich ist. Wir haben es trotzdem versucht, in der Absicht, fröhlich, unterhaltsam und spannend zu scheitern. (lacht)

Was bedeutet Ihnen 24h Berlin?
Es ist ein Projekt, wie man es nicht noch einmal macht. Es ist ein 2-jähriger Marathon, der viel Kraft gekostet hat. Es ist ein Privileg, weil wir die Mittel sowie von rbb und ARTE das Vertrauen für einen Tag Sendezeit bekommen haben. Es ist eine Ehre, weil ich mit großartigen Menschen und Kollegen zusammenarbeiten durfte und ich viel von ihnen gelernt habe. Es ist ein Tag im Leben einer großen Stadt, der ich viel zu verdanken habe.

Das Gespräch mit Volker Heise führten Lavinia Reinke und Oliver Bernau (Barbarella Entertainment)

Erstellt: 14-08-09
Letzte Änderung: 31-08-09


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