von André Van In
Frankreich 1995, ARTE F, 138 Min.
1994 hielt die Demokratie Einzug in Südafrika. Das Land musste sein eigenes demokratisches Modell entwickeln. Voraussetzung dafür war die Aussöhnung der zutiefst gespaltenen Bevölkerungsgruppen im Land. In Südafrika herrschte 40 Jahre lang die Apartheid, ein auf Rassentrennung beruhendes politisches System, von dem ausschließlich die weiße Minderheit profitierte. Townships wie Soweto und Mamelodi, am Rand der Großstädte gelegene Siedlungen für Schwarze, wurden zu Orten erbitterten Widerstandes gegen das Apartheidregime und gleichzeitig zu Stätten blutiger Unterdrückung. 1994 läuteten die ersten demokratischen Wahlen das Ende des Apartheidregimes ein.
Eine der ersten Amtshandlungen des neuen Präsidenten Mandela war die Bildung der "Wahrheits- und Versöhnungskommission", welche die Verbrechen des Apartheidregimes aufdecken und verurteilen sollte. Ziel: die Schaffung einer Grundlage für die nationale Aussöhnung von Schwarz und Weiß. Die Kommission war von bahnbrechender Bedeutung nicht nur für die Geschichte Südafrikas, sondern kann auch anderen Staaten als Vorbild dienen. Die junge südafrikanische Demokratie schlug zur Verarbeitung der blutigen Konflikte einen Weg ein, den es zuvor in keinem Land gegeben hatte. Diese Wahrheitskommission hat keine unmittelbaren juristischen Kompetenzen. Sie steht in erster Linie für den kollektiven Bewältigungsprozess, zu dem die gesamte südafrikanische Nation aufgerufen ist. Es geht darum, das Geschehene in Worte zu fassen und einen Dialog zu beginnen. Ziel der Kommission ist es auch, in Südafrika eine Menschenrechtskultur sowie ein Vertrauensverhältnis zwischen Bürger und Staat zu schaffen. Im Mittelpunkt des Films stehen sowohl das Kollektiv, verkörpert durch die Kommission - das mit juristischen, ethischen, politischen und philosophischen Fragen befasste Staatsorgan - als auch die Individuen, das heißt die durch eine gemeinsame Geschichte verbundenen Opfer und Täter. Der Film zeigt
sie mit ihren Selbstzweifeln und in ihrem Bemühen, die schmerzhafte Vergangenheit zu überwinden, um über die Zukunft nachdenken zu können. Dieser demokratische Prozess geht nicht reibungslos vonstatten. So hat sich bis heute noch kein Würdenträger des alten Regimes entschuldigt, selbstkritisch geäußert oder das Apartheidregime moralisch in Frage gestellt. In weniger als drei Jahren hörte die Kommission mehr als 21.000 Zeugenaussagen zu Menschenrechtsverletzungen und nahm 7.125 Amnestieanträge entgegen. Trotz der Zeit- und Mittelknappheit gelang es ihr, sich ein genaues Bild der Apartheid zu verschaffen sowie das ungeahnte Ausmaß der Schäden und Verbrechen zu offenbaren.
Der Dokumentarfilm wurde bereits mit dem Prix Louis Marcorelles und mit dem Prix des Bibliothèques beim Dokumentarfilmfestival Cinéma du Réel 1999 ausgezeichnet. Im gleichen Jahr erhielt er Nominierungen beim Europäischen Film Festival und beim Wettbewerb um den Deutschen Fernsehpreis. Im Jahr 2002 gewann Regisseur André Van In für "Die Wahrheitskommission" den Golden Conch beim Bombay International Documentary, Short and Animation Film Festival.
ARTE wiederholt den Dokumentarfilm anlässlich der Wahl von Nelson Mandela zum Präsidenten vor zehn Jahren. Eine weitere Dokumentation über Mandela zeigt ARTE auf dem Sendeplatz "Geschichte am Mittwoch": "Der Nelson Mandela Prozess" am 5. Mai um 20.45 Uhr.






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