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ARTE Journal - 08/11/11

Die Videos des Aufstands (02. bis 05. November 2011)

Im Internet finden sich hunderte Videos aus Syrien. Als im März die Revolution begann, nutzte vor allem die Opposition das Internet, um heimlich gedrehte Videos und Informationen an die internationale Öffentlichkeit zu senden. Mittlerweile reagiert das syrische Regime von Baschar al-Assad und nutzt das Internet für seine Propaganda.
Wir treffen eine Auswahl und präsentieren sowohl Videos der Proteste der Regimegegner, der Repression und der Staats-Propaganda.


Es war nur ein kurzer Hoffnungsschimmer - trotz Friedensvereinbarung, trotz aller schönen Worte und Versprechungen geht das syrische Regime weiter mit blutiger Gewalt gegen die eigene Bevölkerung vor. Laut Aktivisten wurden am Freitag mindestens 14 Menschen getötet, als Regierungstruppen und Milizen das Feuer auf Demonstranten und mutmaßliche Regimegegner eröffneten. In der Protesthochburg Homs soll die Armee auch schwere Waffen wie
Maschinengewehre eingesetzt haben. Der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zufolge wurden unter anderem ein Zivilist und ein Deserteur an der Grenze zu Jordanien erschossen, als sie gerade versuchten, ins Nachbarland
zu fliehen.
Schon am Montag waren bei Demonstrationen in Homs mindestens 20 Zivilisten getötet worden. Augenzeugen berichteten, Soldaten hätten mit Maschinenpistolen von Panzern aus in die Menschenmenge gefeuert. Zudem sollen in der ostsyrischen Stadt Der Ezzor über 80 Menschen festgenommen worden sein.

Demokratiebewegung glaubt Assads Versprechen nicht

Assad scheint nicht gewillt, die Gewalt wie versprochen zu beenden. Die Opposition rief daher für diesen Freitag zu friedlichen Massenprotesten gegen Assad auf - unter dem Slogan "Gott ist groß - gegen Despoten und Tyrannen". Ein Sprecher der Protestbewegung erklärte: "Seit der Einigung mit der Arabischen Liga ist es - und das kann ich ohne Übertreibung sagen - sogar noch schlimmer geworden". Die Demokratiebewegung hegt schwere Zweifel am Willen von Assad, an der Lage wirklich etwas ändern zu wollen. Auch Deserteure aus der syrischen Armee sehen bislang keinen Beweis für einen Kurswechsel: "Wir warnen die Arabische Liga davor, diesem korrupten Lügner-Regime zu glauben, das nur mehr Zeit gewinnen will", sagte der Kommandeur der sogenannten Freien Syrischen Armee, Oberst Riad al-Assad.

Friedensvereinbarung


Die syrische Führung hatte am Mittwoch einen von der Arabischen Liga vorgelegten Plan "ohne Vorbehalte" angenommen. Demnach hatte Damaskus
eingewilligt, das Militär aus den Städten zurückzuziehen, mutmaßliche Regimegegner freizulassen, arabische Beobachter ins Land zu lassen und anschließen einen Dialog mit der Opposition zu beginnen. Die Arabische Liga hat der syrischen Regierung zwei Wochen Zeit gegeben, um die ersten beiden Punkte umzusetzen. Doch bislang macht das Regime keine Anstalten, die Militärkampagne gegen die Protestbewegung zu beenden. Und so stellt sich die Frage, ob der Druck der Arabischen Liga ausreichen wird, um Assad in die Knie zu zwingen.

ACHTUNG: EINIGE DER GEZEIGTEN BILDER KÖNNEN SCHOCKIEREN


Schabiha-Milizen schießen in Der Ezzor auf Demonstranten (Video am 4. November 2011 von Deirezzor800 ins Netz gestellt)


Demonstration in Edleb am 4. November 2011 (Video von Sham S.N.N. ins Netz gestellt)


Demonstration in Helfaya nahe Hama am 4. November 2011 (Video von The Syrian Revolution ins Netz gestellt)


Demonstration im Al Qadam Viertel von Damaskus. Übersetzung der Plakate: "Oh Allah, bring Homs den Sieg!", "Wir wollen entweder siegen oder als Märtyrer sterben"


Demonstration in Tell Refat in der Provinz von Alep (Video am 4. November 2011 von Sham S.N.N. ins Netz gestellt)


02.11.2011


Damaskus spielt weiter auf Hinhalten

Einlenken oder Taktik? Das syrische Regime hat sich angeblich mit der Arabischen Liga auf ein Ende des blutigen Militäreinsatzes gegen die Protestbewegung geeinigt. Die Minister hatten von Damaskus gefordert, die Armee aus den Protesthochburgen abzuziehen, alle mutmaßlichen Regimegegner freizulassen und in Kairo einen Dialog mit der Opposition zu beginnen. Die syrische Seite hatte sich zunächst geweigert, auf die Forderungen einzugehen, scheint aber angesichts des wachsenden internationalen Drucks kompromissbereit zu sein. Das berichtet zumindest das syrische Staatsfernsehen. Doch weder die Arabische Liga noch die Opposition trauen den Friedensangeboten des Regimes. Und das zu Recht: Denn aus Damaskus verlautete bereits, Syrien habe einige Änderungen an dem Dokument vorgenommen. Zudem hieß es am Sitz der Arabischen Liga in Kairo, wo am Nachmittag eine Sondersitzung der Außenminister zum Syrien-Konflikt geplant war: "Wir haben aus Damaskus noch keine Antwort auf unseren Vorschlag für eine Beendigung des Konflikts in Syrien erhalten". Vieles deutet daher darauf hin, dass Assad weiter auf Zeit spielt, um die Proteste mit Gewalt zu beenden.

Repression hält an

Denn in Syrien selbst geht die brutale Gewalt gegen die eigene Bevölkerung unvermindert weiter. Noch während der Gespräche gingen Regierungstruppen gegen die Protestbewegung vor. Mit Panzern und Scharfschützen wurde die Opposition ins Visier genommen. Nach Angaben der Opposition wurden am Dienstag zwei Zivilisten von Milizionären getötet. In Der Ezzor schossen Sicherheitskräfte während einer Demonstration in die Menge. In Deraa wurden bei einer Razzia Dutzende Personen verhaftet. In der Provinz Idleb nahmen Sicherheitskräfte mindestens 60 Schüler fest, die in ihrem Schulhof in Kafarnoubol gegen das Regime demonstrierten. Bereits am Montag waren nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte sieben Personen ums Leben gekommen: fünf in Homs, ein weiterer bei einer Razzia nahe Damaskus sowie ein Zivilist und ein Deserteur in der Provinz Hama. Bei erneuten Kämpfen zwischen Soldaten und mutmaßlichen Deserteuren der Armee waren am Wochenende über 40 Menschen getötet worden. Angesichts des Blutvergießens erklärte auch der syrische Nationalrat, dem die meisten Oppositionsgruppen angehören, dass ein Dialog mit der Regierung derzeit unmöglich sei.

Assad warnt vor "neuem Afghanistan"

Immer lauter wird die Forderung der Regimegegner nach einer Flugverbotszone über Syrien. Doch NATO-Generalsekretär Rasmussen schließt ein Eingreifen der Militärallianz in Syrien kategorisch aus. Assad dürften diese Worte beruhigen. Er hatte am Sonntag in einem Interview den Westen vor einer Militärintervention gewarnt: "Syrien liegt an der Bruchlinie, und jeder Eingriff am Boden wird ein Erdbeben auslösen. (...) Wollen sie noch ein Afghanistan erleben oder noch zehn Afghanistans?"

ACHTUNG: EINIGE DER GEZEIGTEN BILDER KÖNNEN SCHOCKIEREN


Demonstration in Al-Soura, in der Provinz von Deraa, am 1. November 2011 (Video von Sham S.N.N. ins Netz gestellt)



Demonstration in al-Qouriya, in der Provinz von Der Ezzor, am 1. November 2011 (Video von Sham S.N.N. ins Netz gestellt)



Demonstration am 1. November 2011 vor der europäisch-arabischen Universität von Damaskus (Video von Sham S.N.N. ins Netz gestellt)



Schülerdemonstration in Teftenaz in der Nähe von Edleb am 31. Oktober 2011 (Video von Sham S.N.N. ins Netz gestellt)



Demonstration muslimischer und christlicher Frauen in Homs am 31. Oktober 2011 (Video von Sham S.N.N. ins Netz gestellt)



Verhaftung einer Frau in Homs am 30. Oktober 2011 (Video von Sham S.N.N. ins Netz gestellt)




































Erstellt: 29-04-11
Letzte Änderung: 08-11-11