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Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

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29/12/10

Die Verteidigung der Kindheit


Auf Platz 1 der Weltempfänger Bestenliste im Dezember 2010!

Natürlich habe er eine unglückliche Kindheit gehabt, eine andere wäre es kaum Wert, erzählt zu werden – mit dieser programmatischen Eröffnung sprach Frank McCourt vor einigen Jahren aus, was das Genre der Schriftstellerautobiographie einzufordern scheint, nämlich Entbehrung, soziale Not und familiäre Zerrüttung, wobei diese Zutaten natürlich in jeweils unterschiedlicher Menge vorkommen können. Entscheidend ist deshalb, so ließe sich folgern, der Blick darauf. Ngũgĩ wa Thiong’o, der 1938 in Kenia zur Welt kam, seit langem in den USA lebt und von britischen Wettbüros jüngst als Nobelpreiskandidat gehandelt wurde, betrachtet das eigene Leben in der Rückschau zwar nicht mehr mit den Augen des Kindes, das er einmal war, aber nach wie vor mit wachem Erstaunen. „Vielleicht sind es Mythen ebenso sehr wie Tatsachen, die selbst in Zeiten des Krieges die Träume am Leben halten?“, überlegt er.
Weltempfänger

Unbekannte Stimmen hörbar zu machen und Nebenwege durch die Überfülle der Neuerscheinungen zu erschließen, hat sich „Weltempfänger“ zur Aufgabe gesetzt.

Diese alternative Bestenliste nimmt all jenes wahr, was nicht im eigenen Garten wächst und geläufig ist. Sie erscheint viermal im Jahr.
Als 14. Sohn der dritten Frau seines Vaters verbindet ihn ein enges Verhältnis mit seiner Mutter, die ihren eigenen Willen hat und dafür sorgt, dass der junge Ngũgĩ zur Schule gehen kann, auch nachdem ihr Ehemann seine Rinder und seinen Wohlstand verloren hat und sie von ihm verstoßen wurde. Auf die Kinderspiele im Wald folgen die Lektüre der Bibel, Auszeichnungen und eine Arbeit als Schreiber für den Großvater, aber auch Lektionen in Widerstand und Gerechtigkeit, die der Jugendliche nun einfordert.

Auch nach der rituell vollzogenen Beschneidungszeremonie vertieft sich bei Ngũgĩ noch die „Überzeugung, dass es in unserer Zeit Bildung und Wissen sind, nicht eine Narbe im Fleisch, die Männern und Frauen mehr Stärke verleihen.“ Der Vorgang der Alphabetisierung ist dabei mehr als eine Initiation, er ist die prägende Erfahrung schlechthin – das macht das Buch zu einem Bildungsroman im eigentlichen Sinne des Wortes. Doch weil Sprache nicht nur aus Vokabeln und Grammatik besteht, sondern auch Identitäten schafft, bedeutet der Eintritt in die Schule zugleich einen kulturellen Übertritt, vom Gĩkũyũ in die Sprache der britischen Kolonialherren und Missionare. Ngũgĩ, der immer schon von Geschichten fasziniert war, sucht „Zuflucht im Lernen“ und beginnt, „die Ereignisse und Anekdoten in biblischen Begriffen zu erklären.“ Diese Ereignisse betreffen den Krieg in Europa, in dem auch kenianische Soldaten kämpfen, und das Ringen Kenias um Autonomie, das sich zu einem erbitterten Unabhängigkeitskrieg auswächst und auch das Haus seiner Mutter erreicht.


Ngũgĩ wa Thiong’o (Kenia/USA):

Träume in Zeiten des Krieges. Eine Kindheit
Dreams in a Time of War

Aus dem Englischen von Thomas Brückner

München, A1 Verlag 2010
264 S. EUR 22,80, sFr. 38,50
ISBN 978-3-940666-15-4
Wie das von Wole Soyinka und Chinua Achebe ist das Werk Ngũgĩ wa Thiong’os eine Auseinandersetzung mit dem Aufeinandertreffen von Tradition und Modernisierung in Afrika. Hierfür vor dem Hintergrund des eigenen Lebens eine Sprache und Form gefunden zu haben, die das Mäandernde des mündlichen Erzählens mit der Ordnung des Geschriebenen verbindet und das Erlebte so gleichzeitig vergegenwärtigt und in einen historischen Rahmen bringt, ist die große Leistung dieses Erinnerungsbuches.

Rezension von Andreas Martin Widmann

Auf Platz 1 der Weltempfänger Bestenliste im Dezember 2010!

Erstellt: 21-12-10
Letzte Änderung: 29-12-10