Auf Platz 1 der Weltempfänger Bestenliste im Dezember 2010!
Natürlich habe er eine unglückliche Kindheit gehabt, eine andere wäre es kaum Wert, erzählt zu werden – mit dieser programmatischen Eröffnung sprach Frank McCourt vor einigen Jahren aus, was das Genre der Schriftstellerautobiographie einzufordern scheint, nämlich Entbehrung, soziale Not und familiäre Zerrüttung, wobei diese Zutaten natürlich in jeweils unterschiedlicher Menge vorkommen können. Entscheidend ist deshalb, so ließe sich folgern, der Blick darauf. Ngũgĩ wa Thiong’o, der 1938 in Kenia zur Welt kam, seit langem in den USA lebt und von britischen Wettbüros jüngst als Nobelpreiskandidat gehandelt wurde, betrachtet das eigene Leben in der Rückschau zwar nicht mehr mit den Augen des Kindes, das er einmal war, aber nach wie vor mit wachem Erstaunen. „Vielleicht sind es Mythen ebenso sehr wie Tatsachen, die selbst in Zeiten des Krieges die Träume am Leben halten?“, überlegt er.

Unbekannte Stimmen hörbar zu machen und Nebenwege durch die Überfülle der Neuerscheinungen zu erschließen, hat sich „Weltempfänger“ zur Aufgabe gesetzt.
Diese alternative Bestenliste nimmt all jenes wahr, was nicht im eigenen Garten wächst und geläufig ist. Sie erscheint viermal im Jahr.

Auch nach der rituell vollzogenen Beschneidungszeremonie vertieft sich bei Ngũgĩ noch die „Überzeugung, dass es in unserer Zeit Bildung und Wissen sind, nicht eine Narbe im Fleisch, die Männern und Frauen mehr Stärke verleihen.“ Der Vorgang der Alphabetisierung ist dabei mehr als eine Initiation, er ist die prägende Erfahrung schlechthin – das macht das Buch zu einem Bildungsroman im eigentlichen Sinne des Wortes. Doch weil Sprache nicht nur aus Vokabeln und Grammatik besteht, sondern auch Identitäten schafft, bedeutet der Eintritt in die Schule zugleich einen kulturellen Übertritt, vom Gĩkũyũ in die Sprache der britischen Kolonialherren und Missionare. Ngũgĩ, der immer schon von Geschichten fasziniert war, sucht „Zuflucht im Lernen“ und beginnt, „die Ereignisse und Anekdoten in biblischen Begriffen zu erklären.“ Diese Ereignisse betreffen den Krieg in Europa, in dem auch kenianische Soldaten kämpfen, und das Ringen Kenias um Autonomie, das sich zu einem erbitterten Unabhängigkeitskrieg auswächst und auch das Haus seiner Mutter erreicht.

Träume in Zeiten des Krieges. Eine Kindheit
Dreams in a Time of War
Aus dem Englischen von Thomas Brückner
München, A1 Verlag 2010
264 S. EUR 22,80, sFr. 38,50
ISBN 978-3-940666-15-4

Rezension von Andreas Martin Widmann
Auf Platz 1 der Weltempfänger Bestenliste im Dezember 2010!






per E-Mail verschicken
RSS
Facebook
Twitter

