Wer kennt sie nicht: die Teufel, wilden Löwen und Greifen, die die Außenseiten mittelalterlicher Kirchen bevölkern. In den Dämonen und grauenvollen Gesichtszügen der Wasserspeier kamen die großen Ängste der Menschen im Mittelalter zum Ausdruck, aber auch die Sicherheit, dass der Schöpfer dem Bösen seinen Ort zuweist und seine Schranken setzt.
Auch der heilige Antonius, der Schutzpatron der Kranken, die am Antoniusfeuer litten, musste sich zur Wehr setzen gegen Ungeheuer, die der Teufel geschickt hatte. So stellte ihn Matthias Grünewald den Gläubigen auf dem rechten Flügel des Isenheimer Altar in Colmar vor: Der Heilige liegt am Boden, wird geschlagen, zerkratzt und gebissen. In seiner Not ruft er Gott um Hilfe an. Dieser schickt Engel, um das Böse zu bekämpfen.

Die Antoniter pflegten die Kranken mit nahrhaftem Brot und dem „Saint-Vinage”, einem Heiltrank auf der Basis von Wein und Kräutern, in den die Reliquien des hl. Antonius getaucht wurden. Ein entzündungshemmender Kräuterbalsam wurde ebenfalls von den Mönchen hergestellt und verabreicht.

Der Altar schmückte ursprünglich den Hochaltar der Kapelle im Spital des Antoniterklosters in dem südelsässischen Dorf Isenheim. Dort nahm sich der Hospital-Orden der Kranken und Pilgerer an, die zur Anbetung des Heiligen Antonius kamen. Dieser Heilige war der Schutzpatron der vom „Heiligen Feuer“ oder „Antoniusfeuer“ (Mutterkornvergiftung) heimgesuchten Menschen. Von ihm erhoffte man sich Heilung von der mit stark brennenden Schmerzen verbundenen Getreidevergiftung, die insbesondere durch den Pilz des Roggen-Mutterkorns ausgelöst wird. Die Altarbilder symbolisieren den Kampf gegen das Böse, wie es im Mittelalter verstanden wurde. Das Böse berührt, entstellt und zerstört den Körper, es zerfrisst und verdirbt die Seele.
Die an Halluzinationen und nekrotischen Gliedern leidenden Menschen sollten beim Anblick des monumentalen und ausdrucksstarken Altars geheilt werden, da sie sich in diesem Moment mit Christus identifizierten, dessen Leiden hier besonders detailreich und schonungslos dargestellt sind. Seine lichtvolle Auferstehung bildet den Gegenpol zu dem qualvollen Kreuzestod: In ein leuchtendes Gewand gekleidet und mit ausgebreiteten Armen schwebt er aus seinem Grab - vor einem riesigen Sonnenball, der gleichzeitig als Gloriole zu verstehen ist. Auch heute noch verkörpert gerade diese Szene für gläubige Menschen die Auferstehung schlechthin.
Der Gläubige des Mittelalters durfte nicht wagen, an der christlichen Lehre zu zweifeln: Ihm wurde vermittelt, mit dem Zweifel gehe das Böse in Gestalt von Ungeheuern und Dämonen einher, wie es Grünewald in seiner Peinigung des Heiligen Antonius darstellt. Der Heilige fürchtet, in seinem Glauben erschüttert zu werden, wird unter den Schlägen schwach und ruft Gott zu Hilfe. Der Heilige Antonius scheint zu sagen, das den Geist befallende Böse sei noch schrecklicher als jenes, das lediglich den Körper befällt.
Von Pantxika De Paepe, Museum Unterlinden
Erfahren Sie mehr zum Jubiläumsprogramm und zur Geschichte des Isenheimer Alters:
Die Grafik ist ein Ausschnitt aus dem Isenheimer Altar von Matthias Grünewald: Die Versuchungen des heiligen Antonius, Museum Unterlinden
Copyright: Colmar, musée d’Unterlinden
- Mehr dazu in unserer Rubrik "Versuchungen"






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