Kinostart 11. November 2004 - 05/03/05
Die Vergessenen
Unmittelbar nach Verlassen des
Kinosaals bereits wieder vergessen...
Ein Film von Joseph Ruben
Synopsis: 14 Monate trauert Telly Paretta (Julianne Moore) nun schon um ihren 7-jährigen Sohn, der bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sein soll. Doch ihr Ehemann und ihr Psychiater behaupten, der Sohn habe nie existiert, Telly würde unter Wahnvorstellungen leiden. Als alle Erinnerungstücke an ihren Sohn verschwinden, droht Telly verrückt zu werden. Bis sie einen Mann trifft, dessen Erinnerung an seine ebenfalls verschollene Tochter sie wieder beleben kann. Welche Verschwörung verbirgt sich hinter dem raffiniert inszenierten Vergessen?
Kritik: Um wie viel Prozent weniger sie in dieser Woche an ihren Sohn gedacht habe, als in der vergangenen, wird die blasse Frau mit den traurigen Augen und dem mahagonifarbenen Haar von ihrem einfühlsame New Yorker Psychiater gefragt. Schon die ersten Einstellungen machen klar – diese New Yorker Redakteurin mit dem schicken Loft, verkörpert von einer Juliane Moore, die noch durchsichtiger aussieht als sonst, hat gar nichts vergessen, im Gegenteil – sie kann seit über einem Jahr an überhaupt nichts anderes mehr denken als an ihr verschollenes Kind. Ein europäischer Film hätte wahrscheinlich in den kommenden eineinhalb Stunden versucht, sensibel die Seelenqualen dieser Frau auszuleuchten und ihre Schwierigkeiten, ein neues Leben anzufangen. Nicht jedoch dieser amerikanische Major-Film , der mit einer wesentlich höheren erzählerischen Fallhöhe aufwartet und sich dabei ebenso grandios blamiert.
Hinter dem Nicht-Vergessen-Können nämlich verbirgt sich keine geistige Umnachtung einer Nicht-Mutter in der Midlifecrisis, wie es ihr ihr soziales Umfeld weismachen will, sondern eine Verschwörung. Zunächst vermutet man die Bundespolizei dahinter und damit eher konservative Studio-Mächte in Hollywood, die die Freiheit des amerikanischen Bürgers respektive die Einheit der Familie gerne von anonymen Mächten in Washington bedroht sehen . Doch selbst die Bundespolizei, wird der Zuschauer bald darauf belehrt, ist nur williger Helfer für die entfesselten Mächte, die hier am Wirken sind.
Wie sehr dadurch doch der einzelne Mensch zu einem unbedeutenden, hilflosen Nichts zusammenschrumpft! Stets wird die Moore in kalten blauen Farben gefilmt, mal als kleiner Punkt im Menschengewirr aus großer Höhe, mal mit Wackelkamera, die hinter einem Gebäude hervorlugt. Ein Gefühl der Paranoia wie in den großen Politthrillers New Hollywoods soll sich wohl breit machen, doch die Logik der Geschichte hinkt ihrer Ästhetik weit hinterher. Da kann der unverhoffte, neue Begleiter von Juliane Moore, der den braingewashten Ehemann bald ersetzt, weil beide das selbe Schicksal teilen, noch so ambitioniert kombinieren – die Frage, wer sich hinter diesem organisiertem Vergessen verbirgt, hat noch nicht einmal der Drehbuchautor, geschweige denn der Regisseur zufriede stellend beantwortet.
„Was wäre, wenn deine Erinnerungen und alles, was dein Leben ausmacht, nie existiert hätte?“ – dieses Rätselszenario klingt viel versprechend, doch die als Antwort darauf aufgebotenen Erklärungsmuster warten mit einer üblen Mixtur aus Esoterik und Verschwörungsthesen auf, die man unmittelbar nach Verlassen des Kinosaals bereits wieder vergessen hat.
Martin Rosefeldt
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Die Vergessenen
Regie: Joseph Ruben
Drehbuch: Gerald Dipego
Darsteller: Julianne Moore, Dominic West, Gary Sinise u.a.
USA, 2004, 91’
Erstellt: 09-11-04
Letzte Änderung: 05-03-05