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ARTE Journal - 03/04/12

"Die Unausgewogenheit ist das zentrale Problem"

In seinem neuen Buch analysiert der Wissenschaftler Jacques-Pierre Gougeon das deutsch-französische Paar und kommt zu einem ernüchternden Schluss : die Deutschen räumen Frankreich heute einen deutlich geringeren Stellenwert ein, als noch zu Beginn des Milleniums. Sie sehen Frankreich als ein Land, dass in seiner Bedeutung nachlässt und an Einfluss verliert. Auch die Franzosen selbst sehen sich in einer Logik des Niedergangs, während Deutschlands Selbstbewusstein erstarkt. Soviel Ungleichgewicht verändert die Beziehung.

Jacques-Pierre Gougeon ist Directeur de Recherche am Pariser IRIS Institut ( Institut des Relations Internationales et Stratégiques ) und war Anfang des Jahrtausends fünf Jahre Kulturberater an der französischen Botschaft in Berlin. Seine Spezialgebiete sind das zeitgenössiche Deutschland und die deutsch-französischen Beziehungen, über die er schon mehrere Bücher verfasst hat. Seine jüngste Abhandlung heisst « France-Allemagne : une union menacée ? » also "Frankreich-Deutschland : eine bedrohte Union? " und ist im März beim Verlag Armand Colin erschienen. Eine deutsche Fassung ist in Arbeit.


Annette Gerlach für Arte Journal: Wie geht es dem deutsch-französischen Paar im Jahr 2012 ?
Jacques-Pierre Gougeon: Entgegen dem Eindruck, der durch die Berichterstattung in den Medien entstehen kann, entfernen sich die beiden Länder voneinander. Ich erkläre das durch folgende Faktoren:
Als erstes muss man natürlich die wirtschaftliche Diskrepanz zitieren, die sich seit 2005/2006 abzeichnet und in den letzten Jahren deutlich zugespitzt hat. Nehmen wir zum Beispiel das Wirtschaftswachstum, das in Frankreich nur halb so gross ist, wie in Deutschland: 2011 lag die französische Wachstumsrate bei 1,7%, die deutsche bei 3%. Die Tendenz ist die Gleiche bei der Arbeitslosenquote: die offiziellen Zahlen sprechen von 9,8% in Frankreich, in Deutschland von 6%.
Der zweite Punkt betrifft das Verhältniss zur eigenen Geschichte. Deutschland ist meiner Meinung nach heute freier im Umgang mit seiner Vergangenheit, was eine Stärke darstellt. Es gibt eine neue Generation von Historikern, die die deutsche Vergangenheit aus einem im besten Sinne des Wortes objektiven Blickwinkel betrachtet, ohne moralische Vorurteile. Die Tabous sind ausser Kraft gesetzt. In Frankreich ist man davon weit entfernt. Es gibt keine aufrichtige Vergangenheitsbewältigung. Denken Sie nur an den Algerienkrieg: es wird in diesem Jahr sehr, sehr wenig über das Jahr 1962 gesprochen ( AdR: 2012 jähren sich das Evian Abkommen zum fünfzigsten Mal, es besiegelt das Ende der französischen Kolonialherrschaft über Algerien). Auch wenn sich der bleierne Mantel des Schweigens über die Vichy-Zeit inzwischen gehoben hat, so bringt die eigene Geschichte Frankreich meiner Meinung nach immer noch in Verlegenheit, was eine Schwäche darstellt.
Begingt auch durch diese beiden Faktoren, ist die Beziehung beider Länder zueinander immer unausgewogener. Ein Teil der französischen Elite beschwört Deutschlands Wirtschaft nun als das Modell, das es nachzuahmen gilt. Und bewirkt damit oft heftige Gegenreaktionen. Es wird sich im Ton vergriffen, unschöne historische Vergleiche werden angestellt bis hin zu klar germanophoben Bemerkungen. Vieles davon ist einer Art Trotz geschuldet, da man sich das deutsche Modell nicht aufdrängen lassen will. Bemerkenswert dabei ist, dass die Deutschen selbst sich keineswegs in diese Modellrolle drängen.
Dieses Missverhältniss findet man auch auf politischer Ebene wieder: In den letzten grossen EU-Verhandlungen konnte Deutschland seine Positionen zu grossen Teilen durchsetzten. Der Fiskalpakt, den die Franzosen übrigens Budgetpakt nennen, beinhaltet 80 % deutscher Vorschläge.
Diese Diskrepanz, diese Unausgewogenheit ist das zentrale Problem der aktuellen deutsch-französischen Beziehungen.


Arte Journal: Wie erklären Sie sich, dass der Stellenwert Frankreichs bei den Deutschen deutliche Einbussen verzeichnet ?
Jacques-Pierre Gougeon: Sagen wir es zunächst in Zahlen: 2003 war Frankreich noch für 45% der Deutschen das wichtigste Partnerland, heute sehen das nur noch 25% so. Wir erleben eine Banalisierung deutsch-französischen Beziehungen. Die neue Generation der deutschen Führungsschicht hat eine weniger emotionale Bindung an Frankreich, einen grösseren gefühlsmässige Abstand. In meinem Buch belege ich das: Das Bild, das man heute in Deutschland von Frankreich hat, ist das eines Landes mit schwindenden Kräften. Frankreich wird als ein Land wahrgenommen, dass bemüht ist eine Rolle zu spielen, die es gar nicht mehr hat.
Betrachten wir das Beispiel des militärischen Eingreifens Frankreichs in den Lybienkonflikt: In Frankreich wurde es als bedeutendes politisches Engagement präsentiert, einer grossen Nation angemessen. In Deutschland hiess es dagegen: " Frankreich versucht an eine Rolle anzuknüpfen, die es gar nicht mehr ausfüllt." Und das will man in Frankreich so nicht wahrhaben.

Arte Journal: Hat Frankreich seine Modellrolle verloren ?
Jacques-Pierre Gougeon: Ich habe mich auch für die Sicht der Franzosen auf sich selbst interessiert und konnte eine Entwicklung hin zu einem Negativdiscours feststellen. Es gibt eine französische Tendenz, den französischen Niedergang zu beschwören. Was schliesslich auch ausserhalb des Landes zu einem Echo führt. Ein interessantes Ereigniss war der Verlust der Ratingbestnote AAA. In Frankreich wurde es vor allem als ein Ergebnis der Wirtschaftskrise wahrgenommen. In Deutschland titelten die Zeitungen eher in dem Sinne: "Dieser Verlust spiegelt die mentale Situation Frankreichs wieder ". Frankreich wird als ein Land betrachtet, das mit Selbstzweifeln kämpft und daher ein geschwächter Partner ist. Und sich als Modell weniger eignet. Deutschland dagegen erlebt zur Zeit eine Phase des Aufschwungs. Das erklärt die Schere, die sich zwischen beiden auftut.






Erstellt: 29-03-12
Letzte Änderung: 03-04-12