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Berlinale 2005 - Wettbewerb - 18/02/05

Die Sonne

Ein Film von Alexandr Sokurov



Hilflos wirkt Kaiser Hirohito, unabhlässig kräuseln sich seine Lippen angesichts der schweren Bürde

Synopsis: Porträt des japanischen Kaisers Hirohito, der 1945 nach den Atombombenabwürfen der Amerikaner die Kapitulation seines Landes per Radioansprache verkündet und zugleich auf seinen Gottesstatus verzichtet, obwohl Millionen seiner Untertanen bereit sind, für ihren Kaiser und ihr Land bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen.

Kritik: Dieser Mann kann einem einfach nur leid tun – tief unter der Erde hat er hinter meterstarken Betonmauern in seinem Kommandoraum verschanzt, umgeben von einer ergebenen Dienerschar und hilflos die Hiobsbotschaften von dem Zurückweichen und der unaufhaltsamen Niederlage seiner Streitkräfte entgegennehmend. Von Sonnenlicht oder göttlicher, aus der direkten Nachfolge zur japanischen Sonnengöttin Amaterasu ableitbaren Inspiration keine Spur – ein fahles, grüngräuliches Weltuntergangslicht und die über ihm stattfindende atomare Apokalypse machen das kaiserliche Bunkerleben zum Albtraum.

Was also tun? Seinem ergebenen, vor Angst schlotterndem Kabinett den totalen Krieg und den Angriff auf Russland befehlen oder die von den Amerikanern geforderte Kapitulation unterschreiben und zugleich auf seine göttliche Abstammung zu verzichten? Zunächst zeigt sich der Kaiser bei Alexandr Sokurov wie ein trotziges, übel gelauntes Kind. Angeekelt beobachtet er bei sich den Mundgeruch, mit dem auch eine Gottheit in menschlicher Gestalt geschlagen ist, immer widerwilliger lässt er die strengen Rituale und Protokolle, die seinen Tagesablauf bestimmen, über sich ergehen. Da kommt die Gefangennahme durch General McArthur, dem Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte im Pazifik, beinahe einer Erlösung gleich. Der kindlich gebliebene Kaiser, dem es aufgrund seines Standes nie vergönnt war, zu seinen Mitmenschen hinabzusteigen, scheint das Kapitulationsangebot trotz der damit verbunden drohenden Konsequenzen – Gerichtsverhandlung und Tod - beinahe wie einen rettenden Ausweg aus der menschlichen Katastrophe und persönlichen Malaise zu empfinden.

Anders als seine bisher porträtierten Machthaber des 20. Jahrhunderts – Hitler in „Moloch“ oder Lenin in „Taurus“ findet der traurige Kaiser zum Licht zurück, indem er die intoleranten, entmenschlichenden Bedingungen der Macht abschüttelt. Den von Gott abstammenden Kaiser in menschlichem Antlitz zu zeigen mit allen Schwächen und auch komischen Fehlbarkeiten, rührt in Japan noch immer an ein strenges Tabu, das auch dem brillanten Darsteller des Kaisers Issey Ogata in seiner Heimat – falls es der Film dort überhaupt in die Kinos kommen wird - einige Anfeindungen bescheren dürfte. Er spielt Hirohito als tapsigen Maulwurf, mit ständig gekräuselten oder geschürzten Lippen über den hervorstehenden Hasenzähnen, doch von einer kindlichen Unschuld, deren menschliche Größe damals sogar den amerikanischen Oberbefehlshaber dazu veranlasste, sich in Washington erfolgreich gegen eine Anklage als Kriegsverbrecher einzusetzen.

Doch ist Sokurovs Film bei aller Freiheit seiner künstlerischen Improvisation frei von jeder Polemik oder gar Geschichtsklitterei. Der schönste Moment des Films wird vielleicht eines Tages sogar die Japaner mit ihrer eigenen Geschichte und ihrem als Mensch wiedergeborenen Kaiser versöhnen. Als Hirohito für einen Moment im Hauptquartier der Amerikaner alleine ist, löscht er voller kindlicher Freude zum ersten Mal in seinem fremd bestimmten Leben die Kerzen selber. Dieses Bild steht ganz für Sokurovs Überzeugungen: Nur die Rückkehr zu den menschlichen Ritualen und Spielregeln kann einem unglücklichen Machthaber sein verloren gegangene innere Harmonie zurückgeben, genauso wie auch der Filmemacher nur aufgrund seines künstlerischen und weniger an den historischen Tatsachen orientiertem Blick ein Volk mit seiner Geschichte versöhnen kann.

Martin Rosefeldt


Wieder einmal mehr wirklich großes Kino

Synopsis: Am15. August 1945 hören Millionen Japaner erstmals die Stimme ihres Kaisers Hirohito. In einer Ansprache fordert er Armee und Volk auf, alle Kampfhandlungen einzustellen. Damit rettet er Millionen Menschen das Leben. Handeln und Haltung Hirohitos in diesen Tagen sind eine Lektion in Sachen Menschlichkeit und Zeugnis geschichtlicher Größe.…


Kritik: Nach Hitler in „Moloch“ und Lenin in „Taurus“ porträtiert Aleksandr Sokurov in „Die Sonne“ erneut eine politische Figur, die auf ihr Leben Rückschau hält. In diesem Fall ist es Japans Kaiser Hirohito. Der Film ist allein schon wegen der Tatsache bemerkenswert, dass Regisseur Sukarov und sein Hauptdarsteller Issey Ogata sich ohne Zögern über das Tabu hinwegsetzen, den japanischen Kaiser darzustellen, denn dieser gilt im Land der aufgehenden Sonne als Nachkomme der Göttin der Sonne Amaterasu und somit als unantastbar. Darüber hinaus führt Hirohitos Schicksal in Japan nach wie vor zu heftigen Debatten, so dass die Produzenten des Films offenbar schon frühzeitig die Möglichkeit eines Aufführungsverbots in Japan in ihre Erwägungen einbezogen. Dennoch ließen sie dem Großmeister des russischen Films, Aleksandr Sokurov, freie Hand, zum einen aus Achtung von seiner Kunst, zum anderen aber auch, weil Sokurov Hirohito gegenüber tiefe Dankbarkeit empfindet: Hirohito lehnte einen Angriff auf Russland ab. Er nutzte seine politische Macht um die Kapitulation seines Landes zu erklären und rettete damit Millionen Menschen das Leben.

Sokurov begeht nicht den Fehler, Hirohito einen Heiligenschein aufzusetzen. Er verschweigt auch nicht, dass ihm kein aussagefähiges historisches Material zugänglich war. Wohl deshalb verleiht er dem Japaner das Antlitz der Kindheit und der Unschuld. Sein begabter Hauptdarsteller Issey Ogata verkörpert den Tenno als einen zutiefst einsamen, amüsanten, ergreifend natürlichen, spontanen, schüchternen Menschen, den die Last der Verantwortung erdrückt und unglücklich macht. Sokurov entwirft in « Solnze », in einer für ihn eher ungewohnten Art, ein von Grund auf menschliches Portrait eines Mannes, der aus seiner Macht und Stellung heraus mit erschütternder Selbstverständlichkeit, fast „wider Willen“ Heldenhaftes tut.

Der ästhetische Rahmen dazu besteht, wie immer bei Sukorov, aus großartigen Bildern, gelegentlich durchsetzt von heftigen, irrealen Ausbrüchen mit beklemmender Wirkung, wie schon in „Moloch“ und „Taurus“. „Solnze“ ist eine weitere Auseinandersetzung Sokurovs mit der Psychologie der Macht. Doch im Gegensatz zu seinen früheren Filmen um das gleiche Thema, bringt Sokurov dieses Mal sehr viel mehr eigene Emotionen ein. Das Ergebnis ist wieder einmal mehr wirklich großes Kino.

Olivier Bombarda
Solnze (Die sonne)
Regie /Kamera: Alexandr Sokurov
Drehbuch: Jurij Arabov
Darsteller: Issey Ogata, Robert Dawson, Kaori Momoi
Russland/Italien/Frankreich/Schweiz, 2004, 110’

Erstellt: 18-02-05
Letzte Änderung: 18-02-05