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24/01/05

Die Sicht der Tochter

Auszug aus Jessica Durlachers erstem Roman „Das Gewissen“

Jessica Durlacher ist eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen der Niederlande: 1999 war ihr Roman "Das Gewissen" das bestverkaufte Debüt in Holland und bekam mehrere wichtige nationale Auszeichnungen. Wilfried F. Schoeller: "Ein junges Paar jüdischer Abstammung erlebt die Liebe seines Lebens, aber sie wird überschattet von den finsteren Erfahrungen der Eltern. Der Schmerz der Erfahrung an Krieg und Verfolgung bildet sich in den Nachgeborenen ab. Jessica Durlacher schildert das Gefühlslabyrinth einer Generation, die das alles nur vom Hörensagen kennt, die sich aber mit den Schatten, Nöten, Beklemmungen und Ängsten der Eltern auseinandersetzen muss."

Das Gewissen
Roman, aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Diogenes Verlag, Zürich 1999
ISBN 3-257-06201-X

Kapitel 43

Nie wurde darüber geredet. Doch in unserem Unterleben, dem Leben unter unserem Alltagsleben, will ich mal sagen, wurden wir verfolgt. So empfanden wir es zumindest. Ich wurde verfolgt, weil mein Vater VERFOLGT worden war - und ein abstrakteres Wort lässt sich wohl kaum finden, beiläufiger und vornehmer lässt sich wohl kaum umschreiben, welche schmutzigen, grausamen Verbrechen das beinhaltet.
Nach Verbrechen klang das Wort auch nicht. Eher wie eine Katastrophe von kosmischen Dimensionen, ein jedes normale Maß übersteigender Alptraum, etwas aus der Zeit, als die Welt noch eine einzige Hölle war, jener gräulichen vorbewussten Zeit der Vorgeschichte.
Und alles, was zu Hause darüber gesagt wurde, war genauso entstellend abstrakt wie das Wort selbst, so abstrakt, dass das Schaudern hinter der Sprache versteckt blieb. Und die Sprache erstickte präzise und fein säuberlich, was sich hinter ihr verbarg.
Die Abstraktionen trugen Sätze wie:" Du weißt ja, nach der Bombardierung Rotterdams sind wir nach Apeldorn gegangen..."

Die ganze Aufeinanderfolge von Geschehnissen, die mein Vater als kleiner Junge miterlebt hatte, alles, was dieser Satz suggerieren sollte, die Dramen, das Schreien, die nervliche Anspannung, die Angst: nichts davon, da war meines Vaters Stimme und diese kurze Mitteilung, die uns seiner Meinung nach alles sagte.
Seine Stimme senkte sich und wurde dann plötzlich leise und grimmig. Irgend etwas schien ihm den Atem wegzusaugen, ein Feind, der ihm die Luft nahm und ihn kurzerhand daran hinderte, laut zu sprechen. Mit Gewalt, beinahe erstickend, versuchte er Atem und Stimme wiederzuerlangen. Alles stand für einen Moment vollkommen still, während das Unheil über den Tisch kroch und wie ein gigantisches Heer von Ungeziefer über uns hinwegzukrabbeln begann, das uns eine eiskalte Gänsehaut und heftigen Juckreiz bescherte.

Dann folgten noch ein paar Sätze, die alle gleichermaßen unbefriedigend und unverständlich waren und keinerlei Zusammenhang zu irgend etwas herstellten, was uns bekannt war. Allesamt schwiegen wir wie versteinert, auch wir hielten den Atem an, unweigerlich, obwohl ich innerlich neugierige, unbekümmerte Stimmen hörte: Was dann, was dann, was dann? Erzähl doch weiter! Mehr! Aufmüpfige Stimmen. Das hier war so wenig, dass überhaupt nichts noch besser gewesen wäre.
Doch sie gefroren, noch ehe sie an die Oberfläche kommen konnten. Es blieb mucksmäuschenstill. Wer jetzt etwas sagte, konnte sich auf eine furchtbare Quittung dafür gefasst machen.

"Ihr wisst ja, als sie uns in Apeldorn abgeholt haben..." Abgeholt!
Und: "Du weißt ja, dass ich meinen Geburtstag lieber nicht feiere."
Lange Stille. Irgendwann einmal dann die Fortsetzung.
"An dem Tag haben sie meinen Vater mitgenommen..." Mitgenommen! Und auch: "Du weißt ja, als wir in Westerbork saßen..."
Du weißt ja. Nichts wusste ich.
Auschwitz. Den Namen hörte ich erst, als wir erwachsen waren.
Das KZ. Das Wort kannte ich sehr wohl. Aber ich wusste nicht, was das war. Ich spürte nur, was es sein musste. Die Stimme meines Vaters gefror zu Eis, sein Gesicht versteinerte, sein Mund wurde klein und verkniffen, seine Augen starrten wild und dumpf zugleich auf den Tisch. Er wurde zu einem schwarzen Loch, mein Vater, zum Wortführer eines Reiches, das so dunkel und schrecklich war, dass ihm alles weichen musste, alles darin verschwand. Auch ich. Ich wurde von dem Loch verschlungen. Ich existierte nicht mehr. Ich wurde erbarmungslos ausgelöscht. Das machte mir angst, denn nichts schien mich im Fallen aufzuhalten. Deshalb wurde ich auch so still. Wenn er mich jetzt sah oder hörte, würde er womöglich etwas Furchtbares mit mir anstellen. Keine Eltern mehr. Kein Vater mehr. Mein Vater war ein anderer, grimmiger Mensch geworden. Der aber wohl die rührende Gestalt meines Papas hatte, mit seinem Bart und seinen kleinen, lieben, dicken Fingern mit den kurzen Nägeln.
Das machte das Ganze um so schlimmer.
Ich hielt den Atem an, wenn er seine Worte sagte, die mir nichts erzählten, mich aber erstarren ließen.
Das KZ.
Ich fragte nichts. Ich wollte nichts mehr hören, obwohl ich so gern mehr gewusst hätte. Aber das hier musste jetzt aufhören.

Ganz gelegentlich war ich geneigt, anderen Kindern etwas über unseren Vater zu erzählen. Man musste doch davon erfahren, von diesem rohen Skandal, der so gar nichts mit dem zu tun hatte, was ich sonst überall hörte. Ich versuchte wiederzugeben, was er uns erzählte.
Doch das gelang mir nicht. Ich wusste ja nichts. Ich wusste nur, was dabei mitschwang. Was die Worte bei meinem Vater auslösten. Ich wollte: Mitgefühl und Achtung. Für ihn. Aber ich konnte nichts ausrichten. Es war niemandem zu verdeutlichen. Ich wusste nur von dieser Stimme, von diesem lieben Gesicht, unserem Gesicht, das von fremden Mächten derart verzerrt wurde.
So unermesslich schwarz und schwer war das, was auf all dem lastete, dass ich diese Stimme und dieses verkniffene Gesicht unwillkürlich imitierte, wenn ich von ihm sprach.
Aber nie kam es bei den anderen an, das sah ich. Niemand verstand, was wirklich war. Auch die Lehrer nicht, geschweige denn ein anderes Kind.
In Bezug auf den Untergang, den mein Vater kannte, waren daher alle unbekümmert, dumm und anders. Aber ich wusste nicht, wie ich daran etwas hätte ändern können, wie ich etwas davon hätte ausdrücken können. Ich konnte meinem Vater nicht einmal zeigen, dass ich wohl, dass ich wusste. Dass mir Untergang ein Begriff war und ich wusste, dass es in seinem Dasein etwas gab, was einen zu Eis gefrieren lassen musste. Ich war auch zu Eis gefroren, vor lauter Loyalität.


Im Deutschen erschienen:

"Das Gewissen" ist 1999 beim Diogenes Verlag in Zürich erschienen - ISBN 3-257-06201-X.












Ihr 2. Roman

"Die Tochter" ist im September 2001 beim Diogenes Verlag; ISBN 3-257-062869. erschienen.




Weitere Bücher von Jessica Durlacher:

1998 Het Geweten (Das Gewissen, 1999 in deutsch)
2000 De dochter (Die Tochter, 2001 in deutsch)
2001 Op Scherp
2004 Nieuwbouw
2004 Emoticon - Dieses Buch wird zur Zeit ins Deutsche übersetzt und erscheint beim Diogenes Verlag.

Besuchen Sie auch Jessica Durlachers Website (in niederländischer Sprache).

Erstellt: 19-01-05
Letzte Änderung: 24-01-05