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Männer vom Aussterben bedroht

Verweiblichung in der Natur auf der einen Seite, verringerte Spermienproduktion beim Mann auf der anderen.

Männer vom Aussterben bedroht

Männer vom Aussterben bedroht - 20/11/08

Die REACH Verordnung

Für die NGOs ist die Chemikalienverordnung REACH der Europäischen Union ein Fortschritt. Sie kritisieren jedoch die zu großen Zugeständnisse an die Chemieindustrie.


REACH (englisches Akronym für „Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung von Chemikalien“) wurde vom Europaparlament am 13. Dezember 2006 mit großer Mehrheit angenommen (529 Ja-Stimmen, 98 Nein-Stimmen, 24 Enthaltungen) und trat am 1. Juni 2007 in Kraft. Laut der neuen Verordnung müssen bis 2018 30.000 Chemikalien registriert und auf ihre Sicherheit geprüft werden. Auf Betreiben der Industrie muss jedoch für Chemikalien, von denen weniger als 10 Tonnen pro Jahr produziert bzw. importiert werden, kein Stoffsicherheitsbericht erstellt werden. Wie bei jeder EU-Gesetzgebung handelt es sich bei REACH um einen Kompromiß. Dieser wurde nach einer dreijährigen Debatte und intensiver Lobbyarbeit von Gegnern wie Befürwortern dieser Verordnung nur mühsam erreicht. Die mächtige europäische Chemieindustrie – deren Jahresumsatz satte 440 Mia. Euro beträgt und deren weltweit größtes Unternehmen die deutsche BASF ist – hatte von der amerikanischen Chemieindustrie Verstärkung erhalten, da die Chemikalienverordnung auch importierte Stoffe betrifft. Die Strategie der Industrie bestand darin, die Debatte von den Gesundheits- und Umweltfragen auf die hohen Mehrkosten und die dadurch entstehenden gravierenden Folgen für die Arbeitsplätze zu lenken. Ein 2002 vom Bundesverband der Deutschen Industrie finanzierter Bericht stellte die Behauptung auf, dass REACH allein in Deutschland zu einem Verlust von 2,35 Mio. Arbeitsstellen führen würde. 2003 kam eine von der EU-Kommission finanzierte Studie zu dem gemäßigteren Schluß, dass die Kosten nur 0,5% des Branchenumsatzes betreffen würden. Die gleiche Studie schätzt den Gewinn für das Gesundheitswesen aus einem Projekt wie REACH in 30 Jahren auf 50 Mia. Euro ein.

Gegenüber der Industrie haben Nichtstaatliche Organisationen wie Greenpeace oder der World Wildlife Fund (WWF), die sich für den Umweltschutz einsetzen, das Projekt bei den europäischen Institutionen verteidigt, wobei sie häufig auf spektakuläre Kampagnen zurückgriffen (man erinnere sich an die den EU-Abgeordneten angebotene Blutentnahme, die das Vorkommen von giftigen Substanzen belegen sollte).

Die Verabschiedung von REACH – Fortschritt und weltweiter Maßstab




Am Tag nach der Annahme des Textes durch das Europaparlament im Dezember 2006 begrüßten die NGOs den durch REACH eingeleiteten, grundlegenden Wechsel: Der Nachweis der Unschädlichkeit von Produkten und Substanzen ist ab sofort Sache der Unternehmen und nicht mehr der Behörden. Doch alle Organisationen waren sich einig, dass der Industrie bei den gefährlichsten Stoffen zu viele Zugeständnisse gemacht wurden. Laut Kommission können 1.500 Chemikalien Krebserkrankungen und angeborene Mißbildungen hervorrufen. Das Parlament hatte in erster Lesung gefordert, dass derlei Substanzen wenn möglich durch Ersatzmoleküle substituiert werden sollten. Dieses Substitutionsprinzip, für das sich NGOs und der Europäische Gewerkschaftsbund gleichermaßen einsetzten, wurde teilweise aufgegeben: Zulassungen für „besonders besorgniserregende Stoffe“ können „unter angemessen kontrollierten Bedingungen“ auch dann erteilt werden, wenn eine Substitution möglich wäre. Falls keine Alternative zur Verfügung steht, müssen die Unternehmen einen Forschungsplan vorlegen. Serge Orru, der Vorstandsvorsitzende von WWF Frankreich, nannte die Verabschiedung von REACH zwar einen Fortschritt und einen Maßstab, der für die ganze Welt gesetzt worden sei, drückte jedoch auch seine Enttäuschung angesichts der von der Chemieindustrie ausgehandelten Schlupflöcher aus. Für Orru ist die Verordnung nur ein halber Sieg.

Die Umsetzung der Verordnung
Seit dem 1. Juni 2007 müssen alle Unternehmen der EU, die jährlich mehr als eine Tonne einer der 30.000 verzeichneten Chemikalien produzieren, importieren oder verwenden, diese bei der Europäischen Chemikaleinagentur (ECHA) in Helsinki (Finnland) registrieren. Für diese erste Etappe haben sie bis 30. November 2008 Zeit. Die Unternehmen, die diese Vorregistrierung vorgenommen haben, verfügen dann über eine weitere Frist von zehn Jahren (bis 2018) für die endgültige Registrierung ihrer Chemikalien. Dazu müssen sie der ECHA die Ergebnisse einer toxikologischen Studie über die Auswirkungen jeder Substanz auf die Natur und die Gesundheit des Menschen zukommen lassen. Wenn ein Unternehmen sich nicht an dieses Verfahren hält, können seine Produkte schlicht und einfach vom Markt genommen werden.

Ingrid Bellot


  • Die Haltung der NGOs

  • Der Standpunkt der Industrie: European Chemical Industry Council (CEFIC), auf Englisch

Erstellt: 28-10-08
Letzte Änderung: 20-11-08