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19/01/05

Die Perspektive der Mutter

Ein rückblickender Bericht von Anneke Durlacher, Ehefrau des inzwischen verstorbenen Soziologen und Auschwitzüberlebenden Gerhard Durlacher

Gerhard Durlacher und ich trafen uns 1955 an der Uni Amsterdam, wo wir beide das Studium der Sozialwissenschaften begonnen hatten. Ich fand ihn geistreich, intelligent, interessant, und wir verliebten uns. Während des ersten Jahres unseres Zusammenseins erzählte er von seiner Zeit als jüdischer Junge in Deutschland, der Flucht mit seinen Eltern in die Niederlande, von ihrer Verhaftung im Jahre 1942, seinem Leben in den Konzentrationslagern von Westerbork, Theresienstadt und Auschwitz, und vom Tod seiner Eltern. Er sprach darüber in einer nüchternen, distanzierten Art und Weise und machte zwischendurch manchmal bittere Scherze. Aber ich fühlte, dass er sich tapfer hielt. Nachts hörte ich oft, wie er Alpträume hatte, über die er dann tagsüber nicht reden wollte. Wenn ich danach fragte, konnte er sehr zornig werden, oder er bekam diesen nach innen gekehrten Blick und verließ das Zimmer. Er war oft krank, hatte auch ein schwaches Herz, wurde schnell müde, und wir wussten, dass dies mit den Entbehrungen zu tun hatte, die er in den Lagern hatte erleiden müssen.
Wir heirateten 1959, nach unserer Zwischenprüfung, und 1961 wurde unsere Tochter Jessica geboren. Gerhard wollte damals schnell sein Studium beenden und arbeitete sehr hart, wobei ich mich mehr auf das Kind und den Haushalt konzentrierte. Wir waren sehr glücklich. Wir sprachen immer viel miteinander, jedoch nicht über den Krieg. Wir waren sehr auf die Zukunft, das Studium, unser Kind ausgerichtet. 1963 wurde unsere zweite Tochter, Eva, geboren. Gerhard beendete sein Studium und erhielt eine Stelle als Mitarbeiter an der Uni Amsterdam. Den Krieg hatten wir aus unserem Leben verdrängt, auch wenn Gerhard sehr oft krank war und plötzlich wegen einer Kleinigkeit sehr wütend werden konnte. Wenn er gelegentlich in der Zeitung etwas über die Lager las, schlug er sie gleich wieder zu, und ein Freund, der einmal etwas über Auschwitz wissen wollte, wurde beinahe vor die Tür gesetzt. Über das Thema konnte nicht mehr gesprochen werden.
Somit war es auch unvorstellbar, dass er seinen Kindern etwas darüber erzählte. Erst sehr spät sagte er ihnen auf die Frage, wo bloß die Großeltern - also seine Eltern - wären, sehr kurz und beiläufig, was mit ihnen geschehen war. Die Kinder verstanden gar nichts, trauten sich aber auch nicht, nachzuhaken, da sie merkten, dass er böse und abweisend wurde. Mir sagte Gerhard, dass er die Kinder nicht mit der Vergangenheit anstecken wolle, er mit schmutzigen Dingen wie Krieg und Lager nicht in ihre Welt eindringen wolle. Und er bat auch mich, nicht mit ihnen darüber zu reden.
Erst später begriff ich, dass sich Gerhard für seine Kriegsvergangenheit schämte, dass er sein Leben in den Konzentrationslagern als furchtbare Erniedrigung empfunden hatte. Wenn er daran dachte, sah er sich selbst wieder als "mit Läusen übersätes Gerippe, menschlichen Abschaum". Seine Auschwitz-Nummer hatte er sich vom Arm entfernen lassen, für ihn war sie ein verabscheuenswürdiges Brandmal. Darum verdrängte er mit aller Macht seine düsteren Erinnerungen und wollte und konnte nicht seinen Kindern davon erzählen. Später, als die Kinder größer waren, hatte er die Vergangenheit so sehr verdrängt, dass er seine Erinnerungen nicht mehr wachrufen konnte.
Die Kinder spürten aber, dass da ein Geheimnis war, das sie zunächst nicht erkunden konnten, später nicht mehr erfahren wollten.
Es waren empfindsame, phantasievolle Kinder, die keine Gruselgeschichten und -filme mochten, da sie davon Albträume bekamen, und die über alles, was sie hörten, lange nachdachten und oft grübelten. Sie mussten auch oft nachts getröstet werden.
Später vermieden sie alles, was mit dem Tod zu tun hatte. Jessica lief einmal aus der Klasse, als der Lehrer über ägyptische Mumien sprach. Sie wagten sich nicht mehr an das Thema "Krieg" heran und wollten nichts darüber hören. Ansonsten funktionierte unsere Familie normal, auch wenn Gerhard oft krank war. Wir aßen immer zusammen am runden Tisch, an dem wir lange Gespräche führten über die Welt und die Politik, Bücher und Fernsehen. Wir fuhren immer gemeinsam in Urlaub, ließen die Kinder möglichst viel vom Lande und später von anderen Ländern sehen. 1970 wurde die kleine Schwester, Channah, geboren, worüber wir uns alle sehr freuten. Die Kinder gingen gerne zur Schule, sie lernten gut, hatten Freundinnen und später Freunde. Ich fand, wir hatten eine gute und glückliche Familie. Gerhard mochte zwar keinen Lärm, keine Feste, aber was viel wichtiger war: wir gingen sehr offen miteinander um. Die Kinder konnten mit uns über ihre Probleme reden, wir waren nicht streng und ließen sie so weit wie möglich gewähren.
Meine Vorstellung von einer harmonischen Familie zerbrach, als Jessica an Magersucht erkrankte. Ich konnte es kaum fassen, als Gerhard sagte : "Wir sind Gift für unsere eigenen Kinder". In dem Jahr wurde er wieder ernsthaft krank, und die Betriebsärztin der Universität riet ihm, zum Psychiater zu gehen, da sie vermutete, seine häufigen Erkrankungen hätten mit seinen Kriegserlebnissen zu tun.
So kam Gerhard zu Professor Bastiaans, der ihn acht Mal mit L.S.D. behandelte, um seine Kriegserinnerungen wieder hervorzubringen. Danach unterzog er sich einer Psychoanalyse und fing an, seine Jugenderinnerungen und seine Kriegserlebnisse aufzuschreiben.
Jessica begann 1979 ihr Studium in Amsterdam, Eva lebte ihr eigenes Leben mit ihren Freunden, und die kleine Channah machte die ganze L.S.D.-Periode mit; sie sah ihren Vater weinen. Aber sie erlebte wie ich, dass jetzt mehr Offenheit herrschte, da die Vergangenheit, die wie eine Bedrohung im Hintergrund stand, jetzt kein Geheimnis mehr war.
Als 1985 Gerhards erstes Buch, "Strepen aan de hemel, oorlogsherinneringen" herauskam ("Streifen am Himmel. Vom Anfang und Ende einer Reise" 1994 in Deutschland erschienen), bekamen meine Kinder zum ersten Mal zu lesen, was mit ihrem Vater geschehen war.

J.A.P. Durlacher-Sasburg, Haarlem, den 16. August 2001


Lesen Sie hier einen Auszug aus seinem Buch
„Eine Kindheit im Dritten Reich“

Europäische Verlagsanstalt, September 1993
ISBN: 3434500235

Erstellt: 19-01-05
Letzte Änderung: 19-01-05