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27/09/11

"Die Nibelungen" - Drache im Gipswald

Zur TV-Premiere der restaurierten Version von Fritz Langs "Die Nibelungen" auf ARTE


1924 schuf Fritz Lang „Die Nibelungen“, einen Meilenstein der Filmgeschichte und den ersten Blockbuster mit Kunstanspruch. 2010 umfassend restauriert, ist der Stummfilmklassiker jetzt in der Originalfarbe Orange zu sehen – am 3.10. 2011 ab 20.15 Uhr beide Teile in Originallänge exklusiv bei ARTE.

ARTE-Gastautor Daniel Kothenschulte über modernste Tricktechnik und Musik in "Die Nibelungen" (D 1922)

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Als Fritz Lang im Jahr 1924 „Die Nibelungen“ auf die Leinwand brachte, war einer der größten deutschen Filme geboren. Mit dem fast fünfstündigen Zweiteiler entstand ein Phänomen, das noch heute hoch im Kurs steht: der Blockbuster mit Kunstanspruch. Viele Zuschauer werden bei Fritz Langs leinwandfüllend aufgereihten Rittern an George Lucas’„Star-Wars“-Saga denken. Und auch James Camerons Special-Effect-Fantasy „Avatar“ beruht auf dem Erfolgsrezept, das die Macher der „Nibelungen“ schon in den frühen 1920er Jahren kreierten: Eine bekannte Geschichte wird künstlerisch und detailgetreu umgesetzt und spielt dabei alle Schauwerte modernster Filmtechniken aus. Das Ergebnis ist ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk.
Dank der definitiven Restaurierung durch die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung aus dem Jahr 2010 kann man „Die Nibelungen“ jetzt wieder originalgetreu erleben. Der Film, der mit der Siegfried-Sage die populärste Heldensage im deutschen Sprachraum erzählt, war bisher nur in schwarz-weiß zu sehen. In seiner ursprünglichen Fassung jedoch war er orange eingefärbt, wie überlieferte Kopien zeigen. Da keine vollständige deutsche Fassung des Films erhalten ist, wurden fehlende Teile jetzt durch verschiedene Verleihkopien der Zeit und Sicherungsduplikate ergänzt, Zwischentitel digital restauriert. Diese Fassung aus dem Jahr 2010 kommt der Vision von Fritz Lang in Bild und Musik so nahe wie keine andere seit der Premiere im Jahr 1924.

Lange vor Drehbeginn hatten Fritz Lang und seine Stammautorin und Ehefrau Thea von Harbou ein Team von Spezialisten um sich geschart. Drei Monate lang traf man sich in der Berliner Wohnung des Paares. Jede Einzelheit sollte abgestimmt werden: die innovative Kameraarbeit der Bildgestalter Carl Hoffmann und Günther Rittau, die Masken und Kostüme. Der Architekt Otto Hunte, einer der berühmtesten Baumeister seiner Zeit, teilte sich die Arbeit mit dem Architekten Erich Kettelhut und dem erfindungsreichen Bauleiter Karl Vollbrecht. Auch der Komponist Gottfried Huppertz wurde zu Vorgesprächen eingeladen – ungewöhnlich für die Zeit. Zwar war Livemusik in Stummfilmateliers üblich, um den Darstellern zu helfen, in Stimmung zu kommen. Fritz Lang jedoch dachte in größeren Dimensionen. Die Musik sollte gemeinsam mit dem Film entstehen. Das war ein absolutes Novum.

Musik als Schrittmacher. Gottfried Huppertz musste sich mit seiner Vertonung einem hohen Vergleichsmaßstab stellen: Wer kann schon „Die Nibelungen“ trennen vom „Ring des Nibelungen“, dem Erbe Richard Wagners? Tatsächlich klingt Huppertz’ Filmmusik deutlich nach Wagner. In der Schöpfung seiner Themen aber vermeidet Huppertz jede Imitation. Seine Musik unterstützt die malerische Qualität der Inszenierung mit großen klanglichen Tableaus. Sie erweitert die Dimensionen des Filmbildes in den Zuschauerraum, gibt oft den Takt für die Bewegungen der Schauspieler vor – und folgt dem Geschehen punktgenau. Der Dirigent Frank Strobel, der die Musik für die restaurierte Fassung adaptierte, entdeckt im Verhältnis von Bild und Ton folgende Symmetrie: „Gerade bei den ‚Nibelungen‘ ist es so, dass jene Hell-Dunkel-Prinzipien der Bilder, die teilweise wie Gemälde wirken, in der Musik wiederzufinden sind. Man nimmt dies nicht bewusst wahr, aber es entsteht Raumgefühl, Körperlichkeit.“

Modernste Tricktechnik. Die Musik ist nur ein Element in einem perfekten System: Die noch heute erstaunlichen Tricks und optischen Effekte gelten als Meilensteine der Filmtechnik. Architekt Erich Kettelhut fasste das Credo in seinem Buch „Erich Kettelhut – Der Schatten des Architekten“ zusammen: „In den ‚Nibelungen’ ist der Trick immer Mittel zum Zweck, nie Selbstzweck.“ Dramaturgisch fügen sich die Tricks derart organisch in das Geschehen ein, wie es bei heutigen Computereffekten im Spielfilm nur selten der Fall ist. Und manchmal rücken sie das Geschehen ins Symbolhafte. So verwandelt sich ein blühender Kirschbaum in einen Totenschädel. Otto Hunte hatte dazu einen kahlen Baum mithilfe dünner Drähte zu einem Totenkopf verbogen. Darauf befestigte er Zweige und künstliche Blüten – um sie dann, Bild für Bild, wieder zu entfernen. Weit länger suchte man nach einer Idee für die Darstellung des Nebelwalds, in dem Siegfried dem Zwerg Alberich begegnet. Erst als einem Feuerwehrmann zufällig ein Löschgerät zu Bruch ging und sich die weiße Löschmasse über die Kulisse ergoss, war die Lösung gefunden. Bewundernswert ist die Tricksequenz, in der die Zwerge im Gefolge von Alberich langsam zu Stein werden. Um den Trick herzustellen, filmte man lebensgroße Nachbildungen der Zwerge-Darsteller und spiegelte die Aufnahme in das Kamerabild der lebenden Darsteller. Dieser nach seinem Erfinder, dem Kameramann Eugen Schüfftan, benannte „Schüfftan-Effekt“ gehörte bald zu den gebräuchlichsten Filmtricks der Branche.

Das perfekte Ungeheuer. Ein weiteres zentrales Element ist die Ausstattung. „Wir haben tagelang herumexperimentiert, alte Drucke ausgegraben, alte Märchenbücher, sogar japanische Vorbilder genommen“, erinnert sich 1968 Fritz Lang in einem Brief an die Suche nach dem perfekten Ungeheuer.„Ursprünglich hatte das Luder Hörner und eine Art Hirschgeweih. Es gefiel uns nicht. Wir versuchten, vorsintflutliche Dinosaurier uns zum Vorbild zu nehmen.“ Da stellte Lang die Frage, welches Tier besonders furchterregend sei. „Die Antwort war: Schlangen. Und plötzlich hatte unser Drache einen Schlangenkopf ... – und wir fanden es gut!“ Obwohl das Untier über eine in den Kulissen verdeckte Fahrbahn rollte, waren in seinem Inneren sechs starke Männer nötig, um es bewegen zu können. Mithilfe eines im Kopf montierten Blechofens und eines Blasebalgs ließen ihn weitere Helfer drei Meter lange Stichflammen speien.

Wald aus Gips. Um den Drachen herum entstand ein monumentaler Wald aus Draht und Gips. „In einem normalen, naturgewachsenen Wald wäre der Drache deplatziert gewesen“, war sich Architekt Erich Kettelhut sicher, der den gut 15 Meter langen Drachen entwarf. „Der konsequent durchgehaltene Stilwille ist einer der Gründe der Faszination, die der Film bis heute ausübt.“
Die Dreharbeiten endeten mit der Zerstörung der imposanten Kulisse des Palastes von Hunnenkönig Etzel. Am Ende des zweiten Teils der „Nibelungen“ wird der Palast zum Schauplatz eines blutigen Kampfes, in dem schließlich Kriemhild die Ermordung ihres Mannes Siegfried bitter rächt. Zahlreiche Prominente hatten sich 1924 im Babelsberger Studio eingefunden, um dem außergewöhnlichen Schauspiel beizuwohnen. Es herrschte erwartungsvolle Stille, als Fritz Lang persönlich den ersten brennenden Pfeil auf die Kulisse abschoss – und damit gleichzeitig den Startschuss für die Weltkarriere eines Erfolgsfilms gab.


Die Nibelungen (1/2)
Montag 3. Oktober 2011 um 20.15 Uhr
Keine Wiederholungen
(Deutschland, 1922, 144mn)
ZDF

Erstellt: 26-09-11
Letzte Änderung: 27-09-11