Cannes 2004 - Wettbewerb - 23/05/05
Die Kurzfilme im Wettbewerb
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BÉBÉ REQUIN (Frankreich, 15’) von Pascal-Alex VINCENT
BEFORE DAWN (Ungarn, 13’) von Bálint KENYERES
CLARA (Australien, 7’) von Van SOWERWINE
KITCHEN (Frankreich, 14’) von Alice WINOCOUR
MISSING (USA, 14’) von Kit HUI
NOTHING SPECIAL (Neuseeland, 11’) von Helena BROOKS
PODOROZHNI ("Wayfarers" / Ukraine, 10’) von Igor STREMBITSKYY
SCHIJN VAN DE MAAN ("Moonglow" / Belgien, 15’)
von Peter GHESQUIERE
THE MAN WHO MET HIMSELF (UK, 9’) réalisé par Ben CROWE
Kritik: Neun Kurzfilme aus acht Ländern, nur Frankreich ist zweimal vertreten, wogegen von der sehr lebendigen und produktiven deutschen Kurzfilmszene in diesem Jahr keiner dabei ist. Das soll aber nur für die Statistik und der Vollständigkeit halber erwähnt sein, das Schöne am Kurzfilmwettbewerb ist ja gerade, dass man in nur zwei Stunden eine filmästhetische Reise durch viele verschiedene Länder machen kann - und es ist wieder eine schöne und kurzweilige Reise geworden.
Alice Winocour zeigt in „Kitchen“, dass der Versuch, zwei lebende Hummer für’s Abendessen zuzubereiten, eine dramatische Nerven- und Ehekrise auslösen kann, während ihr französischer Kollege in „Bébé Requin“ auf den Spuren von Larry Clarks Filmen („Kids“ oder „Ken Park“), ein Eifersuchtsdrama unter gelangweilten Jugendlichen erzählt, die sich mit zu viel Sex und Videospielen die Zeit vertreiben.
„Nothing Special“ ist eine skurrile Mutter-Sohn-Geschichte, mit schräg-anarchischem Humor, wie man ihn aus Neuseeland nicht unbedingt erwartet hätte, und Kit Hui aus den USA liefert mit ihrer leisen, atmosphärischen Geschichte „Missing“ eine überraschende, aber durchaus einleuchtende Erklärung, warum Frauen manchmal, nur scheinbar ohne Vorwarnung, ihre Männer verlassen.
Mit „Clara“ ist der Animationsfilm würdig vertreten, eine anrührende Puppenanimation in aufwändigem und wunderbar stimmigen Produktionsdesign, das wesentlichen Anteil an der Wirkung der traurigen Geschichte hat.
„Wayfarers“ („Podorozhni“) aus der Ukraine ist ein assoziativer Bilderbogen aus Heimen und Nervenheilanstalten, ohne moralische Anklage, aber vielleicht doch etwas zu beliebig, und der belgische Film „Schijn van de maan“ („Moonglow“) ist trotz seiner magisch-märchenhaften Erzählweise, die in der Anmutung an „Delicatessen“ von Jean-Pierre Jeunot und Marc Caro erinnert, immerhin ein Beitrag mit einer deutlich politischen, antitotalitären Metaphorik.
Formal und filmästhetisch am interessantesten aber sind wohl die beiden Filme „Bevor Dawn“ aus Ungarn und „The man who met himself“ aus dem UK. Der Engländer Ben Crowe konstruiert mit einer faszinierenden Bild- und Sound-Collage ein Vexierspiel um die Identität eines angeblich Gestorbenen, dessen Geschichte sich zwar, zumindest beim ersten Sehen, nicht richtig erschließt, was aber den guten Eindruck im Kino nicht wirklich stört.
Bálint Kenyeres aus Budapest hat sein beeindruckendes, 13-minütiges Flüchtlingsdrama in einer einzigen Plansequenz gedreht. Wie ein distanzierter Beobachter, ohne eine Nahaufnahme, fängt die Kamera hier in einem langsamen Schwenk die ganze Tragik der Flüchtlinge ein, die im Morgengrauen in den wogenden Getreidefeldern der Grenzlandschaft versteckt, vergeblich darauf hoffen, weiter nach Westen gebracht zu werden. Eine gute Idee, ästhetisch adäquat und mutig umgesetzt, und noch dazu verbunden mit eine politisch aktuellen Thematik – „Bevor Dawn“ ist damit bestimmt ein Kandidat für einen Preis.
Die Jury des Kurzfilm-Wettbewerbs, die unter dem Vorsitz des chinesischen Regisseurs Edward Young („Yi Yi“) mit den Regie-Kollegen Chantal Akerman und Yousry Nasrallah, sowie der Schauspielerin Sylvie Testud und dem Kritiker Colin MacCabe hervorragend besetzt ist, darf jedenfalls auf einem hohen Niveau entscheiden.
Thomas Neuhauser
Erstellt: 20-05-05
Letzte Änderung: 23-05-05