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Die Kennedys

„Die Kennedys“ ist sowohl ein Porträt mit zahlreichen Rückblenden, Schlüsselmomenten des persönlichen Erfolgs und Misserfolgs als auch ein Stück Zeitgeschichte.

Die Kennedys

23/07/12

Die Kennedys – eine filmreife Familie

Auf Andy Warhols Bildern findet sich zwischen den Siebdrucken von Marilyns Gesicht und den Suppendosen der Marke Campbell auch Jacqueline Bouvier, spätere Kennedy, genannt Jackie. Auf einer Leinwand von 1963 (Warhol wird später weitere folgen lassen) steht sie vor rotem Hintergrund dem von Berühmtheit und Schönheit besessenen Künstler Modell, in ähnlicher Pose wie Marilyn Modell.

Die Kennedys verkörperten Berühmtheit, Glamour und Träume – eine Neuheit in der Politikszene, und ein nie wieder erreichter Standard. Die ab 26. Juli auf ARTE gezeigte Reihe Die Kennedys (von Jon Cassar, mit Greg Kinnear und Katie Holmes) zeigt die Bindung des Clans an die Medien und seinen Prominentenstatus. Allein schon das Auftauchen einer neuen Serie nach so vielen Filmen und Dokumentationen über den Clan beweist, in welchem Maße die Kennedys gleichzeitig Personen und öffentliche Figuren sind.


Die Kennedys und der Bildschirm: eine organische Verbindung


Die Wahl dieser Familie für eine Fernsehserie liegt nahe“, erläutert Marjolaine Boutet, Dozentin für Zeitgeschichte und Koautorin des Serienführers Sériscopie. „In den sechziger Jahren finden große Umwälzungen im Bereich der Politik statt, und das ist zu großen Teilen dem Einfluss des Fernsehens zu verdanken. Die Bürokraten, also Menschen wie Eisenhower und Truman, die mit Glamour nicht viel zu tun hatten, wurden von John Fitzgerald Kennedy abgelöst: jung, gutaussehend, charismatisch.“


JFK sah nicht nur gut aus, er war auch reich. Er entstammte einer mächtigen großbürgerlichen Familie mit hohen Ambitionen. Während des Krieges wurde er wegen besonderer Verdienste mit Orden ausgezeichnet. Er und die ganze Familie prägten sich ins kollektive Gedächtnis ein, sind wie manche Pop-Ikonen fester Bestandteil des Amerika-Bildes.


Die Verbindung zwischen den Kennedys und dem Fernsehen ist organischer Natur“, erinnert Marjolaine Boutet. In Die Kennedys bezeichnet Frank Sinatra JFK sogar als „Hollywood-Präsidenten“ – tatsächlich ein Milieu, in dem er wacker Wahlkampf führte. Ganz zu schweigen davon, dass der Patriarch der Familie, Joe Kennedy, in den 1920er Jahren als Filmproduzent agierte und seine Söhne mit Erzählungen von Schauspielern und Schauspielerinnen fütterte.


Es ist daher nur logisch, dass der Clan Stoff für zahlreiche Film- und Fernsehproduktionen lieferte. Noch in den 2000er Jahren sind Filme mit JFK aktuell, etwa Thirteen Days mit Kevin Costner oder Bobby mit Anthony Hopkins und Demi Moore.




Das neue Star-System


In den Vereinigten Staaten etabliert sich das Fernsehen Ende der fünfziger Jahre als Massenmedium. „Es tritt die Nachfolge der großen Hollywood-Studios an.“, so Marie-France Chambat Houillon, Fernsehspezialistin, Medienanalytikerin und Mitarbeiterin am Forschungszentrum für Medienbild und -ton (CEISME) an der Pariser Sorbonne-Nouvelle. „Das Kino hat ein ‚Star-System‘ eingeführt, von dem Marilyn Monroe eine der letzten Vertreterinnen war, und das Fernsehen hat das System übernommen, als sein Niedergang einsetzte.


Im Gegensatz zu Hollywood legt das neue Berühmtheits-Schema den Schwerpunkt nicht mehr auf unerreichbare Ikonen wie Greta Garbo oder Marlene Dietrich, sondern auf erreichbare Personen, deren Leben Ähnlichkeit mit dem des Fernsehpublikums hat. Die Kennedys sind eine Art Bindeglied zwischen diesen beiden Star-Welten: reich und mächtig, geben sie doch den Anschein einer Bilderbuchfamilie.


Die Kennedys ließen sich in einem ganz simplen Glück, dem der Familienbande, beobachten, etwa beim Picknick am Strand. Und sie zeigten ihre Kinder vor, man denke nur an das Foto des Sohnes, John Junior, im Oval Office“, ruft Chambat-Houillon in Erinnerung.


Jackie Kennedy hätte eine distanzierte Berühmtheit sein können: elegant und immer auf dem Stand der neuesten Mode. Aber als gute Familienmutter, mit den ihr um die Beine streichenden Kindern, spielt auch sie mit Nähe und Erreichbarkeit, und jeder möchte so sein, wie sie: „Ihr Bild ist in allen Modezeitschriften zu finden, und das ist gleichzeitig auch der Anfang der farbenfreudigen People-Magazine.


Sieg vor der Kamera


John Kennedy hat im Übrigen wie keiner vor ihm das Fernsehen zu seinem politischen Vorteil genutzt. „Eisenhowers Wahlkampf lief 1952 über das Radio und 1956 übers Fernsehen“, erinnert der Medienhistoriker Christian Delporte, der auch eine Histoire de la Séduction politique (Geschichte der politischen Verführung) verfasst hat. Die Verbreitung von Kennedys Wahlkampf über das Fernsehen ist also keine Premiere, aber der junge und gut aussehende Senator ist der erste, der sich des neuen Mediums wirklich zu bedienen weiß.


Es wird allgemeinbehauptet, dass er seinen Sieg über Nixon zum großen Teil dem Fernsehen zu verdanken habe. Historiker sind sich in diesem Punkt sehr uneinig. Während der Debatten von 1960, in denen JFK Richard Nixon gegenüber stand, wirkte ersterer entspannt und strahlend, während sein Konkurrent ängstlich und verschwitzt zu sein schien. Umstrittene – oder gar erfundene – Umfragen unter Zuschauern, die die Debatte im Fernsehen verfolgt hatten, gaben Kennedy als Sieger an, während Radiohörer Nixon als Favoriten gesehen haben sollen.


Kennedy wusste sich dieses Mediums zu bedienen. Er gehörte einer Generation an, die mit dem Fernsehen aufwuchs, sich mit ihm entwickelte.“,so Delporte. „Als Kandidat pflegte er das Medieninteresse besonders über Fernsehjournalisten, ja er umschmeichelte sie. Unter Eisenhowers Präsidentschaft war eine Sitzung des Ministerrat gefilmt und im Fernsehen gesendet worden: die Minister hatten die Antworten auswendig gelernt und die Veranstaltung erschien vollkommen unecht. Bei Kennedy war das etwas anderes, er war in seinem Element.


Während seiner Präsidentenzeit war er häufig im Fernsehen zu sehen. Er hielt Pressekonferenzen ab, die direkt im Fernsehen übertragen wurden, ließ sich auf verschiedene Veranstaltungen begleiten und sorgte für Nähe. Ebenso seine Gattin Jackie. Sie stellte sogar in einer Sendung das Weiße Haus vor, das damals zum ersten Mal von innen gefilmt wurde.


Tragisches Schicksal


Die Kennedys haben das Fernsehen zu ihrem Haus- und Hofmedium gemacht und ihr Schicksal gleicht einer tragischen Saga. Selbst Soap-Operasvon damals hätten kaum ein Szenario gefunden, in der eine Familie so viel Ruhm erntet und zugleich so viele Schicksalsschläge erleiden muss. Der älteste Sohn der Kennedys, der große Bruder von John und Bobby, kam im Zweiten Weltkrieg als Held bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Ihre Schwester Kathleen starb nur wenige Jahre später in Frankreich – ebenfalls bei einem Flugzeugabsturz. Rosemary, eine geistig zurückgebliebene Schwester, wurde mit 23 Jahren einer Lobotomie unterzogen und war fortan schwerstbehindert.


Dann folgten die Attentate: John F. Kennedy wurde am 22. November 1963 auf einer Reise nach Texas ermordet (sein Tod wurde live im amerikanischen Fernsehen übertragen). Fünf Jahre später fiel sein Bruder Bobby, seinerseits Präsidentschaftskandidat, einer Kugel zum Opfer. 1969 hatte ihr Bruder Teddy Kennedy einen Autounfall, bei dem seine Beifahrerin, eine Aktivistin der Demokraten, ums Leben kam. Auch die dritte Generation bleibt von gewaltsamen Toden nicht verschont: JFKs Sohn John Kennedy Jr. und seine Ehefrau starben im Juli 1999 – wieder bei einem Flugzeugabsturz.


Und genau dieses „tragische Schicksal“ setzt der Besonderheit und Strahlkraft JFKs und seines Clans die Krone auf, so Christian Delporte:



Kennedy hatte alle Voraussetzungen, glücklich zu sein, der Clan hatte alles: Schönheit, Macht und Geld. Aber sie waren unglücklich, und was bei Berühmtheiten besonders anziehend wirkt, das sind Tragödien. Ihre Faszination geht auch von diesem Gegensatz aus: sie hätten Göttern gleich sein können, aber sie erlitten das Schicksal von Sterblichen.


Berühmtheit und In-die-Geschichte-Eingehen lassen sich nicht mit einem einzigen Ereignis verbinden“, warnt Nathalie Heinich, Autorin von De la visibilité (Vom Gesehenwerden). „Bei den Kennedys ist das Zusammenspiel all dieser Elemente wichtig.


Und die Legende entstand laut Heinich aus der Rückschau. „Sein früher Tod ist das entscheidende Element. Es entsteht ein Gefühl völliger Ungerechtigkeit. Die Bewunderung der Massen ist dem gegeben, der vom Schicksal ungerecht geschlagen wird. Diese Gabe stellt das Gleichgewicht wieder her.“ So kommt es, dass JFK, Kind des Baby-Booms, mit der Kraft der Jugend dem Abstieg entrinnt, und ewig in seiner jugendlichen Schönheit verbleibt. Und auf den Filmrollen.


Charlotte Pudlowski

Erstellt: 12-07-12
Letzte Änderung: 23-07-12