Tschechien, Deutschland 2005, 100’
Synopsis: Die Bewohner eines Plattenbaus in einem namenlosen, vom Verfall gezeichneten tschechischen Industriestädtchen träumen vom Glück, dass überall, nur nicht bei ihnen zu finden zu sein scheint. Monikas Freund ist zum Arbeiten nach Amerika ausgewandert und Dascha, verlassene Mutter zweier Kinder, sucht Erlösung beim schnellen Sex mit einem Luxusbadewannenverkäufer. Als Dascha in der Psychiatrie landet, kümmert sich Monika um sie, anstatt ihrem Freund hinterher zu reisen. Tonda (Pavel Liska) hilft ihr dabei. Kritik: Melancholischer und rührseliger kann man einen Film kaum beginnen – in einer langen Kamerafahrt zeigt der tschechische Regisseur Bodan Slama zwei alte Frauen in einem maroden Haus, die - begleitet von einem Alten an der Gitarre, das traurige Lied von einem Jüngling singen, der gekommen ist, um die Herzen einiger Burgfrauen mit Liebe zu erweichen.
Eine der Sängerinnen ist Tondas Tante, die in dem heruntergekommenen Bauernhof nahe einer großen Fabrik der neuen Zeit die Stirn bietet – anstatt das Haus ihrer Eltern zu verkaufen, betreibt sie mit ihrem Neffen, dem ungekämmten, Marihuana rauchenden ewigen Verlierer, der viel zu nett ist für die neuen Verhältnisse, einen Schrott- und Kartoffelhandel. Diejenigen Männer aber, die in der neuen Zeit zum Zuge kommen wollen, müssen Geld verdienen in Amerika wie Monikas Verlobter oder zumindest einen dicken Geldbeutel vorweisen können wie Daschas Liebhaber.
Auch die Bewohner eines Plattenbaus – sie sind die weiteren Protagonisten von Slamas in Tschechien äußerst erfolgreich in den Kinos gestarteten Ensemble-Dramas, haben die neue Werteskala inmitten des sozialen Verfalls verinnerlicht. Was zählt, ist der soziale Aufstieg, auch wenn die damit verbundenen Glücksversprechen abstrakt und unerreichbar bleiben. Slamas Sympathien aber liegen bei den Verlierern den Systemwechsels. In einigen ergreifenden Szenen zeigt er, wie zerbrechlich die einstige Solidarität im Plattenbau wird, wenn der soziale und seelische Druck auf die Sensibleren unter ihnen zu stark wird.
Dascha ist so eine Frau, die ihr ganzes Selbstbewusstsein auf der Anerkennung durch ihre männlichen Liebhaber aufgebaut hat. Doch die wollen immer nur ihren Körper. Dascha ist psychisch krank, weiß bald nicht mehr zwischen den Menschen, die ihr gut tun und denen, die ihr schaden, zu unterscheiden und landet in der Psychiatrie. Hier nun wird der Regisseur zum Moralisten – zeigt, wie zur Rettung des Seelenheils der Kinder eine nie für möglich gehaltene Ersatzfamilie entsteht mit Vater und Mutter, die sich von Kindheitsbeinen kennen und daher nicht lieben können. Doch dieses Ersatzglück auf dem Schrottplatz kann vor dem Hintergrund rauchender Fabrikschlote und zahlloser dramatischer Komplikationen nicht lange bestehen.Slamas ganze Aufmerksamkeit und Sympathie gilt seinen beiden Protagonistinnen, die sich inmitten einer neokapitalistischen Machogesellschaft zurechtfinden müssen. Sein Drama ist auch ein Appell an Tschechiens Frauen, das Glück nicht automatisch bei den Alphatieren suchen zu wollen , sondern dasssich auch hinter so manchem Träumer und scheinbaren Verlierer ein Traumprinz verbergen kann.
Martin Rosefeldt






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