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Berlinale 2007 - Panorama - 16/09/08

Happy Desert

Ein Film von Paulo Caldas


0etoiles.jpg.imageData„Happy Desert“ ist ein Film von rauer Schönheit, der Jessicas Weg aus einer Wüste der Wut in eine Wüste aus Beton schildert. Die junge hübsche Frau wird Prostituierte und verzehrt sich in süßen Träumen von einem anderen Leben.

Deserto Feliz
(Brasilien / Deutschland, 2007, 88 Min.)
mit Nash Laila, Peter Ketnath, Hermila Guedes, Zezé Motta, Magdale Alves…


  • Synopsis

Die 14-jährige Jessica lebt mit ihrer Mutter Maria und ihrem Stiefvater Biu in einem Dorf im Osten Brasiliens. Biu arbeitet in einem Weingut und verdient sich mit dem illegalen Verkauf sehr seltener Wildtiere zusätzliches Geld. Eines Tages wird Jessica von Biu vergewaltigt, Maria will jedoch nicht, dass Anzeige erstattet wird. Jessica beginnt sich zu prostituieren und lässt sich von einem Lastwagenfahrer mit nach Recife nehmen. Dort teilt sie sich mit zwei anderen jungen Prostituierten ein Zimmer und führt zwischen Nachtclubs, Strand und bezahltem Sex mit Touristen ein kümmerliches Dasein. In ihren Träumen malt sie sich ein Leben an der Seite des jungen Deutschen Mark in Berlin aus.


  • Kritik

Lange nicht mehr gab es so etwas Schönes, so Morbides. Im Stile des brasilianischen Cinema Novo der 60er-Jahre ist „Happy Desert“ wie ein Nachklang auf den Mythos „Vidas secas“ („Nach Eden ist es weit“, 1963) von Nelson Pereira dos Santos, in dem der Leidensweg einer armen Familie aus dem Nordosten Brasiliens mit Bildern verwüsteter Landstriche, verstummter Männer und zweier leidender Tiere – eines Papageien und eines Hundes – beschrieben wurde. Zum Symbolträger in „Happy Desert“ wird ein Gürteltier, das man aus seinem Nest gerissen und in einen Käfig gesteckt hat, um es zu mästen und später zu verzehren. Natürlich steht dieses Tier für die zwar anmutige aber ebenso zerbrechliche und schutzlose Jessica. Radikal und unbarmherzig erzählt der Film von ihrem Leben und ihren Mädchenträumen. Den roten Faden dafür bildet ein Popsong, den Jessica zu Beginn in ihrem Zimmer vor sich hin summt, der sich dann in den Landschaftsbildern verliert und schließlich wieder in dem heruntergekommenen Zimmer in Recife auftaucht, das sich Jessica mit zwei anderen jungen Prostituierten teilt. Von der trockenen Wüste mit ihren knorrigen Bäumen bis in die Betonwüste ist es nur ein Schritt auf einem langen Weg.

Am Beginn der Erzählung steht ein einschneidendes, aber verleugnetes Trauma. Paulo Caldas filmt Jessicas Vergewaltigung mit brutaler Direktheit und zuckenden Nahaufnahmen. Das ganze Bild ist Schmerz. Wenn es um Sex oder Drogen geht, folgt die Kamera den Bewegungen der Männer aus nächster Nähe, als ob sie sich unmittelbar hinter ihrem Rücken befände oder ihnen im Nacken säße, und verfolgt ihre Sünden, ihre tragischen Taten. Die Bilder der Frauen sind wie mit Weichzeichner behandelt, gnädiger, mitfühlend, wie ein liebkosender Blick, der ihre Schmerzen lindern soll. Paulo Caldas stellt seine Heldin nach dem Vorbild der Jeanne d’Arc von Dreyer wie durch ein Prisma gesehen dar: ein sich ständig veränderndes, ständig neu faszinierendes Gesicht in Nahaufnahme. Jessica verwandelt sich vom strahlenden Kind in eine rätselhafte Frau oder in eine alberne Jugendliche, doch immer mit der Anmut einer geopferten Madonna, die sich im Dschungel der Stadt verliert. Jessica träumt, überall und immerzu, doch dieser Tagtraum vernichtet sie Stück für Stück. Hält einen die Hoffnung wirklich am Leben?

Delphine Valloire

Erstellt: Fri Feb 16 13:28:18 CET 2007
Letzte Änderung: Tue Sep 16 09:55:40 CEST 2008