Schriftgröße: + -
Home > Film erleben > Filmfestival Venedig 2008

Filmfestival Venedig 2008

Erleben Sie das Filmfestival von Venedig, als wären Sie selbst mit dabei gewesen!

> Venedig 2008 > Wenig Worte, viel Bedeutung

Filmfestival Venedig 2008

Erleben Sie das Filmfestival von Venedig, als wären Sie selbst mit dabei gewesen!

Filmfestival Venedig 2008

Venedig 2008 - 04/09/08

Wenig Worte, viel Bedeutung

Marco Bechis Wettbewerbsbeitrag Birdwatchers (***) zeigt eindrucksvoll, was passieren kann, wenn sich die Ureinwohner Brasiliens ihr Land zurückholen, und sich nicht mehr in Reservate abdrängen lassen.

Milk (Süt) (***) läuft ebenfalls im Wettbewerb Venezia 65. Im ländlichen Anatolien überlegt Yusuf, der gerade seine Schule abgeschlossen hat, wohin ihn sein Leben treiben kann und soll.

  • Trailer: " Birdwatchers "
  • Im Gespräch mit Marco Bechis (auf Französisch)
  • Im Gespräch mit Ambrosio Vilhava (auf Englisch)
  • Im Gespräch mit Semih Kaplanoglu (auf Englisch)

Previous videoNext video

BIRDWATCHERS


In Birdwatchers lässt Marco Bechis zwei völlig konträre Kulturen aufeinander treffen: Eine Gruppe Ureinwohner ist ihres Lebens im Reservat überdrüssig. Es gibt kaum Arbeit, und die ausbeuterischen Bedingungen haben schon einige Indios Selbstmord begehen lassen. So beschliessen sie unter der Führung von Nadio Land zu besiedeln, das einst ihren Vorfahren gehört hat. Der dortige Farmer beobachtet diese Entwicklung mit grosser Skepsis, weiß aber nicht genau, wie er dagegen vorgehen soll. Ein Aufstand mit Waffen bahnt sich an: Der Farmer will sein Land verteidigen, die Indios wollen es besetzen. Bechis zeigt vorsichtige Annäherungen zwischen den so unterschiedlichen Menschen. Da flirtet etwa die Farmerstochter mit dem Indio Osvaldo, der einmal Schamane werden soll. Dazu muss er jeden Tag viel beten. Doch das freche Mädchen kommt an dieselbe Wasserstelle zum Baden und lenkt ihn von seiner Aufgabe ab. Immer wieder treffen sich die beiden mehr oder minder zufällig dort. Einmal lernt sie Osvaldo Motorrad fahren, ein andermal "baden" sie gar beide nackt im Wasser.

Das konkrete Zusammentreffen des Farmers und der Gruppe der Ureinwohner ist von Sprachlosigkeit gekennzeichnet. Beide wissen nicht, wie sie miteinander kommunizieren können. Doch die Größe der schweigenden Gruppe, die sich um den Farmer und sein Auto gesellt reicht aus, ihn zum Wegfahren zu bewegen. Birdwatchers verzichtet auf viel Dialog. Er zeigt in aller Ruhe und Ausführlichkeit das Leben in der Gruppe der Indios, deren Pflichten und Aufgaben. Um Osvaldos Berufung zum Schamanen zu verdeutlichen, experimentiert Bechis auf der Tonebene. Osvaldo spürt etwa, wenn ein Mensch sich umgebracht hat. Dann hört er schrille Töne im Kopf, ein unerklärliches Fiepen, das Bechis auch uns hören lässt. Überhaupt zeigt er eine besondere Sensibilität für Töne. Geräusche vorbeifahrender Autos etwa sind sehr deutlich zu hören, Musikfetzen, Motoren. All diese Geräusche scheinen in die Natur einzudringen, für die stellvertretend auch die Gemeinschaft der Indios steht, die versuchen ein möglichst Natur verbundenes Leben zu führen.

Mit der im Film verwendeten Musik teilt Bechis Birdwatchers in zwei Teile. Die Handlungen, während die Indios das Land besetzen, werden von der klassischer Musik Domenicos Zipolis begleitet. Erst später, nachdem die Indios ihre Rituale auf dem besetzten Land angewendet haben und es damit für sich zurückerobert haben, ist die typische traditionelle Musik der Indios zu hören.

BIRDWATCHERS
Von Marco Bechis
Brasilien/Italien 2008, 108 Min.
Mit Abrisio da Silva Pedro, Alicelia Batista Cabreira, Ambrosio Vilhava
Venezia 65

Die Darsteller der Ureinwohner sind allesamt Laien, ihr Spiel ist mehr als überzeugend. Bechi stellt kompromisslos zwei Kulturen nebeneinander. Er versucht nicht, den permanent währenden Konflikt zu lösen. Er macht aufmerksam auf die Unterschiede, aber auch auf die Gemeinsamkeiten der Indios und der Farmer. Obwohl Osvaldo seine schönsten und intimsten Momente mit einem Mädchen mit der Farmerstochter erleben durfte, wird er sie am Ende verfluchen, mit ihrer ganzen Familie. Wie ein wildes verwundetes Tier mit Kriegsbemalung dringt er ein in den Garten des Farmers und stösst Angst erregende Urschreie aus. Bechi zeigt, er wertet nicht. So nah wie im Wasser werden sich die beiden nie wieder sein.

MILK


Milk (Süt) ist der Beginn der "Yusuf"-Trilogie. Egg (Yumurta) zeigte den Protagonisten Yusuf in mittlerem Alter, Milk erzählt die Zeit kurz nachdem Yusuf seine Schule beendet hat, Er sucht nach einem Platz in seinem Leben. Schreibt Gedichte, die wenige lesen, fährt Milch für die Mutter aus, überlegt, ob er in der Fabrik in der Nähe arbeiten soll. In ruhigen Einstellungen zeigt der türkische Regisseur Semih Kaplanoglu das Anatolien, in dem sein Vater geboren wurde. Ein Land zwischen Tradition und Moderne, einem Hin- und Hergerissensein, dem sich auch Yusuf stellen muss. Die Kamera bewegt sich nie, lange verharrt sie auf den Einstellungen. In Milk - wie auch schon in Egg herrscht ein sehr bedächtiges Zeitgefühl. Nichts eilt, Dinge brauchen ihre Zeit. Milk braucht keine schnellen Schnitte und keine bewegte Handkamera um den Zuschauer zu packen, es gelingt ihm schon mit dem Prolog des Films, der fast wie ein eigener kleiner Kurzfilm wirkt. Eine Frau wird über einem Topf mit kochender Milch an einem Ast mit den Füssen aufgehängt. Sie beginnt furchtbar zu husten. Auf einmal kommt eine lebende Schlange aus ihrem Mund gekrochen, sie ist bestimmt einen halben Meter lang. Diese Schlange wird immer wieder auftauchen, sie zieht sich wie eine Art roter Faden durch den Film. Wie auch die Milch, die als Metapher zu verstehen ist.

MILK/SÜT
Von Semih Kaplanoglu
Türkei/Frankreich/Deutschland 2008, 102 Min.
Mit Melih Selcuk, Basak Köklükaya, Riza Akin, Saadet Isil Aksoy
Venezia 65

Milk thematisiert die Mutter-Sohn Beziehung zwischen Yusuf und seiner Mutter. Damit, dass er nun erwachsen ist, entdeckt seine Mutter neben ihrer Rolle als Mutter, auf die sie Jahrzehnte zurückgeworfen war, ihr Frausein. Auf einmal trägt sie die Haare wieder offen, und sie beginnt eine Affäre mit einem Mann, heimlich versteht sich. Auch in diesem Film wird sehr wenig gesprochen, die Bilder stehen für sich, und laden den Zuschauer zu bisweilen geradezu meditativen Beobachtungen ein.

Nana A.T. Rebhan





Erstellt: 02-09-08
Letzte Änderung: 04-09-08