Interview mit Marc Touati - 21/10/08
"Die Europäer sollen die Ärmel hochkrempeln!"
Interview mit Marc Touati, Wirtschaftswissenschaftler und Generaldirektor der französischen Investmentgesellschaft Global Equities
Wie schätzen Sie die Finanzkrise und ihre Konsequenzen für Europa ein?
Die Eurozone - und auch die gesamte EU - ist seit nunmehr rund zehn Jahren das Gebiet mit dem weltweit geringsten Wachstum. Natürlich können wir uns nicht mit China oder den Schwellenländern vergleichen, wo starkes Wachstum auch wegen des Nachholeffekts normal ist. Viel bedenklicher ist der Vergleich mit den Vereinigten Staaten: Das strukturelle Wachstum ist in Europa deutlich geringer. Und genau darin liegt die derzeitige Konjunkturflaute begründet. Die USA hatten noch vor wenigen Quartalen ein sehr starkes Wachstum, und dass die Wirtschaft jetzt einen langsameren Gang eingelegt hat, ist nachvollziehbar. Von Rezession kann noch keine Rede sein. In Europa hingegen, dessen Wirtschaft seit Jahren nur langsam wächst, ist die Rezession bereits angekommen. Für gewöhnlich ist es umgekehrt, d. h. die Konjunkturschwächen schlagen sich erst in den USA nieder und später in Europa.
Das also ist neu an der derzeitigen Krise, die ihren Ursprung in Amerika und genauer in der dortigen Wirtschaftspolitik hat. Die US-Notenbank senkte trotz des schwachen Dollars die Zinsen und verordnete eine Unterstützung der Wirtschaft aus staatlichen Mitteln. In Europa war das genaue Gegenteil der Fall: Der Euro war zu stark, der steuerliche und finanzielle Handlungsspielraum gering. All das führte leider dazu, dass die Eurozone - und die gesamte EU inklusive Vereinigtes Königreich - heute eine starke Abschwungsphase erleben. Nur die osteuropäischen Länder halten noch ein wenig dagegen.
Das Hauptproblem ist, dass ein Ende der Talsohle nicht in Sicht ist. Bestenfalls geht es ab dem Sommer 2009 wieder aufwärts - was sich dann erst sechs bis neun Monate später wachstumsfördernd auswirken wird. Den europäischen Behörden kann man vorwerfen, dass sie die Krise nicht antzipieren wollten. Ein Jahr lang erklärten die Währungs- und Haushaltsinstitutionen sowie die europäischen Regierungen, Europa sei von der Krise nicht betroffen, und es gebe keinen Anlass zur Sorge. Ein Trugschluss.
Die Rettungsmaßnahmen setzen am richtigen Punkt an, kommen aber leider etwas spät. Das ist das wahre Problem der Europäer: Sie sollen die Ärmel hochkrempeln und damit aufhören, ideologischen Dogmatismus vor wirtschaftlichen Pragmatismus zu stellen.
Haben wir tatsächlich Grund zum Optimismus, wenn Jean-Claude Juncker und Jean-Claude Trichet sagen, es werde immer Liquiditäten geben, es gelange weiter Geld in die Wirtschaft, und es werde koordiniert gehandelt?
Man muss es ganz klar sagen: Das europäische Bankensystem ist nicht vom Bankrott bedroht. Man muss damit aufhören, Öl ins Feuer zu gießen, denn die Banken verfügen heute generell über die erforderlichen Mittel, um sich zu erholen. Man sieht ja, dass die Staaten es nie zulassen würden, dass die großen europäischen Banken Konkurs anmelden. So gesehen gibt es keinen Grund zur Panik. Niemand braucht seine Ersparnisse von der Bank zu holen, das ist wirklich unnötig.
Es ist allerdings auch klar, dass die Währungsinstitutionen u. a. versuchen, Liquiditäten in den Wirtschaftskreislauf einzubringen. Wenn wir wirklich aus der Krise herauswollen, dann ist nicht nur das Bankensystem gefragt. Auch die Regierungen müssen sich verpflichten, unnötige Staatsausgaben zu reduzieren – und davon gibt es leider viele! Insbesondere die Betriebskosten, die gerade in Frankreich seit 2002 ungemein angestiegen sind. Wichtig sind jetzt die Koordinierung und der Zusammenhalt auf europäischer Ebene.
Und man muss natürlich die Dinge so sehen, wie sie sind. Diese Krise ist vor allem eine Vertrauenskrise. Es gibt heute weltweit Liquiditäten en masse, von denen man nur nicht weiß, wo man sie anlegen soll.
Angesichts dieser Investitionsangst muss zunächst einmal das Vertrauen wieder hergestellt werden. Eine Garantie der europäischen Behörden, dass es in Europa keine Bankenkonkurse geben wird, schafft die Voraussetzung für einen Neustart.
Es besteht also durchaus Aussicht und Hoffnung auf konkrete Korrekturmaßnahmen. Alles andere wäre eine große Enttäuschung. Mit Enttäuschungen müssen wir leider seit Jahren leben.
Interview: Alexis Fricker
Erstellt: 15-10-08
Letzte Änderung: 21-10-08