
....und im Gegensatz zu letztem Jahr sind alle mit den Entscheidungen der Internationalen Jury und ihrer stilsicheren Präsidentin Charlotte Rampling ganz einverstanden. Grbavica, das beeindruckende Debut der in Sarajevo aufgewachsenen Jasmila Žbanić war zwar nicht eindeutig favorisiert, aber in einem insgesamt korrekten, wenn auch nicht wirklich starken Wettbewerbsprogramm mit in der engeren Wahl. Auch die Darstellerpreise für Sandra Hüller (Requiem) und Moritz Bleibtreu (Elementarteilchen), sowie der Preis für eine besondere künstlerische Gesamtleistung, der an Jürgen Vogel für Der freie Wille ging, sind sicher weitgehend unumstritten. Der Regiepreis für Michael Winterbottoms halb-dokumentarische, konsequente und keineswegs nur gegen Amerika gerichtete Anklage The Road To Guantanamo, geht an einen mutigen Film, in dem allerdings die eigentliche Regiearbeit gegenüber der Geschichte eher in den Hintergrund tritt.
Aber gerade unter rein künstlerischen Gesichtspunkten, enttäuschten - abgesehen von Robert Altman (A Prairie Home Companion) - besonders die großen alten Meister wie Sidney Lumet (Find Me Guilt, mit dem völlig fehlbesetzten Vin Diesel) und Claude Chabrol (L’Ivresse Du Pouvoir) und sogar Terence Malick (The New World) durch Mittelmäßigkeit. Wo es keine klaren Favoriten gibt, kann man wohlwollend von einem ausgeglichenen Festival sprechen, man kann aber auch fragen, wo denn die Filme sind, die einen aus dem Kinosessel reißen, oder an ihn fesseln, und die über den Tag hinaus Wirkung zeigen, weil sie Gefühl, Verstand und Seele gleichzeitig ansprechen. Es fehlten also, um einen Begriff aus der Ökologie zu verwenden, die nachhaltigen Filme. Um so rätselhafter erscheint es, warum ein so starker Film, wie Das Leben der anderen von Florian Henckel von Donnersmarck, der zum besten gehört, was bisher über die untergegangene DDR und das Stasi-System gedreht wurde, für die Berlinale abgelehnt wurde, während die nette, aber harmlose DDR-Liebesgeschichte Der rote Kakadu von einem hier unter seinen Möglichkeiten bleibenden Dominik Graf, in der Panorama-Reihe lief. Diese Ablehnungsbegründung hätte man wirklich gerne einmal erfahren.
Spannendes passierte aber am Rande, wo die Revolution der Projektionstechnik in die Kinosäle der Berlinale Einzug hielt. Der chinesische Wettbewerbsfilm Wuji von Chen Kaiige wurde nicht mehr von einer Filmrolle, sondern voll digitalisiert nur noch von einer Festplatte auf die Leinwand projiziert, und wenn das schon so gut funktioniert, dass es kaum jemand bemerkt, bedeutet das für das Kino nicht nur in technischer Hinsicht gravierende Veränderungen.Es war eine Berlinale mit vielen guten, aber kaum herausragenden Filmen, und wenn man sich die gerade gemeldeten ersten Teilnehmer des Filmfestivals in Cannes anschaut, klingt das nach einem vielversprechenderen Wettbewerb: Francis Ford Coppola und Sofia Coppola sind mit ihren neuen Filmen dabei, David Lynch und Aki Kaurismäki, Almodovar und Kim Ki-Duk. Aber auch in Cannes und mit diesen Namen ist man ja nicht vor Enttäuschungen sicher.
Thomas Neuhauser
Die 150.000 verkauften Eintrittskarten (10.000 mehr als im vorigen Jahr) bestätigen, dass die Berlinale, die vom internationalen Kino erneut einen beeindruckenden Überblick lieferte, geradezu in Hochform ist. Im Rahmen eines florierenden Marktes wurden hier beinahe 650 Filme präsentiert, verkauft oder ausgetauscht, wobei der Wettbewerb 2006 im Duurchschnitt von guter Qualität war.
Die Ungereimtheiten vom vorigen Jahr, als Roland Emmerich der Jury vorstand, mussten dieses Jahr dem bezaubernden Lächeln Charlotte Ramplings weichen, als sie mit erkennbarem Stolz die Vergabe des Goldenen Bärs an Grbavica bekannt gab. Dass der wichtigste Preis des Wettbewerbs gerade an diesen Film geht, entspricht ganz den Vorstellungen Dieter Kosslicks, der ein "politisches" Festival beabsichtigte, und ist als Zeichen einer neuen Entwicklung zu deuten: als Regie-Debüt einer jungen Frau, die die für eine Mutter und ihre Tochter traumatischen Folgen des Bosnien-Krieges anprangert, ist dieser Film zweifelsohne einen Goldenen Bär wert.Auch wenn Jasmila Žbanić in ihrer Rede zum Krieg, auf den von ihm zugefügten, noch lange nicht überwundenen Leid und auf die zögernde Haltung des alten Europas hindeutete und damit die politische Dimension ihres Filmes hervorhob, bleibt Grbavica in filmischer Hinsicht von grosser Qualität. Dieses Regie-Debüt kennzeichnet sich nämlich durch eine meisterhafte Inszenierung und Darsteller-Führung, die die Talente der Schauspieler hervorragend ins Licht stellt, und dabei Gefühle und universelle Leitmotive -wie die Liebe einer Mutter zu ihrer Tochter- auf äusserst subtile Weise vermittelt.
Dass bestimmte Preise gleich an zwei Filme gingen, zeugt auch davon, dass die Berlinale von nun an bestrebt ist, nicht nur bewährten talentierten Autoren (Jafar Panahi für Offside) sondern auch jungen Talenten (Eine Soap, erster Film von Permille Fischer Christensen ) entgegenzukommen. Die Preisvergabe an Eine Soap, einen dänischen Film, der mit einem Budget von 10.000 Euro auskam, wirkt wie ein sympatischer Ansporn für ein Werk, das allerdings genauso ärmlich vorkommt wie sein Budget. Indem Jafar Pahani mit Offside sich mit einem heiklem Thema befasst (dem nur für Frauen geltende Verbot, sich ein Fussballspiel anzusehen, als Illustration der täglichen Unterdrückung der Frauen im Iran), gelangt er zwar in den Bereich der Komödie, bietet aber damit ein Werk, dessen Stellenwert weit hinter seinen vorigen Le Cercle und Sang et Or liegt.
Genauso enttäuscht ist man von The Road to Guantanamo, der zwar den Preis für die beste Regie (an Michael Winterbottom) bekam, dennoch als einziger Fehlgriff der Jury vorkommt: The Road to Guantanamo repräsentiert die heutige Entwicklung der Filmproduktion, die daraus besteht, unordentliche und sich der MTV-Ästhetik annähernde Filmaufnahmen grob zusammenzufügen. Zwar geht es darum, absolut verwerfliche Ereignisse zu schildern, aber wo bleibt dabei die Intelligenz und die Mühe um eine anspruchsvolle und geschickte Inszenierung? Hätten sich Godard oder Wenders mit Guantanamo befasst, hätten sie die Worte gefunden, die Winterbottom fehlen, und anstatt die Lage grob zu karikieren, hätten sie die notwendige und erforderliche Distanz bewahrt. Wie dem auch sein, The Road to Guantanamo, der einzige auffällige Fehlgriff der Preisverleihung, hat in Deutschland ohnehin keine Schlagzeilen gemacht: ausnahmsweise benahmen sich unsere deutschen Freunde etwas chauvinistisch und lobten unentwegt die Verleihung dreier Silberner Bären an deutsche Schauspieler: Sandra Hüller, geradezu genial in Requiem, Moritz Bleibtreu in Elementarteilchein und Jürgen Vogel im erstaunlichen Der Freie Wille.
ARTE erfreut sich seinerseits ebenfalls dreier Preise: zwei Jahre nach dem Goldenen Bär für Head on von Fatih Akin und ein Jahr nach dem Silbernen Bär für Julia Jentsch in Sophie Scholl - die letzten Tage wird der kleine Sender, der Autoren-Film produziert, mit drei Bären geehrt (Grbavica, Requiem und Der Freie Wille).
Olivier Bombarda






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