Ähnlich fragmentarische Inhaltsangaben lassen sich zu vielen Kurzfilmen finden, die auf diesem Festival zu sehen sind. Überraschend ist dies keineswegs, hat sich Oberhausen – das weltweit größte Kurzfilmfestival - doch von jeher dem eher experimentellen Kurzfilm verschrieben, der mehr mit Kunst als Kommerz liebäugelt.
Dies wird einem spätestens beim offiziellen Festivaltrailer klar, der vor jedem Kurzfilmblock zu sehen ist, und für den der kanadische Multimediakünstler Benny Nemerofsky Ramsay verantwortlich zeichnet. Dieser hat sich selbst gefilmt, auf einer geblümten Bettdecke liegend, den I-Pod im Ohr. Aus dem Off hören wir eine sehr entschieden klingende Frauenstimme, die auf Englisch sagt: „Nicht deine Intelligenz wird in Frage gestellt, auch nicht deine Motivation. Aber du wirst nicht weiterkommen, bevor du deine psychologischen Fesseln abwirfst.“ Dann beginnt sie wie hypnotisierend wieder von vorn: „Nicht deine Intelligenz wird in Frage gestellt...“ Es liegt an jedem einzelnen Zuschauer, die Bedeutung dieser kreativen Botschaft zu enträtseln. Auf diesem Festival ist Mitdenken angesagt – das beginnt schon beim Trailer.
In einer einzigartigen Retrospektive ist das Gesamtwerk des 76-jährigen amerikanischen Avantgarde-Künstlers Robert Nelson zu sehen, das seit fast einem Jahrzehnt der Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich war. Vor einigen Jahren zog dieser sich in die Berge Nordkaliforniens zurück. Dort lebt er heute, schwer zu erreichen und ohne Internet. Für einen seiner bekanntesten Underground-Filme OH DEM WATERMELONS (1965) – einer schrägen Attacke auf den Rassismus mit Hilfe in Absurde übersteigerter Klischees - erhielt er 1966 in Oberhausen den Preis für „den verkannten Film des Festivals.“ Das war vor 40 Jahren. Heute versucht der Filmemacher, seine frühen Werke – deren Farbe verbleicht – zu retten. Nicht selten zerstört er sie dabei auch, unersetzbare Originale. Man mag seine Ansicht nicht unbedingt teilen, doch Robert Nelson pocht auf sein Recht: „Solange ich der aktive und engagierte Verwalter dieses Werks bin, kann ich meinem Impuls folgen, dass ich verdammt noch mal tun kann, was ich will, und zwar jederzeit. (...) Auch wenn ich alt bin, bin ich noch nicht tot, und ich lasse mir diese Option für jeden einzelnen Film offen. Ich kann sie ändern, zerstören, tun was immer ich möchte.“ 17 seiner Werke waren in Oberhausen zu sehen, einige vielleicht zum letzten Mal. Darunter ein „Video“ aus dem Jahre 1968, mit den Grateful Dead - als sie noch nicht bekannt waren – und einer der ersten Filme Nelsons, PLASTIC HAIRCUT (1963), bei dem das Minimalismus-Genie Steve Reich – damals noch ein unbekannter Taxifahrer – die Musik beisteuerte. Ein weiterer Schwerpunkt des Festivals war die Reihe „Radical Closure“, zu der elf unterschiedliche Programme gehörten. Welche Funktion haben Filme und Videos in einer Welt der politischen Spannungen und der militärischen Mobilmachung? Unter anderem sind hier diverse Werke zu sehen, die im Nahen Osten spielen, einem der Hauptschauplätze ständiger Kriege. Doch auch der Alltag innerhalb abgeschlossener Staaten ist Thema des Programms. Hier wurden Arbeiten u.a. aus Zypern, Ägypten, Israel, Palästina, Syrien, Iran und der Türkei gezeigt.
Die MuVi Reihe bot in zwei Programmen (deutsch und international) ein Best Of der Musikvideoproduktion des vergangenen Jahres. Bei den deutschen Videos gab es drei Preise zu vergeben, doch die Jury, Jeremy Boxer (Fotograf, Kurator, Filmemacher und einer der Mitauswähler beim RESFEST in London), Melissa Logan (Mitglied der Hamburger Band „Chicks on Speed“) und Mika Taanila (finnischer Künstler und Regisseur) stand dabei vor einem Problem: Die drei waren sich einig, dass keines der zehn im Wettbewerb angetretenen Videos von so herausragender Qualität war, dass es einen ersten Preis verdient hätte. Also entschlossen sie sich, nur zwei zweite Preise und eine lobende Erwähnung zu verleihen.
Einen zweiten Preis bekam Corinne Stübi für „Black Lead“ von Death in Vegas. Das Video ist im Split Screen-Verfahren gedreht. Der Ort: Eine Tiefgarage. Ein kleines Mädchen im rosa Kleid rollt einen goldenen Fußball vor sich her. Sie bückt sich, um ihn aufzuheben. Da setzt ein Loop ein, der das Mädchen den Ball nie ganz aufheben lässt. Ältere Frauen - in den gleichen kindlichen Kleidchen – erscheinen und halten das Mädchen an der Hand. Eine schwarze Limousine nähert sich. Bremst vor den Frauen, fährt weiter, kommt mit hohem Tempo zurück. Die geheimnisvolle, unheimliche Handlung wird nur angedeutet, nie zu Ende erzählt. „Black Lead“ spielt mit den Assoziationen des Zuschauers, der zu viele Filme gesehen hat, in denen schwarze Limousinen Unheil bedeuteten. Den anderen zweiten Preis erhielt Markus Wambsganss, der sich die Siebdrucke Andy-Warhols zum Vorbild genommen hat. „It’s All Blooming Now Mt. Heart Attack“ von den Liars inszenierte er mit sehr geringen Mitteln, indem er ein Porträt des Sängers auf diverse Arten in seinem Computer bearbeitete.
Die Internationale Reihe präsentierte dreizehn Highlights des letzten Jahres. Trends und Tendenzen sind hier schwer auszumachen, man hat das Gefühl „anything goes“, was natürlich auch an der subjektiven Auswahl der Festivalmacher liegen kann. Gerne lässt man sich von den extrem unterschiedlichen Stilen überraschen. Visuell faszinierend ist „Birds“ von Vitalic - Pleix zeichnet verantwortlich. Hier fliegen Hunde wie Vögel in Zeitlupe durch den Raum, die Gesetze der Schwerkraft sind aufgehoben. Szene-Darling Michel Gondry darf natürlich nicht fehlen, er hat sich zu „The Denial Twist“ von den White Stripes etwas Besonderes einfallen lassen: Wie im Märchen ist hier alles möglich: Dinge sind verfügbar, die Proportionen in den Räumen verschieben sich, alles ist spielerisch. Doch die Stripes sind nicht aus Zucker, wir befinden uns immer noch im harten Mediabizz. Arni&Kinski lassen in „HoppiPolla“ zu Sigur Rós alte Menschen wie Alt-Punks durch die Strassen fegen. Sie spielen sich und ihren Mitmenschen lustige Streiche, bekriegen sich mit Holzschwertern und sind alles andere als die braven Alten. Die Berliner Künstlerin Ellen Allien hat den Schweizer Jonas Meier für ihr neues Video Cevapcici beauftragt. Hier spielen fettleibige Metzger Ping Pong mit Cevapcici-Würstchen, die sie mit ihren enormen Bäuchen in Zeitlupe durch die Luft wedeln. Ein skurriler Genuss. Auch Chris Cunningham darf hier nicht fehlen. Für sein Video „Rubber Johnny“ zur Musik von Aphex Twin hat er sich selbst in den Rollstuhl gesetzt. Er trägt eine riesige Wasserkopfprothese, und bewegt sich rasant zur Musik, während er mit Laserstrahlen beschossen wird. Gedreht wurde im Night-Shot-Verfahren, was ihm und seinem kleinen Hund ein sehr gespenstisches Aussehen verleiht.
Selbstverständlich gab es auch einen deutschen und einen Internationalen Wettbewerb, bei dem es diverse Preise zu gewinnen gab, u.a. den Preis der Internationalen Jury, den Großen Preis der Stadt Oberhausen, den Preis der FIPRESCI, den Preis der Ökumenischen Jury, den Preis der Jury des Ministerpräsidenten u.v.m. Auch ARTE stiftete einen Preis, mit 2.500 Euro dotiert. Dieser ging an den 13-minütigen Kurzfilm CASIO, SEIKO, SHERATON, TOYOTA, MARS von Sean Snyder, ein aufschlussreiches Filmessay, indem die sich verändernde Rolle des Fotojournalismus genau beobachtet wird.
Neu in diesem Jahr war das „Podium“, ein täglich stattfindendes Festival-Diskussionsforum, offen für alle, für Festivalgäste genauso wie für die Bewohner Oberhausens. Zu Themen wie „Kulturklima 2006“, „Artists as Agents of Vision“ oder „Bewegte Bilder zum Verkauf“ bot sich hier die Möglichkeit, mit Experten zu diskutieren. Festivaldirektor Dr. Lars Henrik Gess formuliert sein Anliegen für „sein“ Festival: „Die Aufgabe besteht darin, einen Ort zu finden, an dem die Zuschreibungen und Zurichtungen des Marktes (noch) nicht greifen, einen Ort, an dem es keine Rolle spielt, wer man ist, ob man angesagt ist und sich gut verkauft, einen arkadischen Ort, möchte man fast denken, an dem sich die Werke begegnen können, ohne an ihrem Wert bemessen zu werden, den sie außerhalb dieses Ortes haben.“ Ein nicht gerade bescheidenes Anliegen gerade heutzutage, möchte man meinen - aber das Festival ist auf einem guten Weg dorthin. Nana A.T. Rebhan






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