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Synopsis: Das Ende einer Herrschaft – der sozialistische Staatspräsident François Mitterrand zieht in das letzte Gefecht im Kampf gegen seine Krankheit. Ein junger Journalist versucht, ihm seine Erkenntnisse über das Leben zu entlocken…
Kritik: Schon seit einigen Jahren hatte Robert Guédiguian an der Idee Gefallen gefunden, an einem etwas anderen Projekt zu arbeiten. Er wollte weg von seinen üblichen Drehorten in der Nähe von Marseille, wo er ein Dutzend Kinofilme produziert hatte, was ihm beim französischen Publikum hartnäckig den Beinamen „Filmemacher des Südens“ einbrachte. Deswegen wollte Guédiguian eines Tages mit Hilfe eines Produzenten, der ihn beim Beschreiten unerforschter Pfade anleiten sollte, ein „gewagtes“ Thema angehen. Sein langjähriger Freund, der Produzent Frank Le Wita, erfüllte ihm den Wunsch Guédiguians und bot ihm die Adapatation der (berüchtigten) Biographie des späten Mitterrand von Georges-Marc Benamou an („Le Dernier Mitterrand“, 1997). Der Journalist und Schriftsteller arbeitete von Anfang an gemeinsam mit Gilles Taurand am Drehbuch, das sich auf seine Biographie stützt.
Nachdem der Biograph mit dem Buch den Zorn der Angehörigen von François Mitterrand auf sich zog ( - Mazarine Pingeot bezeichnete es als „verleumderisch und verabscheuenswürdig“, Pierre Bergé, „als totalen und absoluten Verrat“ - ), beeilte sich Frank Le Wita, vor der Presse das Vorhaben als einen „bewusst nicht skandalösen“ Film anzukündigen. Dennoch gelang es Le Wita nicht, die Befürchtungen von Roger Hanin und Michel Charasse zu zerstreuen, die schon vorab verlangten, in dem Film nicht erwähnt zu werden.
„Le Promeneur du Champ de Mars“ respektiert detailgenau die Intention der Verfasser und bietet zugleich auch eigene Perspektiven. So löste sich Guédiguian wo immer möglich vom Faktischen, um auf jeden Fall eine historische Rekonstruktion zu vermeiden; nur wenige Ereignisse bilden hier eine Ausnahme wie z.B. Mitterrands berühmte Rede beim Parteitag 1994 in Liévin. Auch Mitterrands Entourage wird in dem Film praktisch ausgespart. Der Regisseur filmte auch ehr vor nüchterner Kulisse an Stelle der barocken Einrichtung der Säle und Arbeitsräume des Elysée-Palastes. Guédiguian konzentrierte sich fast ausschließlich auf die „Meister-Schüler-Beziehung“ zwischen dem Präsidenten und der fiktiven Person des Antoine Moreau (Jalil Lespert) und wählt damit einen sicheren Weg, um jeder Kritik standzuhalten und einen ehr universellen Diskurs zu führen.
Trotz einer zuweilen frappierenden äußerlichen Ähnlichkeit, die durch den Hut und den schwarzen Mantel noch unterstrichen wird, wirkt Michel Bouquet in der Rolle des Mitterrand nie wirklich so, dass es zu einer Verwechslung mit der historischen Persönlichkeit kommen könnte. Hingegen haben sich der Regisseur und der Schauspieler voll und ganz die Gestalt des Königs im shakespearschen Sinne zu eigen gemacht – ein geschwächter Monarch, der sich nicht von der Krankheit geschlagen geben will. Voller Stolz bäumt sich der erhabene Meister gegen sein unausweichliches Schicksal auf, und findet darin sogar eine gewisse Freiheit. Konfrontiert mit dem Verfall versucht der Schüler Moreau, von ihm die letzten Weisheiten über den „Traum von der Gleichheit“ zu erfahren; dabei muss er schmerzlich erleben, dass es einer Unterjochung gleich kommt, das geistige Erbe eines erfahreneren, geschickteren und intelligenteren Mannes anzutreten zu wollen. Wenn der Zuschauer am Ende - wie Jalil Lespert im Film – zutiefst erschüttert ist angesichts des bröckelnden Bildes dieser symbolträchtigen Figur, hat Guédiguian sein Ziel erreicht: Immer wieder und unermüdlich stellt der überzeugte Sozialist, bevor es zu spät ist, dieselbe Frage auf seiner Suche nach einer Alternative zum globalisierten Kapitalismus.
Olivier Bombarda
Synopsis: Die letzten Tage der Regierungszeit und des Lebens von François Mitterrand, des sozialistischen Präsidenten. Ein junger Journalist, der das Vertrauen Mitterrands gewonnen hat, versucht besessen, ihm die letzten Weisheiten und Geheimnisse seiner langen politischen Karriere zu entlocken.
Kritik: Er sah sich selbst als der letzte große Staatsführer der ‚Grande Nation’, in einer Linie mit den berühmten Kaisern und Präsidenten seines Landes. Nach ihm, so erläutert François Mitterrand der fiktiven Figur des jungen Journalisten Antoine (Jalil Lespert), die seine Lebensbeichte aufzeichnen soll, würden nur noch Buchhalter und Bürokraten an die Macht kommen, in einer globalisierten, ganz und gar von der Macht des Geldes Geld durchdeklinierten Welt. Was bei anderem Politikern anmaßend oder größenwahnsinnig klingen könnte, dass kommt dem fiktionalisierten Mitterrand beinahe bescheiden und mit prophetisch anmutendem Charisma von den Lippen. Ist es nun der Haltung des Regisseurs Robert Guédiguian zu verdanken, dass der sterbende, alte Mann nach Betrachtung des Films als aufrichtig handelnder Staatsmann in Erinnerung bleibt, trotz zwiespältiger Erinnerungslücken, die mit seiner Vergangenheit im Vichy-Régime (und insbesondere mit einem auf einen Fotografie festgehaltenen Handschlag mit Marechal Pétain) zusammenhängen, oder dem großartig auftretenden Charakter-Darsteller Michel Bouquet? Beides hängt eng unmittelbar miteinander zusammen. Robert Guédiguian, der bisher vor allem das Leben der kleinen Leute in seiner Heimatstadt Marseille porträtierte, nähert sich dem einsamen, egozentrischen Staatsführer, dem letzten europäischen Verkünder einer sozialistischen Staatsidee, mit großer Zurückhaltung und dennoch unverhohlener Sympathie. Im Angesicht des Todes scheinen bei Mitterrand Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einer einzigen Zeit zu verschmelzen. Einer Zeit des Zweifels, in der die Menschen gleich geworden sind und der alte Herr bei aller Diskretion tiefe Einblicke in seine Gedankenwelt gewährt. Er schwärmt von den tausenden Schattierungen des Graus, von gutem Essen, von den schönen Beinen Julia Roberts und ist dabei seinen politischen Überzeugungen und alten Freunden treu geblieben. Michel Bouquet, der im Kino vor allem als tragikomisch oder lächerlich scheiternder Bourgeois in zahlreichen Claude-Chabrol-Filmen in Erinnerung geblieben ist, geht in dieser seiner vielleicht größten Rolle völlig auf, so dass es am Ende trotz nicht eben großer physiognomischer Ähnlichkeit schwer fällt, den Schauspieler nicht mit seiner Rolle zu verwechseln.
Sich dem enigmatischen Charisma des Präsidenten zu entziehen und in seiner eigenen Welt zu bestehen , fällt dem Journalisten Antoine zunehmend schwerer. Seine Ehe gerät trotz Kind in die Brüche, die Zweifel an seinem Tun häufen sich. Dieser Antoine ist eine Kunstfigur Guédiguians, die weniger dem Mitterrand-Biographen und Drehbuchautoren Georges-Marc Benamou geschuldet, als vielmehr der Notwendigkeit ist, ihm mit einem Gegenüber zu konfrontieren, an dem sich die Erinnerung und das Gewissen des Präsidenten abarbeiten kann. Wenn dieser Film auch für einige enttäuschend weder das Geheimnis seiner Rolle im Vichy-Regime, noch sein Liebesleben, noch die Beziehung zu seiner unehelichen Tochter offen zu legen vermag, so vermittelt sich durch Guédiguians feingliedrige Inszenierung und die Schauspielkunst Michel Bouquets doch ein tieferes Verständnis für das Wesen eines Mannes, der sich innerhalb der sozialistischen Traditionen seiner Partei bewegte, sich darüber hinaus aber auch als Nachfolger der französischen Könige verstand..
Martin Rosefeldt






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