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Das ARTE Magazin - 21/08/08

Der neunte Tag

ARTE Themenabend


Kirche unterm Hakenkreuz
Freitag • 6. April • 20.40
Der neunte Tag
Spielfilm • 20.40
Kurt Gerstein – Zeuge der Wahrheit
Dokumentarfilm • 22.15
Pfarrer für Hitler – Kirchenmänner unterm Hakenkreuz
Dokumentation • 23.30

Im Duell mit dem Teufel
Volker Schlöndorff wollte einen ganz anderen Film über das Dritte Reich machen. In „Der neunte Tag“ erzählt er die Geschichte einer Versuchung. Ein Gespräch mit Regisseur und Hauptdarstellern.

Im Jahr 1942 bekommt der im KZ Dachau internierte Pfarrer „Abbé“ Henri Kremer (Ulrich Matthes) neun
Tage Hafturlaub. Was sich wie ein Wunder anhört, ist Kalkül der Nationalsozialisten. Zu Hause in Luxemburg muss sich der Pfarrer jeden Tag bei der Gestapo melden. Dort will ihm der aalglatte Untersturmführer Gebhardt, gespielt von August Diehl, eine Unterschrift entlocken, mit der die Luxemburger Kirche die Ziele der nationalsozialistischen Kirchenpolitik gutheißt. Kremer ist in einem Gewissenskonflikt: Unterschreibt er, kommen er und seine Mithäftlinge frei, tut er es nicht, muss er zurück nach Dachau. An Flucht ist nicht zu denken: Sie würde für Kremers Mithäftlinge und seine Familie die umgehende Exekution bedeuten. Zwischen Pfarrer und Gestapo-Chef kommt es zu einem argumentativen Duell. Was für den einen Verrat am eigenen Glauben ist, ist für den anderen Teil einer göttlichen Mission – denn schließlich, so das Argument des Gestapo-Manns, hätte es ohne Judas auch kein Christentum gegeben …

ARTE: Herr Schlöndorff, Sie haben gesagt, in Ihrem Film ginge es nicht um die „berühmte Bewältigung der Nazizeit“. Worum geht es dann?
Volker Schlöndorff: Es geht um die Frage: Gibt es eigentlich irgendetwas, an das ich so stark glaube, dass ich es selbst dann nicht aufgeben würde, wenn es mich das Leben kostet? Die Frage ist zeitlos. „Der neunte Tag“ schildert die Erfahrung eines einzelnen Priesters in einer Extremsituation. Dieser Mensch ist wie in Großaufnahme beschrieben, völlig nüchtern, unpathetisch und ohne große Worte. Aber so genau beobachtet, dass man sich gut in ihn hineinversetzen kann. Am Ende werden, wie bei einem Ringkampf über mehrere Runden, ununterbrochen Argumente ausgetauscht. Ohne viel zu denken versteht man, dass jedes Argument ein Schlag ist, um den Gegner niederzustrecken. Das Publikum muss nicht unbedingt die Judas-Problematik in all ihren theologischen Verästelungen nachvollziehen, um zu begreifen, dass es hier um Versuchung geht.

ARTE: Acht Jahre dauerte es, bis Sie sich nach dem Film „Der Unhold“ wieder mit dem Thema Nationalsozialismus auseinandersetzten. Worauf kam es Ihnen an?
Volker Schlöndorff: Ich sagte mir, wenn ich schon noch einmal einen Film über diese Zeit drehe, dann muss er anders sein als die üblichen Darstellungen. Die wichtigste Regel lautete: kein Hakenkreuz, nirgends, auch keine Hakenkreuzfahne, im ganzen Film.

ARTE: Eine wird gespiegelt, ganz kurz.
Volker Schlöndorff: Ja, das stimmt – und die sollte trotz allem wirken. In Luxemburg, dem Heimatland des Pfarrers Kremer, hängt plötzlich eine. Noch etwas ist, wie ich finde, außergewöhnlich: Mit August Diehl als Untersturmführer zeigt man nicht den üblichen blonden Bösewicht, sondern jemanden, der von seiner Sache zutiefst überzeugt ist.

ARTE: Herr Diehl, Sie spielen den Gestapo-Chef Gebhardt. Wie haben Sie in die Rolle hineingefunden?
August Diehl: Durch den Film „Birkenau und Rosenfeld“, den ich unmittelbar vorher gedreht hatte, steckte ich schon ziemlich tief im Thema Nationalsozialismus drin. Über ein Jahr hinweg hatte ich mich damit
beschäftigt. Wie übrigens auch Ulrich Matthes durch seine Rolle in „Der Untergang“. Es war trotzdem ein Glück, dass wir vor Drehbeginn anderthalb Wochen lang proben konnten. Für mich war das eine intensive Vorbereitung – auch, weil ich anfangs nicht recht wusste, was dieser Gebhardt für ein Mensch sein soll. Er befindet sich ja in diesem Konflikt, einerseits gläubiger Katholik und andererseits Nationalsozialist zu sein.

ARTE: Gebhardt ist jung und intelligent – jedoch alles andere als sympathisch.
August Diehl: Ihm fehlt das, was Abbé Kremer hat. Etwas, das sich einfach anhört, aber doch schwierig ist: Zivilcourage. Gebhardt versucht, mit dem fertig zu werden, was er im Lager im Osten gesehen hat, und er sucht jemanden, der ihn von dieser Last befreit und ihm somit eine Art Ablass gibt. Kremer zu überzeugen, bedeutet für Gebhardt deswegen nicht nur einen Karrieresprung, sondern ist für ihn persönlich sehr wichtig, um seinen eigenen Seelenfrieden zu finden.

ARTE: Herr Matthes, sie spielen die zentrale Figur: den KZ-Häftling und Pater Henri Kremer. In „Der Untergang“ waren Sie zuvor als Joseph Goebbels zu sehen. Sind diese beiden Rollen nicht unvereinbar?
Ulrich Matthes: Ich bin einerseits dankbar dafür, dass ich als Schauspieler gleich bei zwei solchen Projekten dabei sein durfte und fand andererseits die Tatsache erschreckend, sich innerhalb kürzester Zeit so unmittelbar in das Thema Nationalsozialismus einarbeiten zu müssen. Wobei mir dieses Thema ein Anliegen ist, seitdem ich mich als politisch denkendes Wesen empfinde. Joseph Goebbels zu spielen, sich intuitiv diesem Menschen überlassen zu müssen – das fiel mir trotzdem erst mal schwer. Insofern war es auch gut, dass ich erst den Goebbels gespielt habe und dann den Abbé Kremer. So konnte ich mir in einer Art von Exorzismus diesen bösen Täter auch wieder „herausspielen“.

ARTE: Hat es nicht etwas Anmaßendes, einen KZ-Häftling zu spielen?
Ulrich Matthes: Nein. Ich finde, es sollten weiterhin Filme gedreht werden, die versuchen, sich mit der deutschen Schuld auseinanderzusetzen. Man darf auch in Zukunft nicht aufhören damit. Aber ich weiß, was Sie ansprechen. Natürlich ist es heikel zu sagen, ich lasse mir die Haare abrasieren, verliere Gewicht und behaupte, ich sei nun ein KZ-Opfer. Die Herausforderung liegt eher darin, so seriös wie möglich eine Art von Innerlichkeit herzustellen, von Konzentration – auch von diesem Fremdheitsgefühl gegenüber der Welt, das die Leute umtrieb, die aus dem KZ entlassen wurden.

ARTE: Die Thematik „Drittes Reich“ scheint in Filmen nach wie vor nichts an Aktualität eingebüßt zu haben.
Ulrich Matthes: Die Deutschen waren schließlich die Schuldigen. Ich glaube, das Thema wird aus diesem Grund auch noch in 50 Jahren von Interesse sein – unter anderem deshalb, weil es letztendlich unbegreifbar bleibt. Selbst nachdem ich mich durch 2.500 Seiten der Tagebücher von Goebbels gekämpft habe, bleibt es mir ein Rätsel, was diesen Menschen mit solch einer mörderischen Energie ausgestattet hat. Je mehr ich darüber weiß, desto größer ist sogar mein Staunen darüber, dass so etwas überhaupt passieren konnte.

ARTE: Herr Diehl, der Pfarrer und der Gestapo-Chef sind zwei von Grund auf gegensätzliche Menschen.
Paradoxerweise scheint trotzdem manchmal ein Gefühl der Nähe zwischen ihnen zu entstehen.
August Diehl: Das stimmt. Auch Kremer hat im KZ Schuld auf sich geladen. Somit trägt nicht nur Gebhardt etwas mit sich herum. Als ich den Film gesehen habe, kam mir der Gedanke, dass beide sehr gute Freunde hätten sein können – wenn sie sich unter anderen Umständen kennen gelernt hätten. Beide bewegt letztlich etwas Ähnliches – nämlich die Frage nach der Schuld.

Das Gespräch führte Dorothea Grass für das ARTE Magazin

ARTE PLUS
Der neunte Tag
Neben den Erinnerungen des Italieners Primo Levi („Ist das ein Mensch?“) stützt sich das Drehbuch vor allem auf den Roman „Pfarrerblock 25487“ des Geistlichen Jean Bernard (geb.1907), Symbolfigur des katholischen Widerstands in Luxemburg. 1941 wurde Bernard im so genannten „Pfarrerblock“ des KZ Dachau interniert – zusammen mit ca. 3 000 christlichen Widerständlern. Er überlebte das Konzentrationslager und starb 1994.

Erstellt: 21-08-08
Letzte Änderung: 21-08-08