Français

Schriftgröße: + -
Home > Der letzte Zeuge > Autor Edelmann

Im Gespräch mit...

Autor Edelmann

"Der letzte Zeuge" (ARTE/ZDF), jeweils donnerstags, von Juni bis August 2008, auf ARTE


Interview mit dem Drehbuchautor Gregor Edelmann zur Serie (Das Interview wurde im Mai 2007 geführt, also vor Ulrich Mühes überraschendem Tod)

ARTE: Herr Edelmann, die Krimiserie „Der letzte Zeuge“ läuft seit 1998 mit wachsendem Erfolg. Als Autor haben Sie die Serie über die Jahre entwickelt. Wie kam es zu der ungewöhnlichen Idee, einen Gerichtsmediziner in den Mittelpunkt zu stellen?
Edelmann: Das kam zunächst einfach dadurch auf, weil der damalige Chef der Produktionsfirma Nova-Film in der Bild-Zeitung etwas von mir gelesen hatte. Ich habe damals eigentlich fürs Theater gearbeitet, musste aber nebenher noch Geld verdienen und habe für die Bildzeitung eine Serie geschrieben. Die hatten mich zu dem berühmten Professor Wolfgang Bonte, dem Vater der modernen deutschen Gerichtmedizin, nach Düsseldorf geschickt, um mit ihm über seine Arbeit zu reden.

Und Professor Bonte hat Ihnen seine Arbeit erklärt?
Ja, er ist inzwischen leider verstorben, er war der Chef der Rechtsmedizin an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität, zu der auch ein rechtsmedizinisches Museum gehört. Ich hatte eigentlich überhaupt keine Ahnung von Rechtsmedizin und bin einfach dahin gefahren, und Prof. Bonte war sofort sehr freundlich und aufgeschlossen. Er hat mich gleich mitgenommen in den Sektionssaal, so was hatte ich überhaupt noch nicht gesehen. Er hat mir dann verschiedene Fall-Geschichten erzählt aus seinem Metier, und ich habe für die Bild-Zeitung eine zwölfteilige Serie geschrieben. Es war ungeheuer spannend. Irgendwann erhielt ich dann einen Anruf vom Chef der Nova-Film, und der sagte, er hätte die Serie gelesen, und er fände diese Geschichten aus der Rechtsmedizin außerordentlich interessant, und er fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, daraus etwas fürs Fernsehen zu machen, also Drehbücher für eine Serie zu schreiben. Ich hatte schon Drehbücher geschrieben und hatte natürlich Lust dazu. So hat es angefangen.

Ulrich Mühe* scheint geradezu die ideale Besetzung zu sein für den eher besonnenen, vielleicht etwas nachdenklichen Gerichtsmediziner Doktor Kolmaar, der zwar abgebrüht erscheint, sich aber immer um ein ethisch verantwortliches Handeln bemüht bei seiner Arbeit. Wie kam es zu der Besetzung?
Da waren zunächst auch andere Leute im Gespräch, so viel ich weiß. Wenn ich mich recht erinnere, haben auch einige abgelehnt mit dem Hinweis „Das ist nur Gerichtsmedizin, das ist uns zu düster, zu schrecklich“. Und so kam es durch einen Glücksfall zu Ulrich Mühe. Er ist wirklich die Idealbesatzung dafür, ein grandioser Schauspieler. Da hatten wir großes Glück.

Mit der Hauptrolle im Oskar-prämierten Film „Das Leben der Anderen“ ist Ulrich Mühe inzwischen zu einem internationalen Star geworden. Hält er denn der Serie weiterhin die Treue?*
Ja, das macht er. Wir planen auch nächstes Jahr, ab Anfang des Jahres, wieder zehn neue Folgen zu drehen. Da sind wir dann etwa bei der 80. oder 85. Folge.

ARTE zeigt nun ab dem 4. Juni die ersten 26 Folgen der Serie. Die Gerichtsmedizin ist ja nicht gerade ein Umfeld für zart besaitete Gemüter. Wie recherchieren Sie denn für Ihre Geschichten? Sie haben gesagt, sie sind damals mit in die Sektion gegangen und haben sich dort umgeschaut. Werden Sie da manchmal auch mit Fällen und Situationen konfrontiert, die besonders unangenehm sind?
Inzwischen gibt es eigentlich keine unangenehmen Sachen mehr für mich. In der Anfangsphase schon, da war ich bei der Obduktion einer Wasserleiche dabei, die war schon ein paar Tage alt. Also, so einen Geruch vergisst man natürlich sein Leben lang nicht, da war mir schon sehr schlecht. Aber inzwischen habe ich mich so oft mit dieser Materie beschäftigt und habe hervorragende Fachberater, z. B. den Professor Markus Rothschild, der jetzt der Leiter der Rechtsmedizin in Köln ist, und den Dr. Katzung als Toxikologen. Ich habe da eigentlich keine Probleme mehr mit der Materie bei meinen Recherchen.

Es kann Sie nichts mehr schockieren?
Nein, es kann mich eigentlich nichts mehr schockieren, weil ich im Laufe der Jahre natürlich auch sehr viele authentische Fälle studiert habe. Das Authentische ist dann ja noch wesentlich schockierender, als das, was im Film gezeigt wird, denn im Film kommt doch die ästhetisch-fiktionale Verarbeitung dazu.

Wenn Sie also nicht mehr so leicht zu schockieren sind, dann können eine halbverweste Leiche, abgetrennte Körperteile oder eine Obduktion für die Zuschauer aber manchmal doch noch ein Schock sein. Müssen Sie sich manchmal beim Schreiben überlegen, was Sie den Zuschauern zumuten können, und was vielleicht doch lieber nicht?
Ich denke, ich muss da beim Schreiben eigentlich weniger darüber nachdenken. Die Regie muss unter Umständen überlegen, was man noch zeigen kann, was und wie sie es ins Bild setzt. Ein Tabubereich sind sicher alle Geschichten, die mit Kindern und Verletzungen bzw. dem Tod von kleinen Kindern zu tun haben. Das ist ein besonders schwieriger, sensibler Bereich. Da muss ich sagen, dass mir das immer noch sehr nahe geht, selbst wenn es sich nur um eine fiktive Geschichte handelt.

Die Serie läuft schon lange und wird also auch weiter fortgesetzt. Ist das inzwischen ein ganz stabiles Schauspielerensemble, für das Sie sozusagen im Hinterkopf auch schon immer schreiben oder werden da manchmal auch neue Charaktere reingeschrieben?*
Na ja, sowohl als auch. Das große Glück für die Serie ist, dass der Regisseur, der Bernhard Stephan, die absolute Mehrzahl der Folgen gedreht hat. Es gibt nur ein paar Folgen, die von anderen Regisseuren gemacht wurden. Und dass das Schauspielerteam um Ulrich Mühe eben von Anfang an dabei war und immer noch dabei ist. Das ist einfach ein Glücksfall, dass diese Leute die Serie über die ganzen Jahre auf dem Niveau halten. Gut, die Textbücher müssen schon auch entsprechend sein, das ist klar. Aber das Erfolgsgeheimnis ist sicher, dass es ein so stabiles Team von Regie und Schauspielern gibt, eine tolle Konstellation. Um diesen Kern herum können dann auch neue Figuren auftreten.

Gab es eigentlich von den Zuschauern her auch schon mal Kritik? Oder zumindest den Hinweis, ihr mutet uns da einiges zu, was wir nicht immer unbedingt gerade am Abend sehen wollen? Gab es da auch schon mal Beschwerden?
Beschwerden gab es eigentlich nur einmal, aber aus einer ganz anderen Ecke. Es gibt manchmal komische Zufälle. Ich hatte eine Geschichte über einen Bankdirektor geschrieben, der einen tödlichen Unfall hatte, und wie der Zufall so will, war der fiktive Namen in der Geschichte identisch mit einem echten Bankdirektor. Die Bank hat wirklich gedacht, das sei eine authentische Geschichte über diesen Mann und die Bank, und die haben zunächst versucht, die Ausstrahlung zu verhindern. Dabei war alles nur Zufall. Sonst hatten wir nie Probleme.

Aber Sie lassen sich für Ihre Geschichten im Prinzip schon von der Wirklichkeit inspirieren und Sie recherchieren an realen Fällen, die dann in irgendeiner Form fiktionalisiert werden?
Ja, und das ist sicher auch eine Stärke der Serie. Die Geschichten, also der rechtsmedizinische Hintergrund, auch die Todesfälle und die Art und Weise, wie man zu Tode kommen kann, die sind immer authentisch. Auch wie Dr. Kolmaar dann vorgeht, also die gerichtsmedizinischen Untersuchungen sind realistisch. Da werden höchstens in einigen Details, auch um Nachahmungstaten zu verhindern, ein paar Dinge nicht gesagt, oder eben anders gesagt. Aber es gibt nichts in „Der letzte Zeuge“, was in Wirklichkeit nicht tatsächlich passieren kann!


Interview: Thomas Neuhauser, geführt im Mai 2007
* Das Interview wurde vor dem Tod des Schauspielers Ulrich Mühe geführt.

Erstellt: 01-06-07
Letzte Änderung: 04-06-08