- Synopsis
Jonathan Zimmermann ist als Restaurator in Hamburg eine Kapazität, doch ist er unheilbar an Leukämie erkrankt. Auf einer Auktion begegnet er dem Amerikaner Tom Ripley, der mit gefälschten Bildern handelt. Um die Nöte Zimmermanns wissend, vermittelt er ihn als Auftragskiller an einen französischen Mafiosi. Mit dem Honorar könnte er Frau und Kind über seinen Tod hinaus finanziell absichern. In dem Glauben, neue Erkenntnisse über seinen Krankheit gewinnen zu können, lässt sich Jonathan auf das Geschäft ein … - Das Bonusmaterial
Vielleicht ist das Wenders schönster, weil sein verspieltester, experimentierfreudigster, freister, wagemutigster Film. Der amerikanische Freund, sein erster Thriller, erzählt von einer ungewöhnlichen, radikalen Männerfreundschaft, die eigentlich erst entsteht, nachdem die Bedingungen dafür zuvor zerstört worden sind. Denn der eine, Ripley, hat schädliche Gerüchte über den anderen, Zimmermann, in die Welt gesetzt und nutzt seine Achillesferse, um ihn zu korrumpieren. Hinter den Kulissen ging es genauso leidenschaftlich zu. Zwischen dem akribisch vorbereiteten Theaterschauspieler Bruno Ganz in seiner ersten Spielfilmrolle und einem mit Drogen voll gepumpten Dennis Hopper, der direkt (in kurzen Hosen und mit 5 Fotokameras behängt) und gänzlich unvorbereitet von den grenzgängigen Dreharbeiten zu Francis Ford Coppolas Apokalypse Now aus dem philippinischen Dschungel an den Set kam, entbrannte eine wilde Schlägerei, nachdem sich die beiden während der ersten Drehtage schauspielerisch gegenseitig auszustechen versucht hatten. Anschließend verschwanden beide in der Kneipe und soffen die Nacht durch. Am nächsten Morgen hatten sich die beiden Extremschauspieler verbrüdert und ihr Schauspielerethos gegeneinander eingetauscht – Ganz kam von nun an nur noch unvorbereitet an den Drehort, während Hopper schon am Abend zuvor Wenders die umgeschriebenen Drehbuchseiten aus der Schreibmaschine riss, um gut vorbereitet am Drehort zu erscheinen.
Alle der Gangsterwelt zugehörigen Nebenrollen hat Wenders übrigens mit Regiekollegen besetzt: Nicholas Ray spielt den Fälscher, Sam Fuller einen undurchsichtigen Mafiosi, Jean Eustache einen französischen Kollegen. Wenders begründete das folgendermaßen – Regisseure seien die einzigen richtigen Gauner, die er kenne. Von der Highsmith-Vorlage hat Wenders sich ziemlich weit entfernt, besonders was den Charakter von Ripley betrifft, der im Krimi durch und durch ein Fiesling ist. Doch im Film mutiert der gefälschte Bilder verhökernde und Menschenseelen verkaufende Zyniker zum zwar immer noch zwielichtigen, aber wesentlich freundlicheren Schurken, der fast schon homoerotisch Energie geladen seine frühe Schandtat wieder gut zu machen sucht.
Großartig ist auch, wie lässig und unorthodox sich Wenders an die Fersen des gedungenen Killers wider Willen heftet. Keine falschen formalen Zugeständnisse ans amerikanische Thriller-Genre gibt es, wenn Zimmermann zur Tat schreitet, linkisch und unbeholfen, so dass man jeden Moment Angst hat, alles gehe schief. Wie ein Traumtänzer laviert sich der unglückliche Restaurator durchs Geschehen. Robby Müllers Kamera setzt das noch vom Krieg gezeichnete Hamburg der 70er Jahre wunderbar melancholisch ins Bild, Cutter Peter Przygodda läuft ebenso wie die Szenenbildner Heidi und Toni Lüdi zu Höchstform auf. Einer wunderbarer Film von Wenders, inspiriert und durchdrungen vom amerikanischen Kino, aber doch von unverkennbar eigenständiger erzählerischer Kraft, der hinter den Geschehnissen ein großes Spektrum menschlicher Gefühle und Abgründe aufscheinen lässt.
Extras: Kinowelt/Arthaus präsentiert sich hier zur Abwechselung einmal wieder von der spendablen Seite: ein cinephiler, von Wenders und Hopper eingesprochener Audiokommentar hilft dem Zuschauer, sich ins Drehgeschehen der 70er Jahre hineinzuversetzen. Schön ist es auch, dass man sich die aus dem Film herausgeschnittenen Szenen mit und ohne Kommentar von Wim Wenders ansehen kann. Darüber hinaus findet sich auf der DVD eine Filmbiographie von Wim Wenders sowie ein Kinotrailer. Aufschlussreich ist auch das Interview, dass Roger Willemsen für die DVD mit Wim Wenders geführt hat. So erfährt man, dass die Highsmith vom Ergebnis zunächst alles andere als erfreut war, dann aber, nach einem privaten Kinobesuch Wenders doch noch bescheinigte, sein Film sei in seinem Wesen all den Kinoadaptionen ihrer Romane am nächsten gekommen.
Martin Rosefeldt
- Der amerikanische Freund
Genre: Thriller
Produktionsjahr: 1977
Produktionsland: Deutschland/Frankreich
Kinostart: 24.06.1977
FSK: ab 16 Jahren
Lauflänge: ca. 121 Minuten
1977 Filmband in Gold für Regie und Schnitt und in Silber (Film).
Nach dem Roman 'Ripley's Game' von Patricia Highsmith.
- Darsteller
Dennis Hopper (Giganten, Easy Rider, Apocalypse Now)
Lisa Kreuzer (Alice in den Städten, Ein Mann wie Eva)
Gérard Blain (Schuld und Sühne, Schrei, wenn du kannst)
- Stab
Drehbuch: Wim Wenders
Kamera: Robby Müller
Produktion: Wim Wenders
Technische Angaben
DVD Bild: 1,78:1 (anamorph)
DVD Sprachen/Ton: Deutsch, Englisch (5.1 Dolby Digital)
DVD Untertitel: Deutsch
DVD Extras: Wim Wenders befragt von Roger Willemsen, Audiokommentar von Wim Wenders und Dennis Hopper, Biografie Wim Wenders, geschnittene Szenen, Trailer






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